Corona-Notbetreuung in Berlin: Wo sind all die Kinder hin?

Deutlich weniger Eltern als erwartet nehmen die Betreuung in Kitas und Schulen in Anspruch. Die Lockerung des Zugangs ändert daran bisher wenig.

Ein Kleinkind und eine Frau schauen sich gemeinsam ein Bilderbuch an

Manchmal ganz allein in der Kita: In der Notbetreuung herrschen Top-Bedingung Foto: Thomas Trutschel/Imago

„Von ganz vielen unserer Einrichtungen hören wir nichts – und das werten wir gerade eher als gutes Zeichen“, sagt Roland Kern vom Dachverband der Berliner Kinder- und Schülerläden (DaKS). Seit dem 17. März sind die Schulen und Kitas in Berlin als Maßnahme gegen das Coronavirus geschlossen, und seitdem haben Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen Anspruch auf eine Notbetreuung für ihre Kita- und Grundschulkinder.

Auch von Kita-Trägern, Lehrern und Eltern hört man: Das läuft eigentlich ganz okay dafür, dass man da gerade quasi „aus dem Stand mit Volldampf“, wie Kern sagt, improvisiert.

Allerdings war der Druck auf den Notbetrieb bisher auch nicht sonderlich hoch, weil nur wenige Eltern die Notbetreuung überhaupt in Anspruch nahmen. Zunächst hatten nur ÄrztInnen, Supermarktpersonal, Feuerwehr, Polizei und einige andere Berufsgruppen etwa aus der Justiz einen Anspruch auf die Kinderbetreuung – aber auch nur, wenn die Berufstätigkeit beider Eltern in die Kategorie „systemrelevant“ fiel.

Das könnte sich nun allmählich ändern, denn nach der ersten Schul- und Kitawoche zu Hause war klar: Gerade mal rund 6 Prozent der Kinder von Eltern in systemrelevanten Berufen fanden den Weg in die Notbetreuung. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hatte zuvor mit 15 Prozent kalkuliert.

In Woche zwei nach dem Kita- und Schul-Shutdown galt deshalb: Es reicht, wenn nur ein Elternteil zum Beispiel an der Supermarktkasse sitzt, damit das Kind in die Kita kann. Man wolle, sagte Scheeres, „gezielt jene derzeit lebenswichtigen Bereiche im Gesundheitssektor und anderswo unterstützen, die aktuell einen besonders großen Personalbedarf haben“.

Roland Kern, Daks

„Die Eltern gehen sehr verantwortungsvoll mit dem Angebot um: Viele gucken, ob sie es nicht doch irgendwie anders hinkriegen“

Anders gesagt: Man möchte verhindern, dass die Kassiererin oder der Krankenpfleger zu Hause bleibt und sich um die Kinder kümmert – um dem besser verdienenden, aber eben gerade nicht systemrelevanten Partner im Homeoffice den Rücken frei zu halten.

Tatsächlich hielt sich der Run auf die Notbetreuung auch nach der Lockerung der Zugangsbeschränkung in Grenzen, bilanzierte ein Sprecher von Senatorin Scheeres am Freitag. In den Grundschulen werden derzeit nur 3.000 von rund 180.000 SchülerInnen betreut, knapp 1,7 Prozent. Treptow-Köpenick und Pankow haben die größte Auslastung, ganz hinten liegt Reinickendorf.

Im Kita-Bereich sei die Zahl der notbetreuten Kinder „moderat auf etwa acht Prozent angestiegen.“ Insgesamt, so auch der Eindruck der Bildungsverwaltung, laufe es „weitgehend reibungslos.“ Es hätten sich auch bereits Lehrkräfte freiwillig für die Osterferien gemeldet.

Mehr Schutz vor einer Infektion gefordert

Ein bisschen Reibung ist dann aber doch: Rund 17.000 Menschen unterschrieben binnen wenigen Tagen eine Onlinepetition an Regierungschef Michael Müller (SPD), „Schutz der Pädagog*innen in Berlin vor Covid-19“. Ihre Befürchtung: Man werde nun nach der Lockerung des Zugangs „eine deutlich größere Zahl von Kindern“ zu betreuen haben – und fühlt sich zugleich miserabel geschützt.

Die 1,5-Meter-Abstand-Regel sei in Kitas nun mal nicht praktikabel, gerade bei der Arbeit mit kleinen (Wickel-)Kindern. Schutzkleidung gebe es nicht, zudem würden Kindergruppen so wieder neu gemischt – und das, während ein nicht systemrelevanter Elternteil zu Hause doch theoretisch Zeit für die Betreuung habe.

„Da hatten wir ganz schön zu tun, die Wogen zu glätten“, sagt Kern vom DaKS. „Bei vielen herrscht jetzt das Gefühl: Ich setze mich ungeschützt einer Gefahr aus, und der Grund dafür ist nicht nachvollziehbar.“ Denn natürlich seien die Anfragen nach der Notbetreuung mit der Ein-Eltern-Regelung jetzt doch „deutlich gestiegen“, sagt Kern. Und gerade kleinere Kinderläden könnten nicht immer unbedingt alle ErzieherInnen, die Risikogruppe nach der Definition des Robert-Koch-Instituts sind, nach Hause schicken.

Anil Mull, Lehrer

„Von 300 Kindern kommen täglich maximal drei bis vier.“

Warum dann am Ende doch nur wenige in der Notbetreuung ankommen? „Wir haben zugleich das Gefühl, dass die Eltern schon auch sehr verantwortungsvoll mit dem Angebot umgehen, und viele gucken, ob sie es nicht doch irgendwie anders hinkriegen“, sagt Kern.

Bei den Kindergärten Nord-Ost, einem großen landeseigenen Kita-Träger mit 76 Kitas in Lichtenberg, Pankow und Marzahn-Hellersdorf, heißt es, die „Sorgen“ bei den MitarbeiterInnen seien unterschiedlich stark ausgeprägt. „Aber alle sind engagiert und wir halten durch, solange es nötig ist“, sagt Katrin Dorgeist, die kaufmännische Geschäftsleitung.

In jedem Fall, versichert Dorgeist, versuchten die ErzieherInnen die Kinder die eigenen Sorgen oder auch die Unzufriedenheit mit der Notbetreuung im Zweifel nicht anmerken zu lassen. Die Zahl der notbetreuten Kinder reiche in den einzelnen Kitas des Trägers „von null bis zwanzig“. Größere Gruppen hätten aber dann eher die Kitas, die auch im Normalbetrieb 200 Kinder hätten.

In der Montessori-Schule in Buch hat Anil Mull, Lehrer in der Grundstufe, mal ein Kind in der Notbetreuung, mal keins, mehr als eine Handvoll sind es bisher nicht: „Von 300 Kindern kommen täglich maximal drei bis vier.“ Das sei auch nach der Ein-Eltern-Regel in der vergangenen Woche nicht anders geworden.

Zeit für Dinge, für die sonst nie Zeit war

Immerhin habe man dadurch nun Zeit für Dinge, um die man sich eigentlich schon immer mal kümmern müsste – die Digitalisierung des Schulalltags etwa. Mull hat in den vergangenen Tagen etwa einen Online-Vokabeltrainer für den Schulserver gebastelt, um die Kinder (und Eltern) beim Homeschooling zu unterstützen.

Über den Schulserver können sich die Kinder auch Aufgabenpakete holen und die Lösungen hochladen. Das funktioniert gut, die Kinder seien motiviert dabei. „Die Möglichkeiten hatten wir schon vorher“, sagt Mull. „Aber vor Corona haben wir das nie genutzt.“

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