Debatte um Schnelltest in Berlin: Negativ in 15 Minuten

Ist es nicht Zeit für den neuen Corona-Schnelltest? Der wird von manchen Hausärzten schon angeboten. Bald soll er großflächig zum Einsatz kommen.

Ein Mitglied des medizinischen Personals prüft einen Schnelltest zum COVID-19-Antikörper-Nachweis

Billig, schnell, aber nicht 100prozentig zuverlässig: Schnelltest zum COVID-19-Antikörper-Nachweis Foto: Michael Kappeler/dpa

BERLIN taz | Knapp 65.000 Tests auf das neuartige Coronavirus wurden in der vergangenen Woche in Berlin ausgewertet. Das sind nicht nur mehr als dreimal so viele wie im März, es sind auch mehr, als die Kapazitäten der Labore hergeben. Die Testkapazität der Berliner Labore liegt laut Gesundheitsverwaltung pro Woche bei 61.424 Tests, deren Auslastung also aktuell bei knapp 106 Prozent. Es könne daher schon mal 4 Tage dauern, bis die Labore ein Ergebnis vermelden können.

Vor diesem Hintergrund ruht die Hoffnung nicht nur auf einem Ende der Herbstferien mit Reisewilligen, die irgendwo zwischen Ostsee und Allgäu ein negatives Testergebnis vorlegen müssen. Die Aufmerksamkeit richtet sich zunehmend auf die Antigen-Schnelltests, die seit Kurzem auf dem Markt sind.

Für einen Antigen-Schnelltest wird, wie bei den bisher üblichen PCR-Tests auch, von medizinisch geschultem Personal ein Nasen- Rachen-Abstrich genommen. Anders als bei den PCR-Tests wird die Probe dann aber nicht auf Genmaterial, sondern auf ein bestimmtes Oberflächenprotein des Virus getestet. Das funktioniert ohne zusätzliche Laborgeräte mithilfe eines Testkits, das an einen Schwangerschaftstest erinnert.

Nach 15 bis 30 Minuten ist das Ergebnis da – ohne zeitaufwendigen Versand in ein Labor und extra Übermittlung des Testergebnisses. Der Antigentest gilt als nicht ganz so sicher wie der PCR-Test. Bei der Bestätigung einer vermuteten Infektion bleibt der PCR-Test daher nach wie vor Mittel der Wahl. In seine am 14. Oktober veröffentlichte Coronavirus-Testverordnung hat das Bundesgesundheitsministerium Antigentests als Teil der nationalen Teststrategie mitaufgenommen.

Viel Arbeit Allein bei der 14. Kammer des Verwaltungsgerichts Berlin, die für das Infektionsschutzrecht zuständig ist, seien bis zum Donnerstag 196 Verfahren eingegangen, sagte Vize-Sprecher Dominic Hörauf der dpa. Überwiegend seien Eilanträge gegen die Corona-Eindämmungsverordnung des Senats eingereicht worden, nur in seltenen Fällen Klagen. 151 Fälle seien bislang erledigt worden. Auch andere Kammern des Gerichts haben demnach mit den Coronaregelungen zu tun, etwa wenn es um das Versammlungs- oder Schulrecht gehe. Aktuell stehen Entscheidungen zur Sperrstunde von 23.00 bis 6.00 Uhr in zwei Eilverfahren aus. Insgesamt haben sich elf Gastwirte an das Gericht gewandt. Sie wollen erreichen, dass die Sperrstunde aufgehoben wird. (dpa)

Diverse Kollegen machen das schon

Bereits seit einigen Wochen können Antigen-Schnelltests in den Apotheken bestellt werden – allerdings nur von medizinischem Fachpersonal. Er und diverse Kollegen machen das schon, sagt Wolfgang Kreischer, Allgemeinmediziner in Zehlendorf und Vorsitzender des Hausärzteverbands Berlin-Brandenburg. Seinen Patienten biete er die Antigentests etwa bei einem geplanten Besuch von Verwandten im Altersheim, aber auch vor einer Reise in ein Bundesland mit Beherbergungsverbot als Selbstzahlleistung an.

„Die sind nicht nur schneller, sondern auch deutlich billiger als die PCR-Tests“, sagt Kreischer. Im Einkauf koste ein Test unter 10 Euro. Zusammen mit der Leistung der Praxis würden rund 30 Euro fällig. „Ich weiß aber, dass es auch Kollegen gibt, die deutlich mehr verlangen“, so der Vorsitzende des Hausärzteverbands. Die Abstimmung mit den Krankenkassen, wann die Kosten eines Antigentests übernommen werden, laufen noch. „Da warten wir auf die entsprechenden Informationen“, sagt Kreischer.

Die in der Testverordnung vorgesehene Teststrategie empfiehlt jedenfalls den Einsatz von Antigen-Schnelltests vor allem als Sicherheitsmaßnahme in Krankenhäusern, Pflege- und Betreuungseinrichtungen sowie Arztpraxen.

Regelmäßig getestet werden sollen auf diese Weise das Personal und je nach Einrichtung auch Bewohner/Betreute und BesucherInnen, und zwar als Vorsorgemaßnahme, solange in der Einrichtung noch kein Infektionsfall vorliegt. Bei Personen mit Symptomen, direkten Kontaktpersonen von Erkrankten sowie bei Ausbrüchen in medizinischen Einrichtungen oder auch Schulen und Kitas bleiben PCR-Tests die bevorzugte Methode – es sei denn, die Labore sind überlastet.

Partys mit vorherigem Schnelltest?

Bei einer regelmäßigen Testung von Personal, Betreuten und BesucherInnen ist man in den Krankenhäusern etc. indes noch lange nicht. „Wir planen, Schnelltests künftig zunächst im Rahmen einer Pilotphase in den Rettungsstellen einzusetzen“, heißt es etwa von einem Vivantes-Sprecher.

Und auch auf politischer Ebene muss man sich nach der Veröffentlichung der nationalen Teststrategie noch sammeln. Man werde die bestehende Berliner Strategie nachschärfen und den daraus resultierenden Bedarf an Antigen-Schnelltests dann dem Bund melden, hieß es aus dem Senat. Der Bund habe sich Kontingente bei einem Schweizer Hersteller von Antigen-Schnelltests gesichert, die er nun nach angemeldetem Bedarf an die Bundesländer verteilen werde.

Schon vor Einführung der Schnelltests wurde derweil spekuliert, ob sie nicht auch in anderen Lebensbereichen die Härten der Pandemie entschärfen könnten. So träumt etwa die Berliner Clubkommission davon, Partys und Events künftig mit vorherigem Schnelltest risikoärmer zu gestalten, und wirbt bereits für die Durchführung eines Testbetriebs medizinisch geschulte Freiwillige an. Wie praktikabel das ist, ob die verfügbaren Tests für solche Anwendungsgebiete überhaupt ausreichen – das werden die nächsten Wochen zeigen.

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