Debatte um den ÖRR: Wer Reformation will, braucht Humor

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist bockig, sobald Kritik laut wird. Dabei lässt sich bei Luther lernen, wie man es macht: mit Witz.

Doppelportrait vor ARD-Logowand

Der aktuelle ARD-Vorsitzende Tom Buhrow (r) und sein Nachfolger Kai Gniffke Foto: Henning Kaiser/dpa

Jan Böhmermann hat’s getan, Thomas Gottschalk tut es. Fehlt eigentlich nur noch, dass Maria Furtwängler im „Tatort“ auch noch damit anfängt. Der Zustand des öffentlich-rechtlichen Mediensystems lässt keineN kalt. Das ist schon mal die gute Nachricht.

Böhmermann verkündet im „ZDF Magazin Royale“, der ÖRR sei „scheiße“. Gottschalk sagt derweil dem medienpolitischen Fachblatt Hörzu, die „Kampfprogrammierung“ zwischen ARD und ZDF sei „nur ein weiterer Beweis dafür, dass wir keine zwei öffentlich-rechtlichen TV-Sender brauchen. Das ZDF versucht, die Konkurrenz mit Krimis zu vernichten, und die ARD rettet sich mit ‚Schlagershows‘ […]. Der Gebührenzahler ist dabei der Dumme!“

Wobei das natürlich auch nicht ganz so stimmt, schließlich gucken viele Leute das Zeug ja mit großer Begeisterung weg. Und wer Dokus wie „WM der Schande“ im WDR oder „Geheimsache Katar“ im Zweiten gesehen hat, kann dem Doppelwhopper aus ARD und ZDF vermutlich auch was abgewinnen. Doch intern, in der Wagenburg, ist die Stimmung gereizt. Hochrangige ÖRR-Menschen sahen sogar bei der „Tagesschau“ anstaltseigene „Wutbürger*innen“ am Werk. Nur weil es dort plötzlich mal kritisch in eigener Sache zuging.

Ja, der ÖRR ist reformbedürftig. Meinetwegen braucht’s sogar ’ne Revolution, ganz gediegen mit dem Heinzelmännchen aus Köln. Wenn das System die dahintersteckende Idee wirklich ernst nimmt, ist der ÖRR doch sowieso immer work in progress. Damit er das auch selber merkt, sollte vielleicht „VERÄNDERUNG IST NICHT SCHLIMM“ als Dauerkennung unten durchs Bild laufen.

Ein Ausweg für das Dilemma

Problemtisch ist die miese Stimmung, die als Generalbass die Debatte begleitet. Tom Buhrow hält ’ne brauchbare Rede. Prompt schmollen alle anderen Anstaltsgranden. Die ÖRR-Aufsichtsgremien finden sich zwar nicht von Buhrow, aber ebenfalls zu Unrecht unter Generalverdacht gestellt, weil sie von RBB bis NDR zu wenig mitbekamen.

Das Dilemma ließe sich lösen: Wenn die Gremien begreifen, dass zur Gesellschaft, die sie vertreten, auch die Menschen gehören, die im ÖRR arbeiten. Redet doch mal miteinander!

Unser ÖRR ist großartig! Aber wahrscheinlich wirklich ein bisschen zu groß. Und auf jeden Fall zu artig. Das zeigt sich gerade in der schlecht gelaunten Reformdebatte. Reform darf Spaß machen. Luther hat bei der Reformation sogar sehr viel gelacht. „Stimmt, er war trotz Gefahr mutig und übersetzte dieses Witzebuch, als er in der Wartburg festsaß und fror“, sagt die Mitbewohnerin. Kein Grund für den ÖRR, sich in die ­Wagenburg zu verkrümeln. Geld ist genug da. Es ist wie in vielen zu großen und zu artigen Systemen bloß falsch verteilt.

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

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