Debütalbum des Chemnitzer Trios Blond: Blutrünstig für den Moshpit

Hier performen die Künstler:innen noch selbst: Das Poptrio Blond veröffentlicht sein Debütalbum „Martini Sprite“ und geht auf Tour.

drei leute

Die Zukunft ist Blond: Nina Kummer, Johann Bonitz, Lotta Kummer Foto: Anja Jurleit

Die drei Musiker:innen der Band Blond sitzen an einem dunklen Winterabend im Atomino. Auf den abgerockten Sofas des Chemnitzer Clubs dauert es nicht lange, bis das Gespräch um das Thema Menstruation geht. „Die Periode ist ein Thema, das mehr Platz einnimmt, als man denkt“, sagt Nina Kummer. „Ich rege mich oft drüber auf, dass ich deshalb irgendwas nicht machen kann.“

Also hat die Sängerin und Gitarristin von Blond einen Song über diesen Missstand komponiert. „Es könnte grad nicht schöner sein“ heißt er und erzählt von perfekten Lebenssituationen, in denen dann blöderweise die Tage „reinkicken“.

Er ist einer von mehreren Songs auf dem heute erscheinenden Blond-Debütalbum „Martini Sprite“, der sich mit feministischen Themen auseinandersetzt. Dies kleidet die Band nicht in hartes Sloganee­ring, sondern in subtile Texte. Gleich die erste Single „Thorsten“ rechnet ganz schnöde mit Mackertum im Musikbiz ab und gibt genüsslich dumme Sprüche von Männern wieder: Wie den, dass man das für eine Musikerin ja ganz gut hinbekommen hätte, aber das Kleid vielleicht etwas zu kurz geraten sei.

Der Song „Sie“ wiederum beginnt mit der aufregend klingenden Zeile „Mein Herz macht Boom-Boom“, beschreibt aber Angst, die fast jede Frau hat, die nachts allein auf der Straße unterwegs ist. Sie hält den Hausschlüssel zur Notwehr in der Faust sicherheitshalber schon mal griffbereit. „Wir kennen eigentlich gar keine Frau, der noch nie irgendwas passiert ist“, sagt Schlagzeugerin Lotta Kummer.

Upliftende Popsongs

„Ein blödes Ereignis kann dazu führen, dass ich mein Leben lang ängstlich bin“, fügt Nina Kummer an. „Da ist ein großes Stück Freiheit weg.“ Trotz harter Themen klingt die Musik auf „Martini Sprite“ weder aggressiv noch traurig – ganz im Gegenteil. Das Debüt der Chemnitzer, zu der neben den beiden Schwestern auch Keyboarder und Bassist Johann Bonitz gehört, ist ein upliftendes Werk.

Die Band selbst ordnet es dem Genre Las-Vegas-Glamour zu, obwohl keiner der drei jemals in der US-Wüstenstadt war. Dennoch spiegelt ihre Musik den Wahnsinn einer 24-Stunden-Casinowelt, in der es in einer Nacht möglich ist, Millionär zu werden und alles zu verzocken, gut wieder. Man sieht quasi das permanente Blinken der Leuchtreklamen, die mitten in der Wüste auf Hochhäusern stehen, vor sich. Blond garnieren ihre Songs mit rockigen Gitarrenhooks und bittersüßen Melodien.

Liebeslieder findet sich keine – zumindest keine besonders romantischen. „Es wurden schon genug Songs über klassische Liebesbeziehungen geschrieben“, findet Nina. In „Nah bei dir“ heißt es im Refrain zwar, dass der Angesprochene alles ist, was die Sängerin will. Doch um ihn zu kriegen, stalkt sie ihn bis zum Konkurrentinnen-Mord. „Match“ dagegen beschreibt die unerfüllte Sehnsucht nach Zweisamkeit, die aber nicht so groß ist, als dass man nicht auch allein und mit seinen Freunden Spaß haben könnte, wenn man sich halt nicht verliebt.

Nicht unterkriegen lassen

Humor ist ein verlässlicher Begleiter auf „Martini Sprite“ (das nach einem Mixgetränk benannt wurde, welches die Band tatsächlich gerne trinkt). Die Songs sprühen vor Esprit, und die Beobachtungen aus dem Alltag junger Frauen, die sich trotz aller Unbill nicht unterkriegen lassen, sind sehr genau. „Wir haben noch nie etwas nicht gemacht, weil wir davor Angst hatten“, sagt Nina Kummer über die Bandgeschichte, die anfangs reichlich unglamouröse Momente hatte. In dem Refrain „mit Schlafsack im Backstagebereich“ wird sie lakonisch und dadurch sehr passend beschrieben. „Wir haben immer alles in die Welt geballert und geschaut, was zurückkam“, beschreibt Lotta dieses Konzept.

Blond: „Martini Sprite“ (Rough Trade). Die Tour startet am 20. Februar im Münchner Hansa39.

Begonnen haben die heute Anfang 20-Jährigen im Kinderzimmer. Die Frage der Eltern lautete nicht, ob sie ein Instrument spielen wollten, sondern welches. Nina Kummer entschied sich für Gitarre, und weil zwei Gitarren langweilig sind, wählte Lotta Kummer das Schlagzeug. Johann Bonitz lernte Klavier und kam immer zu Besuch. Ihr erster gemeinsamer Auftritt: Johanns Jugendweihe, danach der Geburtstag einer Oma.

Doch schnell landeten sie im Atomino, wo öfters Covernächte namens „Mania“ steigen, in denen Bands jeweils Songs von anderen spielen müssen. „Wir wurden immer unterstützt“, betont Lotta Kummer. Von den eigenen Brüdern, die mit ihrer Band Kraftklub längst berühmt sind, von den Eltern, die sie zu Konzerten fuhren, als sie selbst noch zu jung waren, und von der Chemnitzer Subkulturszene, die ihnen Übungsräume und Produktionsmittel für Musikvideos zur Verfügung stellte.

„In Berlin würde das alles so gar nicht funktionieren“, sagt Nina Kummer. Obwohl Chemnitz dank Kraftklub und Trettmann inzwischen auch auf der musikalischen Landkarte verzeichnet ist, sei die sächsische Universitätsstadt noch nicht übersättigt, viele Leuten hätten Bock, was zu machen. „Ich finde Chemnitz auch nicht scheiße“, sagt Johann.

Jede Menge Gimmicks

Dass der Bassist blind ist, bremst die Band keineswegs. „Mein Part ist vor allem der musikalische, das Optische liegt mir nicht so“, witzelt er. „Er vertraut uns“, sagt Nina Kummer. Das wird auch bei den Konzerten deutlich, die die Bezeichnung Show auch tatsächlich verdienen, schließlich beinhalten sie nicht nur Musik, sondern auch jede Menge Gimmicks, sogar Zaubertricks. „Wir mögen gute Unterhaltung“, erklärt Nina. Und Lotta betont: „Es ist immer gut, wenn man zu groß denkt.“

Und so werden Blond auf Tour von 16 Leuten begleitet, inklusive Chor, Tänzer:innen und einer Person, die beim Umziehen hilft. Inspiration für ihre Bühnenshow ziehen sie aus Events wie der Halbzeitpause des US-„Super Bowl“, die Blond für ihre Bühnendarbietung im DiY-Stil umsetzen. Dass ein Konzert nicht einfach nur Konzert ist, sondern auch Kunstperformance, haben Blond von Peaches gelernt, bei der die Chemnitzer mal im Vorprogramm spielten.

Prägend war auch die Inszenierung von Sängerin Beth Ditto und ihrer Band Gossip. Inzwischen sind Blond selbst Role Models geworden. „Mein Schlagzeuglehrer hat mir erzählt, dass junge Mädchen wegen mir mit Schlagzeug anfangen“, sagt Lotta und freut sich sehr darüber.Wenn sie bei Konzerten „Es könnte grad nicht schöner sein“ anstimmen, hoffen Blond übrigens darauf, dass sich ein Moshpit bildet und alle im Publikum „Bloody storm in my uterus“ mitgrölen. Frauen und Männer.

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