Corona und wieder in Gesellschaft sein: Auftauversuche in der Pandemie

Viele tun gerade so, als wäre Corona-Time-out, manche werden dabei rücksichtslos. Die Autorin hat indessen verlernt, in Gesellschaft zu sein.

Zahlreiche Menschen genießen das Wetter bei strahlenden Sonnenschein in einem grünen Park

Manche tauen langsamer auf: Stadtpark Schöneberg in Berlin Foto: gezett/imago

Neulich saß ich in der Alten Nationalgalerie auf einer gepolsterten Bank und versuchte, mich langsam aufzutauen. Ich starrte auf ein dunkles Gemälde, dessen Motiv ich ein paar Stunden später wieder vergessen hatte. Und vor allem wartete ich darauf, dass etwas passiert, was mir einen erfolgreichen Auftauprozess bescheinigen würde. Nun bin ich ja nicht eingefroren. Aber ich glaube, ich habe während der Pandemie verlernt, wie das ist, wirklich in Gesellschaft zu sein und nicht nur über sie nachzudenken.

An diesem Tag war ich mit dem Gefühl aufgewacht, dass es jetzt endlich mal Zeit ist, das passive Abwarten zu verlernen nach dem Jahr der Zurückgewichenheit (gewichen, nicht gezogen, zum Ziehen war ich gar nicht stark genug). Schließlich gehen Leute jetzt wieder auf Raves und fahren in den Urlaub und schließlich ist Sommer und das mit den Impfungen geht einigermaßen voran und schließlich ist nur wenig Zeit, bis die Inzidenzen im Herbst wieder größere Einschränkungen erfordern werden. Wir tun gerade so, als wäre Pandemie-Time-out, obwohl das natürlich eine Lüge ist.

Manche werden dabei leichtsinnig, andere absolut rücksichtslos und ein paar Tausend sind weiterhin komplett anstandslos und gefährlich. Aber viele andere versuchen auch nur, sich mit Maske und gewaschenen Händen in einen Neuzustand hineinzutasten, der etwas Gelassenheit erlaubt.

Ich saß also in einem Innenraum, um dem Außen näherzukommen, und wartete auf ein Zeichen, obwohl das sehr kitschig klingt. Andererseits saß ich in einem Raum voller Gemälde in kitschigen Goldrahmen und ich hab es gern, wenn die Dinge zusammenpassen. Und weil es fast unmöglich ist, an nichts zu denken, wenn man auf etwas wartet, dachte ich an alles.

Kein Zeichen

An die Klimakrise, weil auf einem Bild etwas weiter rechts ein orange-gelber Sturm über dem Meer zu sehen war. An Impfangebote für Jugendliche, weil eine Gruppe Schü­le­r:in­nen in High-Waist-Jeans an mir vorbeizog. An das angebliche Comeback der Low-Waist-Jeans, wegen der High-Waist-Jeans. An „Rückkehr nach Birkenau“ von Ginette Kolinka, weil Gerhard Richters Birkenau-Zyklus hier auch irgendwo zu sehen sein musste.

An das ständige Herbeifantasieren von „Bubbles“, weil ein Kind neben mir hingebungsvoll an großen Kaugummiblasen arbeitete. An meine Mutter, weil ich dauernd an meine Mutter denke. An Männer und Macht, weil die meisten ausgestellten Werke hier von Männern waren. Eigentlich war es fast wie im Internet, oder an einer Bushaltestelle. Alle Orte sind austauschbar, wenn man wartet.

Es ist nichts passiert, kein Zeichen. Irgendwann setzte sich eine Frau mit sehr weißen Haaren neben mich auf die Bank, neigte ihren Kopf in meine Richtung und sagte. „Hier ist’s so düster, schauen Sie lieber auf einen Manet.“ Ich fand das sehr klug und wollte den Flieder finden – und obwohl noch nicht wirklich Tauwetter war, fühlte sich Suchen schon viel besser an als Warten.

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