Dating Ü40: Rendezvous auf der Stalinallee
Ein perfektes Date über den Dächern Ostberlins, doch dann wird beim Trinkgeld geknausert. Und Friede Springer mischt sich ein.
I ch habe zwei Fragen. Erstens: Was denkst du, welchen Beruf der Mann mit der kurzen Hose hat? Und zweitens: Darf ich dich küssen?“, sagt L. „In der Reihenfolge?“, frage ich zurück. „Oder in umgekehrter Reihenfolge“, antwortet L., während sich sein Kopf meinem weiter nähert. Das Küssen ist etwas schwierig, wir sitzen nebeneinander halb in der Hocke auf einer Treppe am Rande der Tanzfläche am Monbijoupark.
Gerade haben wir an einer Bachata-Einführung teilgenommen. Tatsächlich haben wir uns dabei weniger bewegt, als die Lebensweisheiten des Lehrers mit auf den Weg bekommen: Immer mit aufrechter Brust gehen, das stärke das Selbstbewusstsein, im Tanz und im Leben. Und weil L. sich zum ersten Mal im Paartanz versucht hat, gar nicht mal schlecht, räumen wir das Feld, sobald der Kurs vorbei ist. Und nun schauen wir den Paaren zu, die wirklich tanzen können.
Es ist unser zweites Date. Beim ersten testete ich in einer Ausstellung über das historische Berlin sein Wissen als Hauptstadtkind, lasen wir uns ununterbrochen lachend in einem Online-Gästebuch fest, aßen Tapas auf einem Schiff, retteten uns vor dem Regen in den Rumpf, tranken Cocktails, die nach Berliner Brücken benannt waren, und spielten beinahe Quartett. Unser zweites Date begann wieder mit einer Ausstellung, wir durchliefen einen Geburtskanal; dann gab’s Pizza, Bachata, Beruferaten und unseren ersten Kuss. Anschließend spazieren wir durch die halbe Stadt, trinken einen Cocktail in einer Bar und küssen uns weiter.
Eine Woche später haben wir unser drittes Date. Es ist Sonntag. L. hatte am Abend vorher noch einen Auftritt mit seiner Band und hat nur wenige Stunden geschlafen, ich bin fasziniert von seiner Energie. Dieses Mal fahren wir aufs Dach eines der denkmalgeschützten Häuser auf der ehemaligen Stalinallee und essen Kuchen an einem Stehtisch am Fenster – mit Abstand, weil L. Höhenangst hat.
Bettgeflüster mit Erinnerungslücken
Wir scheitern daran, neben dem Fernsehturm weitere markante Orte im Stadtbild zu identifizieren. Später essen wir Pasta mit Trüffel, noch später trinken wir uns unbekannte Cocktails in einer Bar. Ich zahle. Es ist Sonntag, 3 Uhr, wir haben zu viel getrunken, und weil die letzte Bahn längst weg ist, gehe ich mit zu L. nach Hause. Aus diesem Grund. Natürlich.
Wir knutschen auf dem Sofa, dann im Bett, streicheln uns. L. ruft plötzlich, halb entrüstet, halb amüsiert: „70 Cent Trinkgeld!“ – „Das weißt du so genau?“, wundere ich mich, und er nennt den exakten Betrag, den die Cocktailrechnung betrug, und den, den ich gezahlt habe. Es stimmt, das war wenig. Normalerweise knausere ich nicht mit Trinkgeld. Vielleicht konnte ich in dem Zustand nicht mehr rechnen und fand es praktisch, einen runden Betrag zu zahlen. Ich weiß es nicht mehr. Ich bin aber zu müde für Erklärungen, lache das Thema weg, wir kuscheln und schlafen bald ein.
Am nächsten Morgen müssen wir uns beeilen, er hat einen Termin, ich muss zum Zug. Nachdem ich zu Hause geduscht und gepackt habe und endlich in der Bahn sitze, fällt mir etwas ein. Ich schreibe L. eine Nachricht: „Kannst du dich erinnern, warum ich letzte Nacht plötzlich von Friede Springer und Mathias Döpfner gesprochen habe?“ – „Hahaha“, antwortet er. „Ich habe absolut keine Ahnung.“
Ich rühre in meinem Gedächtnis und versuche mich an weitere Einzelheiten unseres Bettgeflüsters zu erinnern, aber vergeblich. „Friede Springer mischt sich ungefragt in mein Liebesleben ein“, schreibe ich, er lacht. Im Zug versuche ich zu dösen, müde und zufrieden.
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert