Debatte Terrorismus und Al-Qaida

Kein Automatismus mehr

Al-Qaida ist über die Jahre zu einem Konglomerat regionaler Gruppen geworden. Was heißt das für den Anti-Terror-Kampf des Westens?

Lichtstrahlen zeigen am fünften Jahrestag von 9/11 in den Himmel über Manhattan

Bis 2010 gab es regelmäßig Anschläge oder Anschlagsversuche von Al-Qaida, danach reißt es ab Foto: ap

Der Krieg gegen al-Qaida hat wieder an Fahrt gewonnen. Vor einigen Tagen teilte das Pentagon mit, ein weiteres hochrangiges Mitglied des Terrornetzwerkes sei vom US-Militär getötet worden. Demnach starb Qari Yasin bei einem Drohnenangriff in Afghanistan nahe der pakistanischen Grenze.

Die USA haben seit den Anschlägen vom 11. September zwar nie aufgehört, die Organisation mit militärischen Mitteln zu bekämpfen, in den letzten zwei Jahren lag der Fokus jedoch vor allem auf dem „Islamischen Staat“ (IS). Seit einigen Monaten wird nun auch wieder al-Qaida verstärkt ins Visier genommen, vor allem der jemenitische beziehungsweise syrische Ableger.

Die USA tun das aus der Annahme heraus, dass al-Qaida weiter Angriffe auf westliche Ziele plant. Auch nach herrschender Lehre hat sich an der Bedrohung durch die Gruppe nichts geändert. Und in der Tat, die Propaganda von al-Qaida bis hin zu Verlautbarungen der jüngsten Zeit sieht nach wie vor den Kampf gegen den sogenannten Fernen Feind, also die westlichen Länder, vor.

Nur – wo bleiben dann die Anschläge? Bis 2010 hat es regelmäßig Anschläge oder Anschlagsversuche gegeben, danach reißt es ab. Al-Qaida wäre allerdings auch heute dazu in der Lage. Eine ihrer Filialen, die syrische Hayat Tahrir al-Scham (HTS) – die frühere Al-Nusra-Front – hat etwa 12.000 Kämpfer, darunter viele aus Europa. Die Konkurrenz vom IS hat es vorgemacht: Es ist ohne Weiteres möglich, Kämpfer aus Syrien nach Europa zu bringen oder Anhänger dort beziehungsweise in den USA zu Anschlägen zu motivieren – wenn man es denn will.

Auf Regionalisierungskurs

Die Ex-Nusra will es nach eigenem Bekunden jedenfalls nicht. Sie hat bereits mehrfach erklärt, ausschließlich in Syrien kämpfen und keine Anschläge auf westliche Ziele begehen zu wollen. Dass sie sich im letzten Sommer von al-Qaida losgesagt beziehungsweise kürzlich mit weiteren syrischen Milizen zur HTS vereinigt hat, unterstreicht diese Regionalisierung. Vorrangiges Ziel ist die Gründung eines Gottesstaates in Syrien. Ähnliche Erklärungen seitens des jemenitischen Al-Qaida-Ablegers gibt es zwar nicht, in der Sache ist jedoch die gleiche Entwicklung zu beobachten.

Auch diese Gruppe konzentriert sich nicht mehr auf den Kampf gegen den Westen, sondern darauf, im Jemen ein Herrschaftsgebiet zu erobern und zu halten, in dem sie ihre Interpretation des Islams durchsetzt. Genau wie die Kollegen in Syrien ist sie dabei bemüht, lokale Bündnisse zu schmieden und in Regionen unter ihrer Kontrolle elementare staatliche Leistungen bereitzustellen, um so von der Bevölkerung anerkannt zu werden.

Berücksichtigt man jetzt noch, dass die somalische Schabab sowie al-Qaida im Maghreb zwar zweifellos Terror ausüben, aber ebenfalls nur regional agieren, drängt sich die Frage auf, ob die Programmatik des Kampfes gegen den Fernen Feind faktisch überhaupt noch aktuell ist. Ist al-Qaida über die Jahre nicht zu einem Konglomerat von Gruppen mutiert, die jeweils nur eine regionale Agenda verfolgen, nämlich die Errichtung von Emiraten, Herrschaftsräumen, in denen auf Basis der Scharia regiert wird?

Charlie Hebdo

Ein Anschlag durchbricht dieses Muster: der Angriff auf die Pariser Redaktion von Charlie Hebdo im Januar 2015. Einer der Täter hat im Jahr 2011 im Jemen eine Ausbildung erhalten. Im Jahr 2013 hat al-Qaida zudem eine Liste von Anschlagszielen veröffentlicht, in der auch die Redaktion von Charlie Hebdo genannt wurde. Vor allem aber hat sich der jemenitische Arm nachträglich zu dem Anschlag bekannt.

Einige Details trüben andererseits das Bild, etwa die seltsam lange Zeit zwischen Ausbildung und Anschlag. Vor allem jedoch scheint es, dass die treibende Kraft hinter dem Angriff eine ganz andere Person war: Amedy Coulibaly, der Mann, der zwei Tage später in Paris einen jüdischen Supermarkt überfiel. Er hat die Waffen für den Anschlag auf Charlie Hebdo besorgt und hielt während der Ereignisse engen Kontakt zu den Attentätern. Coulibaly wiederum hat nicht al-Qaida, sondern dem IS die Treue geschworen.

Dass man mit militärischer Terrorismusbekämpfung auf Nummer sicher geht, ist ein Irrtum

Es lässt sich zumindest spekulieren, dass Coulibaly und die Charlie-Hebdo-Attentäter, die sich seit Jahren kannten, auf eigene Faust beschlossen haben, die Anschläge zu begehen, und Letztere vor dem Hintergrund ihrer alten Verbindung sich als Kämpfer der al-Qaida präsentiert haben. Al-Qaida wiederum hat sich aus demselben Grund beziehungsweise der Tatsache, dass sie zwei Jahre zuvor die Redaktion von Charlie Hebdoausdrücklich zum Ziel deklariert hatte, zu dem Anschlag bekannt, ohne jedoch im Vorfeld einen konkreten Auftrag gegeben zu haben.

Egal wie man den Anschlag auf Charlie Hebdo einordnet – festzuhalten ist, dass al-Qaida einen Kurs der Regionalisierung eingeschlagen hat. Die Wiederaufnahme des Kampfes gegen den Fernen Feind würde diesen Kurs gefährden und wäre den lokalen Partnern auch nicht vermittelbar.

Durch zivile Opfer entsteht Hass

Hierdurch stellt sich eine interessante Frage. Wenn al-Qaida sich nicht mehr für den Westen interessiert, warum sollte sich der Westen noch für al-Qaida interessieren? Ist es insbesondere noch zweckmäßig, im Wochentakt hochrangiges Al-Qaida-Personal zu töten – wobei dann auch zufällig anwesende Zivilisten zu Tode kommen? Könnte man al-Qaida nicht behandeln wie etwa die libanesische Miliz Hisbollah, die zwar als Terrorgruppe geführt wird, aber weitgehend unbehelligt bleibt, solange sie nur in der Region agiert?

Die Antwort, ganz gleich, wie sie ausfällt, ist eine Art Wette auf das künftige Verhalten der Gruppe – eine Wette, die man natürlich auch verlieren kann. Dabei wäre es ein Irrtum zu glauben, mit der fortgesetzten militärischen Bekämpfung ginge man sozusagen auf Nummer sicher. Zum einen provozieren die dauernden Angriffe irgendwann möglicherweise genau das, was sie eigentlich verhindern sollen, nämlich Anschläge auf westliche Ziele.

Zum anderen entsteht durch die regelmäßigen zivilen Opfer Hass, und Hass gebiert neue Gewalt. Die Terrorismusbekämpfung mit militärischen Mitteln ist vor allem in den USA zu einem Automatismus geworden. Im Falle von al-Qaida wird es Zeit, diesen Automatismus zu überdenken.

Einmal zahlen
.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben