ARD-Chef Tom Buhrow überrascht: Zukunft von ARD und ZDF ungewiss

Beim Hamburger Übersee-Club machte Buhrow ernst. Er forderte eine Reform der Öffentlich-Rechtlichen und stellte die Existenz der zwei Sender in Frage.

Portrait von Tom Buhrow

Tom Buhrow: Als ARD-Vorsitzender ist für ihn Ende des Jahres Schluss Foto: Herby Sachs/WDR

Die ARD hat die Revolution ausgerufen. Natürlich nicht von irgendeinem Anstaltsbalkon oder mitten in einer „Lügenpresse, auf die Fresse“-Demo, sondern viel gediegener in Schlips und Kragen. Tom Buhrow sprach vor dem Hamburger Übersee-Club.

Nun hätte da das Übliche kommen können. Doch Buhrow machte wirklich Ernst und damit klar, dass er alles andere als das Leichtgewicht mit dem netten „Tagesthemen“-Lächeln ist. Überhaupt war das Ganze glänzend inszeniert, passend zum Übersee-Club mit unmittelbarer Rundum-Berichterstattung durch die FAZ.

„Das ist keine Debatte mehr um Einzelthemen. Es ist eine Grundsatzdebatte“, sagte Buhrow. Eine Grundsatzdebatte, die auf übliche Weise nicht zu lösen ist. „Alle belauern sich. Medienpolitik und Senderchefs belauern sich. ARD und ZDF belauern sich […]. Es ist ein bisschen wie Mikado: Wer sich zuerst bewegt, verliert.“

Doch nach einem Verlierer sieht Buhrow nicht aus, seine Position gleicht eher der des Schriftstellers Ernst Toller, den es vor gut 100 Jahren eher unbeabsichtigt an die Spitze der Münchner Räterepublik gespült hatte. „Jeder sieht den großen weißen Elefanten im Raum. Aber wir müssen ihn benennen und mit ihm umgehen. Bisher schleichen wir alle mit Taschenrechnern und Vertragsentwürfen um diesen Elefanten herum und versuchen, ein paar Fortschritte zu erzielen, indem wir an kleinen Stellschrauben drehen.“

Wirklicher Sprengstoff

Der tolle Buhrow traute sich sogar, die Gretchenfrage zu stellen: „Will Deutschland weiter parallel zwei bundesweite, lineare Fernsehsender? Wenn nicht: Was heißt das? Soll einer ganz verschwinden und der andere bleiben? Oder sollen sie fusionieren […]? Und was ist mit den regionalen Programmen? Sollen sie als Vollprogramme bleiben? Oder in dem einen verbleibenden bundesweiten Programm aufgehen?“

ARD, ZDF und die Dritten in einem Atemzug zur Disposition zu stellen, ist nun wirklich mal Sprengstoff. Den „gedanklichen Neuanfang“ soll jetzt ein neues, unabhängiges Forum schaffen, „ohne die typischen Selbstverteidigungsreflexe. Ohne Denkverbote.“

Buhrow zitiert den CSU-Vorschlag eines Parlamentarischen Rates, der die Gründung der Bundesrepublik vorbereitete. Wobei, wenn schon Bayern, dann lieber öffentlich-rechtlichen Verfassungskonvent, diesmal auf Frauenchiemsee! Doch der WDR-Chef spricht auch vom runden Tisch. Das wäre die beste Lösung. Sie hat auch 1989 in der DDR leidlich funktioniert.

Wobei Buhrow, der alte Fuchs, jetzt zwar die Bombe gezündet hat. Doch als ARD-Vorsitzender ist für ihn Ende des Jahres Schluss. Um im Bild der Räterepublik zu bleiben, muss dann als Erich Mühsam Kai Gniffke vom SWR als neuer ARD-Chef ran.

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2000-2012 Medienredakteur der taz, dann Redakteur bei "ZAPP" (NDR), Leiter des Grimme-Preises, 2016/17 Sprecher der ARD-Vorsitzenden Karola Wille, seit 2018 freier Autor, u.a. beim MDR Medienportal MEDIEN360G. Schreibt jede Woche die Medienkolumne "Flimmern und rauschen"

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