Debatte über „The Crown“: Wenn Serien Geschichte vermitteln

Die britische Königsfamilie kommt in „The Crown“ nicht gut weg. Viele fordern nun eine Warnung, dass die Serie fiktiv sei. Doch ist das nötig?

Szene aus der Serie: Vier Personen in Funktionskleidung mit Regenschirm vor einem Auto

Aristokratische Funktionsmode: Die Queen (Olivia Colman) in ihrer schlammbrauen Jacke Foto: Netflix

Sie tut einem ein bisschen leid, Maggie Thatcher in ihrem pinkem Kleid. Zusammen mit ihrem Mann betritt sie Balmoral Castle, die Sommerresidenz der Queen. Dort trifft sich die königliche Familie zum Aperitif. „In Abendrobe“ stand im Protokoll, aber statt im Smoking sitzt die Queen in schlammgrau-braunen Barbour-Jacke da. Aristokratische Funktionsmode. Der aufgebrezelten Premierministerin entgleitet das Gesicht. Peinlich für Thatcher, fies von der Königsfamilie.

So zumindest wirkt es in der vierten Staffel der Netflix-Serie „The Crown“. Die Königsfamilie als kühler Clan, der jede, die den Windsor-Knigge missachtet, auflaufen lässt.

Doch offenbar hat sich die Szene so nicht abgespielt. Das Verhältnis der Queen zu Thatcher war zwar kein besonders gutes, der Antrittsbesuch aber auch nicht so desaströs. Der Historiker Hugo Vickers hat acht Erzählungen in der neuen Staffel aufgelistet, die frei erfunden sind.

Nun debattiert halb Großbritannien über „The Crown“. Die aktuelle Staffel spielt in den 80er Jahren, in einer Zeit also, an die sich viele Zuschauer erinnern können. Ein Großteil der Protagonisten lebt noch. Deswegen erregt gerade diese Staffel so viel Aufmerksamkeit. Politiker fürchten, sie könne das Bild der Königsfamilie beschädigen, andere fordern, Netflix solle eine Warnung vor die Serie stellen, dass es hier um Fiktion geht. Übertrieben?

Ja und nein. Dass die Königsfamilie in der Serie so schlecht wegkommt, hat reale Konsequenzen. Das lässt sich auch auf dem Instagram-Account von Charles’ Frau Camilla nachlesen. Da wünschen sich Dutzende Diana zurück.

Serien und Filme prägen das Geschichtsbild vieler Menschen. Was wir über Indigene denken, hat Karl May beeinflusst. Die amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ hat in den 70er Jahren ein Massenpublikum dazu gebracht, sich mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Im Fall der Königsfamilie ist es verkraftbar, dass nicht jedes Detail historisch akkurat ist. Problematisch wird es bei Serien, die Ereignisse von weltpolitischer Bedeutung erzählen. „Chernobyl“, zum Beispiel, die HBO-Serie von 2019. Darin wird die Reaktorkatastrophe von 1986 nacherzählt. Ich habe darin viel gelernt. Wobei, so richtig gelernt habe ich eigentlich erst nach der Serie, als ich nachgelesen habe, was damals passiert ist.

Masha Gessen, Russlandspezialist*in und Journalist*in, hat im New Yorker aufgeschrieben, was die Serien verzerrt, vereinfacht oder übertrieben hat. Dass die Erzählung des mutigen Wissenschaftlers, der einsam für die Wahrheit und gegen eine Handvoll Sowjet-Dämonen kämpft, inszeniert ist, dürfte jedem klar sein. Dass die Sowjetunion aber stellenweise dargestellt wird, wie zur Zeit unter Stalin, ist für Laien schon nicht mehr so einfach zu erkennen – ist aber nicht unwichtig für unser Bild der Sowjetunion zur Hochzeit des kalten Krieges.

Brauchen Serien also eine Warnung? Nein. Fiktion ist Fiktion und nicht Doku. Wenn Serien dazu beitragen, dass sich Zuschauer mit Geschichte auseinandersetzen, dann ist das schon sehr viel.

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Redakteurin im Ressort Reportage und Recherche. Außerdem Leiterin der taz-Podcasts und Vorständin der taz. Davor war sie Medienredakteurin im Gesellschaftsressort taz2. Geboren 1986, aufgewachsen in Erfurt. Danach Studium der Soziologie und Politikwissenschaft in Leipzig, Berlin und Schweden. Ausbildung zur Redakteurin an der Deutschen Journalistenschule. Seit 2014 bei der taz.

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