DFB-Elf vor der WM: Mittelmäßige Weltklasse
Die jüngsten Testspiele der deutschen Männer keine Hingucker. Warum wir bei der WM dennoch unseren Spaß an dem Team haben werden.
Hinten
Das ist nicht nur für die Gegner der DFB-Auswahl eine gute Nachricht. Auch Fans ohne Leidenschaft, was die Deutschen betrifft, dürften sich über die Gegentorgarantie freuen, mit der Julian Nagelsmann seine Mannschaft ausgestattet hat. Selbst Teams wie Ghana, die ohne erkennbaren Willen, sich am Spiel zu beteiligen, über das Feld traben, treffen gegen die Deutschen. Die deutschen Abwehrspieler übernehmen auch gerne die Torvorbereitung für ihre Gegner und wählen, wie es Nico Schlotterbeck gegen die Schweiz getan hat, bei der Spieleröffnung gerne mal den Passweg, der ganz bestimmt zugestellt ist.
Dass Joshua Kimmich tatsächlich hinten außen spielt, statt da, wo er seine spielmacherischen Qualitäten besser einsetzen könnte, gehört zu dem organisierten Chaos, mit dem Nagelsmann bei der WM ganz bestimmt für jede Menge Gegentore sorgen wird. Es braucht auch nicht viele Versuche, um gegen die Deutschen zu treffen. Von sieben Schweizer Torschüssen, saßen satte drei.
Vorne
Seeler gegen Müller, Klinsmann gegen Riedle. Klose gegen Gomez. Die Suche nach der idealen Neun spaltet seit je die Fußballnation. Gegen die Schweiz durfte Kai Havertz und gegen Ghana Nick Woltemade vorne spielen, und doch wurde Bundestrainer Julian Nagelsmann vor allem nach einem Namen gefragt: Deniz Undav. Gegen die Schweiz saß er 90 Minuten auf der Bank, wo er auch im zweiten Test vor heimischen Publikum zunächst Platz zu nehmen hatte. Bereits ab Mitte der ersten Halbzeit ertönten „Undav-Sprechchöre“ durch die Stuttgarter Arena.
Der schoss dann nach seiner Einwechslung glatt das Tor zum 2:1-Sieg. Auf die Stürmerfrage angesprochen, reagierte Nagelsmann danach gewohnt schmallippig. „Ich fand seine Leistung bis zum Tor nicht gut. Er hat, glaube ich, einmal den Ball berührt“, sagte er gar. Der Trainer will von seiner getroffenen Rollenverteilung nicht abweichen. Undav wird wohl Bankspieler bleiben. Und der Fußballnation wird die Stürmerdiskussion erhalten bleiben. Auch schön.
An der Seite
Julian Nagelsmann gilt als brillanter Fußballtaktiker und als Freund des großen Auftritts. Eine Kombination, die ihn dazu verführt, seine Entschlüsse akribisch und umfassend zu begründen. Begegnen ihm kritische Gegenfragen, wird er schnell wortkarg und wirkt arrogant. „Es wird Entscheidungen geben, die vermutlich nicht auf supergroßes Verständnis stoßen.“ Mit den Worten bereitete der Bundestrainer die Fußballnation Anfang März auf das WM-Jahr vor. Soll wohl heißen: „Lasst mich mal machen. Ich weiß es sowieso am besten.“
Auch im Interview nach dem Ghana-Spiel sprach Julian Nagelsmann davon, dass er seine geliebte Rollenverteilung nicht ändern möchte, da er so seine Glaubwürdigkeit gefährde. Ist der Bundestrainer gerade dabei, sich in seinem eigenen taktischen Elfenbeinturm zu isolieren? Wer so kommuniziert wie Nagelsmann, muss sich nicht wundern, wenn seine Entscheidungen in der Luft zerrissen werden. Wir bleiben gespannt.
Oben
Nach zwei mittelmäßigen Auftritten gegen höchstens mittelmäßige Gegner hat sogar Julian Nagelsmann, der noch bis vor Kurzem vom Titelgewinn der Deutschen schwadroniert hatte, die Favoritenrolle anderen Fußballnationen zugewiesen. Doch die Sehnsucht der Deutschen nach der Rückkehr zur Weltspitze ist immer noch groß. Florian Wirtz’ Auftritt gegen die Schweiz wurde allenthalben als Weltklasse gelobt.
Und als sich die deutsche Abwehr bereits ein ums andere Mal blamiert hatte, lobte ARD-Kommentator Phillip Sohmer den alternden Recken Antonio Rüdiger als Weltklasseverteidiger. Und dann ist da ja noch Jamal Musiala, der gerade verletzte Weltklasseoffensive, dessen ersehnte Rückkehr dem deutschen Spiel ganz bestimmt zur Weltklasse verhelfen wird. Und Lennart Karl gibt es ja auch noch, das Weltklassezwergerl des FC Bayern, der so elegant mit dem Ball durch die ghanaischen Abwehrsteher spaziert ist. Bei so viel potenzieller Weltklasse so viel Mittelmaß zu produzieren, das sucht in der Welt gewiss seinesgleichen. Weltklasse.
Und sonst?
Ganz Fußballland wird wohl auch bei der WM in Übersee einen Anlass finden, um über das Handspiel eines gewissen Spaniers im Viertelfinale der Europameisterschaft 2024 sprechen zu können. Dass der eigentlich fällige Handelfmeter damals nicht gegeben wurde, ist längst als größte Ungerechtigkeit seit dem Wembley-Tor in die Geschichte des deutschen Fußballs eingegangen. Was das mit dem Testspiel gegen Ghana zu tun hat? Nun, den Handelfmeter zum 1:0 der Deutschen am Montagabend hat Feldschiedsrichter Stuart Attwell gepfiffen, der in jenem Viertelfinalspiel als Videoreferee nichts gesehen haben wollte. Sachen gibt’s.
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