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Das Ende der Kiezromantik

Die Buchbox am Helmholtzplatz musste sich verkleinern. Ist das Konzept der Minikette in gentrifizierten Kiezen ein Auslaufmodell? Eine Spurensuche

Co-Inhaber David Mesche in der Buchbox-Filiale am Helmholtzplatz Foto: Jakob Hoff/imago

Von Pauline Cruse

Wer die Absurdität des Berliner Buchhandels verstehen will, muss nur zwei Orte im Prenzlauer Berg miteinander vergleichen. Beispiel eins: ein angemieteter gefüllter Kinosaal. Die Luft ist warm, Hunderte Menschen lauschen der Bestsellerautorin Alice Hasters, die aus ihrer Neuerscheinung „Antiopfer“ liest, die Buchexemplare vor dem Eingang sind ausverkauft. Organisiert hat das Event die Independent-Buchladenkette Buchbox, die seit 2008 fünf Filialen in Berlin gegründet hat.

Ort Nummer zwei: die seit 2012 bestehende Buchbox-Filiale am Helmholtzplatz. Genau dieser Laden musste kürzlich 40 Prozent seiner Verkaufsfläche aufgeben. Grund: die Miete. „In 14 Jahren ist der Preis für das Objekt um 78 Prozent gestiegen“, berichtet Inhaber David Mesche.

Die Buchbox, die eigentlich zu den größeren Spielern im Berliner Indie-Kosmos gehört, musste deshalb die Segel streichen. Wortwörtlich, denn wo vorher ein großer Durchgang mit hell- und dunkelgrün gestreifter Bemalung prangte, trennt nun eine schwarze Wand den kleineren Verkaufsraum ab. „Das System setzt uns unter Druck, wirtschaftlicher zu denken und weniger aus der Liebe zum Buch heraus – obwohl das ja eigentlich der Grund ist, weshalb man eine Buchhandlung gründet“, erzählt Mesche. „Es geht weg von der Romantik des kleinen Indie-Ladens.“

Wenn Kitas schließen, stirbt das Kinderbuchgeschäft

Ursprünglich sei der Laden als Familien- und Kinderbuchhandlung konzipiert gewesen, doch genau dieses Stammpublikum breche weg. Die Zahlen zeigen einen Einbruch von 15 Prozent bei den Kinderbuchverkäufen im Vergleich zum Vorjahr.

Wer durch den Kiez spaziert, kann das Problem mit eigenen Augen erkennen: Kitas suchen nach Kindern oder müssen ganz schließen, weil Familien die Mieten nicht mehr zahlen können und wegziehen. Vor zehn Jahren habe der Bezirk noch als der kinderreichste Europas gegolten, so Mesche, heute werde Wohnraum luxussaniert und zweckentfremdet.

„Viele Menschen, die nur auf Zeit in Berlin leben möchten, ziehen in die frei werdenden Wohnungen“, sagt der Buchbox-Inhaber. In der Kastanienallee betreibt Mesche mittlerweile eine rein englischsprachige Filiale, die sich explizit auch an internationale Expat-Kundschaft richten soll. „Für jemanden, der sonst digital in London arbeitet, sind die ein guter Deal.“

Ähnlich nimmt das Julie Guillot vom Indie-Buchladen Stadtlichter wahr: „Wir bekommen andauernd Anfragen von Leuten, die ihre Airbnb-Schlüssel bei uns lassen wollen. Wenn keine Familien mehr hier leben, wer liest dann noch?“

„Indie-Kette“ als Auslaufmodell

Acht Berliner Indie-Buchläden haben im vergangenen Jahr eine Interessengemeinschaft gebildet, um sich zu vernetzen und auszutauschen. Die Buchbox ist kein Teil davon, Guillot mit Stadtlichter jedoch schon. Sie leide unter der Marktmacht größerer Player. Kleinere Läden wie ihrer gingen oft leer aus, weil die Verlage für sie unbezahlbare Großereignisse forderten. „Ich habe Platz für 40 Gäste. Es wurde einmal eine Veranstaltung für 1.000 Menschen angefragt. Das kann ich nicht leisten“, beklagt sie in Hinsicht auf Lesungen, für die größere Läden mit mehr finanziellen Freiheiten und Zugriff auf Locations den Zuschlag bekämen.

Einen anderen Blick auf die Krise der Buchbox wirft Katharina von Uslar. Die Grafikerin betreibt gemeinsam mit dem Autor Edgar Rai die renommierte Buchhandlung Uslar & Rai im Prenzlauer Berg. Auch sie sieht die Lage des Einzelhandels als existenziell bedroht, doch selbst könne sie sich vor Lesungsangeboten „kaum retten“. Das Problem der Buchbox sieht sie in der Struktur als Indie-Kette. „Zusammen für mehrere Läden einzukaufen, ist wahrscheinlich ein Fehler“, erklärt sie. „Auch wenn die Buchbox nur fünf Filialen hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass es für die Kundenbindung funktioniert, beim Bucheinkauf über einen Kamm zu scheren.“

Wenn die Buchpreisbindung für deutsche Bücher fällt, gebe ich mein Geschäft am nächsten Tag auf

Katharina von Uslar, Inhaberin Uslar & Rai

Man solle laut Uslar sorgfältig mit seiner Kundschaft umgehen und sie einschätzen können – „wie viel Geld, welche Berufe, wie viele Kinder“. Der Einzelhandel sei so prekär geworden, dass man genau auf die Verhalten der Kundschaft reagieren müsse. „Da die Welt so krisenhaft wahrgenommen wird, gehen die Leute anders mit ihrem Geld um. Ich glaube, die Idee einer kleinen Kette hat vor 15 Jahren noch funktioniert.“

Mensch vs. Algorithmus

Uslar hat Erfolg mit ihrem Laden vor allem verzeichnet, seit sie ihr Sortiment schärfer kuratiert. Auf Tiktok-Trends wie Dark Romance oder New Adult habe sie „extrem wenig Lust“ und wolle sich nicht verbiegen.

Das sehen Großkonzerne wie Thalia ganz anders. Man orientiere sich bei der Buchauswahl auch an Onlinetrends, bestätigt eine Sprecherin des Unternehmens. „Social Media ist mittlerweile ein wichtiger Teil des Vermarktungskonzepts, viele Autorinnen und Autoren kommen selbst aus dem Social-Media-Umfeld.“ Die Sprecherin führt aus, dass man aktiv dazu beitrage „die Lese- und Kiezkultur zu erhalten – gerade dort, wo die Suche nach einer Nachfolge schwierig ist.“ Als konkretes Beispiel nennt sie die Übernahme einer Buchhandlung in Berlin-Schmargendorf Anfang 2025.

„Jetzt neu: kleiner und schöner“: Schon am Eingang stimmt die Buchbox ihre Besucher auf das neue Innenleben ein Foto: Pauline Cruse

Auf die Frage, ob sie bei englischsprachigen Büchern Preisdumping betreibe, um Konkurrenz zu Indie-Läden aufzubauen, weicht die Sprecherin aus. In diesem Bereich ist die Wettbewerbstauglichkeit von Indie-Läden besonders gefährdet, da die deutsche Buchpreisbindung naturgemäß nicht greift. Das gibt auch Guillot von Stadtlichter zu: „Ich schaue manchmal auf den Preis der englischsprachigen Bücher auf Amazon und passe meinen an.“

Dass ein milliardenschwerer Onlinekonzern beim internationalen Bucheinkauf Rabatte erzwingt, übt sich direkt auf Berliner Geschäfte aus. „Wenn die Buchpreisbindung bei deutschsprachigen Büchern fällt, würde ich am nächsten Tag zumachen“, merkt Uslar an. „Wir könnten dann nicht mehr gegenhalten.“ Ihre Daseinsberechtigung gegenüber Online- und Filialgiganten sieht sie allein im menschlichen Faktor. „Wir dürfen uns nicht als Buchverkaufsstelle verstehen, sondern als einen Ort, zu dem man hingehen möchte. Wir sind das Gegenüber, das die Leute suchen, und treten Algorithmen komplett entgegen.“

Auch Buchbox-Inhaber David Mesche bemerkt einen positiven Effekt in der nun engeren Kuratierung. Mit einem Lächeln gibt er zu, dass ihm der kleinere Laden am Helmholtzplatz „tatsächlich ein bisschen besser gefällt“. Vielleicht ist das Rezept also verkleinern statt schließen?

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