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Sachbuch „Antisemitismus definieren“Das Gerücht über die Juden

Hilft eine präzise Definition, Antisemitismus zu begreifen? Nikolas Lelle und Tom Uhlig zeigen, dass scheinbare Differenziertheit ein Problem ist.

Theodor W. Adorno im Jahr 1968. Seine Analysen antisemitischer Denkmuster gingen nicht in saubere Definitionen auf Foto: Digne Meller Marcovicz/bpk

Es reicht bereits ein kurzer Blick auf das Inhaltsverzeichnis des Buches von Nikolas Lelle und Tom Uhlig, um festzustellen, dass die Idee der Autoren, sich dem Antisemitismus über kurze Vignetten zu nähern, so einfach wie einleuchtend ist. Es hätte nicht erst der unerquicklichen Definitionsstreitereien bedurft, um sich die Frage zu stellen, warum eigentlich noch niemand zuvor eine „Anleitung zur Abgrenzung“ – so der Untertitel des Bandes – geschrieben hat.

Dabei hat das Büchlein, welches nun beim Verbrecher Verlag erschienen ist, eine lange Entstehungsphase hinter sich: Eigentlich sollte sich die Intervention gegen die diskursive Ratlosigkeit richten, die sich in den Debatten um den „Historikerstreit 2.0“, die „Initiative GG 5.3 Weltoffenheit“ oder die „documenta fifteen“ gezeigt hat. Jedoch unterbrach der 7. Oktober 2023 das Vorhaben, nur um erneut zu demonstrieren, dass dieses Datum für die meisten gerade keine Irritation der Denk- und Wahrnehmungsweise bedeutete. Vielmehr schuf der 7. Oktober erneut „Gelegenheitsstrukturen“ für neues antisemitisches Engagement in altem Gewand.

In dieser Situation scheint eine möglichst präzise, jeden denkbaren Aspekt einschließende Definition von Antisemitismus als Königsweg, um sprachliche Verwirrungen abzustellen und Schulen, Gedenkstätten und Universitäten handlungsfähig zu machen. Indes entpuppt sich den Autoren zufolge die scheinbare Differenziertheit im „Streitfall Antisemitismus“ schnell als Indifferenz gegenüber den Betroffenen von Antisemitismus.

Es bleibt ein Rest, der im Begrifflichen nicht aufgeht

Lelle und Uhlig unterziehen verschiedenen Definitionen der notwendigen Arbeit am Begriff. So kann es durchaus als Qualitätskriterium gelten, dass sich die viel gescholtene IHRA-Definition ausdrücklich als „Arbeitsdefinition“ begreift. Denn keine noch so anwendungsorientierte Definition ersetzt die kritische, akademische Auseinandersetzung, schon gar nicht beim Antisemitismus. Umgekehrt erfasst eine sehr abstrakte Definition zwar eine Vielzahl an Spielarten des Antisemitismus, muss jedoch inhaltlich notwendigerweise unterbestimmt bleiben.

Dementsprechend trifft Adornos Charakterisierung des Antisemitismus als „das Gerücht über die Juden“ den Kern der meisten antisemitischen Erscheinungsformen. Wie die Autoren jedoch richtig bemerken, wären die zahlreichen Bücher und Aufsätze Adornos überflüssig gewesen, wenn diese Definition für sich genommen ausgereicht hätte. Philosophische Begriffe entziehen sich einer positiven Bestimmbarkeit, insofern immer ein Rest bleibt, der im Begrifflichen nicht aufgeht.

Mit Adorno wird daher ein Abgrenzungsverfahren vorgeschlagen, das versucht, einen Begriff durch einen ihm „spezifisch entgegengesetzten“ Begriff einzukreisen, in dem der Begriff selbst berührt, aber nicht ganz erfasst wird. Das von Adorno gewählte Beispiel ist denkbar unpolitisch: „Rot ist in Violett wie Orange enthalten. Und doch ist Rot nicht gleich Orange oder Violett.“

Lelle und Uhlig machen gängige Konflikte produktiv

Was aber hat Adornos „Farbenlehre“ nun mit Antisemitismusdefinitionen zu tun? Hier hilft der Blick auf das Inhaltsverzeichnis. Unter der Rubrik „Antisemitismus ist …“ werden 21 populäre Versuche als kurze Vignetten aufgeführt, die allesamt versuchen, Antisemitismus zu definieren, den Gegenstand jedoch nicht ganz oder lediglich verkürzt treffen.

Die Versuche gehen somit als ausschließliche Definitionen fehl und erfassen dennoch etwas Richtiges. Antisemitismus ist kein Rassismus, Hass, Wahn, Extremismus, Mobbing, Nebenwiderspruch, Import oder Streitfall; aber es gibt rassistischen Antisemitismus, Hass ist im Antisemitismus das dominante Gefühl, Antisemit:innen sind mithin wahnhaft und so weiter. Lelle und Uhlig machen gängige Konflikte, an denen Debatten häufig scheitern, produktiv. Was Antisemitismus ist, erklärt sich demnach über „die Summe der ausgeräumten Missverständnisse“.

Nikolas Lelle, Tom Uhlig: „Antisemitismus definieren. Anleitung zur Abgrenzung“. Verbrecher Verlag, Berlin 2026. 216 Seiten, 18 Euro

Erleichternd kommt hinzu, dass die einzelnen Vignetten trotz aller Komplexität zugänglich formuliert sind. Man merkt den Autoren die jahrelange Auseinandersetzung mit dem Thema in Bildungskontexten an. Und so gerät der bzw. die Leser:in mit den unterschiedlichen Facetten der Antisemitismusforschung in Berührung – von Freuds Ausführungen zur verdrängten Grundlage des christlichen Glaubens über die Vorurteilsforschung der frühen Kritischen Theorie bis zu Auseinandersetzungen über den Zusammenhang von Antisemitismus und Bildung, Migration oder Gedenkpraktiken.

Antisemitismus ist eine Brückenideologie

Alle Vignetten werden mit einem prägnanten Merksatz beschlossen, der wohltuend für viele Debatten wäre, die gegenwärtig geführt werden: „Antisemitismus ist eine Brückenideologie, die extremismustheoretische Grenzziehungen überschreitet und gesamtgesellschaftlich ihr Unwesen treibt.“ Oder: „Eine Kulturalisierung von Antisemitismus, die endemische Formen ausblendet, führt lediglich dazu, Menschen mit Migrationsgeschichten chiffrierten Judenhass nahezulegen, anstatt das Problem zu bekämpfen.“

Dennoch bezeichnen Lelle und Uhlig ihr Büchlein als eine „Epistemologie des Scheiterns“, denn jede Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus muss sich letztlich daran messen lassen, ob sie etwas zur Abschaffung ihres Gegenstandes beiträgt, und danach sieht es momentan nicht aus. So geht es dem Buch nicht nur darum aufzuklären, sondern auch Haltung zu zeigen. Beides ist den Autoren gelungen.

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