Romandebüt von Mayo Thompson

Enver Harmoni sucht die Statuette

Mayo Thompson, Künstler und Begründer der US-Artschool-Band The Red Krayola, veröffentlicht einen Provenienz-Kunst-Thriller.

Ein Mann guckt ins durch ein Fenster hereinfallendes Licht

Kunst, ohne Weiteres: Mayo Thompson Foto: Chris Strong

Der Riese Antaios, Sohn von Poseidon (Meer) und Gaia (Erde), tyrannisiert die Gegend, fordert jedermann zum Ringkampf auf, gewinnt alle und tötet und frisst seine Feinde. Herkules/Herakles muss auch mit ihm ringen, droht ebenfalls unterzugehen, bis er versteht, dass das Monster direkt aus der Erde, nämlich von seiner Mutter Energie bezieht.

Also hebt er ihn hoch und erwürgt den sofort Erschlafften. Irgendwie lustig, dass sich der aktuelle deutsche Rechtsradikalismus mit dem tumben, menschenfressenden Muttersöhnchen identifiziert – doch darum soll es nicht gehen. Mayo Thompson, den man in der nicht immer nur brillanten Sprache der versunkenen Publikationssorte „Musikzeitschrift“ das „Mastermind“ der seit über 50 Jahren bestehenden psychedelischen „Conceptual-Art-Rock-Band“ The Red Krayola genannt hätte, hat einen Roman geschrieben. Oder eine Novelle?

Dieser mythische Ringkampf zwischen dem modernen Halbgott Herakles und dem archaischen Riesentrottel Antaios ist ein beliebtes Motiv der Renaissance. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts entsteht unter anderem eine Statuette von Antonio Pollaiuolo, dem Meister des „nackten Körpers in Aktion“, wie es ein Kunsthistoriker in der vorliegenden Novelle formuliert. Die beiden Männer scheinen etwas aneinander zu empfinden, es könnte Lust sein. Sind es überhaupt beides Cis-Männer, was lesen wir auf ihren Gesichtern, in den angespannten Muskeln?

Knappe Dialoge

„Art, Mystery“ beginnt wie ein hard boiled Kriminalroman der 1930er oder 1940er Jahre. Knappe Dialoge.

Lakonischer Witz.

Neue Zeile.

Sehr knappe, sehr lakonische Antwort.

Mayo Thompson: „Art, Mystery“, Drag City Books, Chicago 2018, 117 Seiten, 6 Illustrationen, ca. 22 Euro

Es geht um die Statuette. Mayo Thompson hat zwar einen enormen Korpus an Texten verfasst, meistens aber Lyrics für seine Band The Red Krayola oder Essays für die früheren Jahrgänge der kunsttheoretischen Zeitschrift der Konzeptualistengruppe Art & Language; erzählende Prosa gab es von ihm bisher nicht – sieht man von „Gorki & Co“ ab, einer biografischen Skizze zu Kultur und Literatur der Sowjetunion, die 1986 in Werner Büttners und Albert Oehlens Meterverlag erschienen ist.

Und wie in einem solchen Roman geht es um ein Objekt, dem alle möglichen Eigenschaften zugeschrieben werden. Wir wissen nicht, wie es an den Ort der Handlung gekommen ist, nämlich in die albanische Hauptstadt Tirana. Wir wissen nicht, ob es dort überhaupt ist. Die Promi-Lounge eines Fußballstadions, eine Kunstgalerie, ein Nachtclub.

Das Motto des Romans lautet „Funny what people seem to want“ und, ja, das ist hier immer wieder ziemlich witzig. Natürlich fragt sich vor allem zweierlei: Warum wollen wir Kunstobjekte haben? Und was wollen die beiden Männer von einander, die der Meister des nackten Körpers in Aktion zueinander geführt hat?

Historische Spur

Wie der Malteser Falke, nach dem Dashiell Hammett seinen Detektiv Sam Spade suchen lässt, hat die Statuette eine historische Spur, sie ist hier gewesen in den Jahrhunderten, in denen Albanien nach kurzer Gegenwehr ans Osmanische Reich gefallen war und dann nach wechselvollen Jahren irgendwann zum Hort eines besonders humorlosen Ultrastalinismus wurde. Härter als der opportunistische kommunistische Rest.

Doch anders als der Malteser Falke hat „Herkules und Antaios“ auch einen künstlerischen Wert. Und was heißt das? Leute mit lustigen Namen wie Pablo Pablon, Enver Harmoni oder Perlat Tile gehen der Frage nach. Und nebenbei erzählen sie sehr sophisticated Witze, die noch besser würden, wenn man sie ins Deutsche übersetzen könnte. Schade, aber toll, dass Hühnern und Fröschen in unterschiedlichen Sprachen unterschiedliche Onomatopeia zugeordnet sind. Quaack!

Man geht in einen Nachtclub namens „Tiranasaurus Rex“. Dort spielt eine albanische, mithin skipetarische Girlgroup, The Skipit Club, und singt: „We believe in love / Yeah yeah yeah / We believe in hate / Yeah yeah yeah / We have rea­sons / Yeah yeah yeah / We can explain / Yeah yeah yeah / But we won’t“. Der Wert geheim gehaltener Dinge steigt nur dann, wenn man öffentlich erklärt, dass man sie geheim hält. Altes Prinzip nicht nur von Girl Groups, sondern auch von Religionsgründern und anderen Gurus.

Vom Kunstbetrieb natürlich ganz zu schweigen. In Thompsons filmisch erzähltem Provenienzthriller bleibt es aber nicht bei ständiger Entschlüsselung und Verschlüsselung von historischem Material vor historischer Kulisse. Nach einer Zuspitzung und Auflösung folgt erst noch ein wissenschaftlicher Teil, in dem namhafte Kunsthistoriker zu Wort kommen – und dann ein Prequel, ein Prolog aus der Renaissance. Die volle gendertheoretische Brisanz dieser letzten kleinen Anekdote aus dem Leben der Künstler_innen werde ich hier aber nicht spoilern.

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