Community Curator über seine Arbeit

„Ein urbanes Heimat­museum“

Ayhan Salar ist Community Curator des Altonaer Museums in Hamburg. Ein Gespräch über Veränderung und die Inklusion hybrider Herkünfte.

Ayhan Salar

Will, dass Menschen mit interkulturellem Background Teil des Altonaer Museums werden: Ayhan Salar Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Salar, was macht ein Community Curator?

Ayhan Salar: Es ist eine auf vier Jahre befristete Stelle im Rahmen des 2018 aufgelegten „360 Grad“-Programms der Bundeskulturstiftung, auf das sich Museen und Theater bewerben konnten. Bundesweit sind es sind insgesamt 39 Projekte. Einige der Institutionen nennen die Stelleninhaber „360-Grad-Agent“, andere Diversitätsreferent oder eben Community Curator. In der Museumswelt des englischsprachigen Raums ist das jemand, der um die Institution herum versucht, eine Vernetzung mit den unterschiedlichen Communitys in Gang zu setzen.

Mit welchem Ziel?

Der Inklusion hybrider Herkünfte. Man will diese Menschen nicht nur als Publikum gewinnen, sondern sie auch in die Programmgestaltung einbeziehen. Das ist dringend nötig, weil sie in den Entscheidungsgremien großer Institutionen nicht präsent sind. Dabei ist etwa das Altonaer Museum verpflichtet, die diverse Gesellschaftsstruktur des Stadtteils zu abzubilden. Altona hat eine lange Migrationsgeschichte, angefangen mit den portugiesischen Juden, die im 16., 17. Jahrhundert hierher flohen; später kamen Hugenotten und Mennoniten. Außerdem müssen wir die hiesige Kolonialgeschichte aufarbeiten. Letztlich soll dieses Haus ein urbanes Heimatmuseum werden.

Viel zu tun.

Ja, das ist eine Mammutaufgabe, weil die Institutionen über Jahrzehnte verfestigte Strukturen gebildet haben. Eine meiner Aufgaben besteht also darin, die Institution so zu verändern, dass sich auch das Personalportfolio wandelt. Denn es gibt in den Communitys durchaus qualifizierte KandidatInnen. Bislang werden sie aber auf die Themen „Migration“ und „Herkunft“ reduziert. Man gesteht ihnen nicht zu, sich genauso gut mit der deutschen Kultur auszukennen.

Ayhan Salar, geboren 1967 im türkischen Izmir, lebt als Autor, Regisseur und Kameramann in Hamburg-Altona. Seit Juli dieses Jahres ist er Community Curator am Altonaer Museum.

Wie wollen Sie Ihre Arbeit konkret angehen?

Erst mal muss man Vertrauen aufbauen, denn viele Kulturaktivisten aus den Communitys sagen: Obwohl wir seit 40 Jahren in diesem Bereich arbeiten, müssen wir das immer noch ehrenamtlich tun. Die Menschen bezweifeln, dass sich etwas ändert.

Sie nicht?

Ihr teile ihre Skepsis durchaus. Diversität hat ja zurzeit Konjunktur. Überall wird von Vielfalt geredet, aber welche Strukturen ändern sich? Ich bevorzuge den Begriff „Repräsentanz“, weil er korrekter ist. Denn diese Menschen – meist deutsche Staatsbürger und Steuerzahler – haben ein Recht darauf, dass ihre Herkunfts- und Kulturgeschichte in hiesigen Institutionen sichtbar wird.

Mit wem wollen Sie kooperieren?

Mit Kulturverbänden und -aktivisten etwa der türkischen, afrodeutschen, afghanischen, portugiesischen, italienischen, auch mit der Sinti-Community.

Begegnet Ihnen kein Misstrauen?

Doch, aber wenn die Menschen sehen, dass ich nicht „Hans“ heiße, öffnen sie sich. Und wohlgemerkt: Es geht hier nicht um gefällige Internationalität, sondern um echte Interkulturalität. Das ist ein Riesenunterschied.

Inwiefern?

Internationalität würde bedeuten: Wir holen türkische Kunst aus der Türkei, iranische Kunst aus Iran. Ich will stattdessen versuchen, gemeinsam mit Menschen, die seit Generationen hier leben und einen interkulturellen Background haben, dieses Museum zu verändern. Ich möchte mit ihnen gemeinsam Ausstellungen und Diskussionsabende veranstalten – zum Beispiel im Eingangsbereich des Museums, der zum kostenlosen Public Space werden soll.

Werden Sie die Communitys auch zu kritischer Selbstreflexion animieren?

Natürlich. Viele jüngere Menschen tun das ja schon. Wie gesagt: Es wird nicht so sein, dass die türkische Gemeinde herkommt und ihre türkische Herkunft thematisiert. Es geht um das Hier und Jetzt, um Gemeinsamkeiten und universelle Werte. Um Deutsche mit hybriden Identitäten. Dazu zählen auch die hier aufgewachsenen Menschen aus multi-ethnischen Ehen, die man nicht auf eine Nationalität oder Herkunft reduzieren kann. Darüber werden wir diskutieren: Woher komme ich, welches ist mein Platz heute in Altona?

Werden Sie auch den Arbeitskreis „Hamburg Postkolonial“ einbeziehen?

Wahrscheinlich. Zu diesem Thema hat allerdings jedes Museum auch eigene Arbeitskreise.

Werden Sie dafür sorgen, dass Exponate und Texte mit kolonialem Hintergrund aus der Dauerausstellung des Altonaer Museums entfernt werden?

Selbstverständlich, denn auch da geht es um Sensibilisierung. Ich bin schon mit vielen afrodeutschen Menschen durch die Dauerausstellung gegangen und habe wahrgenommen, wo ihnen mulmig zumute wurde. Darüber wird es Auseinandersetzungen geben – sowie künstlerische Interventionen.

Eine Intervention gab es ja schon: die aus Kolonialmaterial gefertigten Masken des ghanaischen Künstlers Joe Sam-Essandoh zwischen den Modellen von Kaufmannsschiffen aus der Kolonialzeit.

Ja, und es wird weitere derartige Aktionen geben. Ich könnte mir vorstellen, in der „Langen Nacht der Museen“ eine „Black Night“ zu veranstalten, wo Menschen mit afrodeutschem Hintergrund eine Intervention im ganzen Haus durchführen.

Oder eine Führung, in der People of Color oder andere Communitys Exponate zeigen, die sie verletzen.

Ja. Es war für mich zum Beispiel ein bewegender Moment, als ich mit Menschen aus dem Sinti-Verein durch die Bauernstuben des Museums ging. Sie waren fasziniert von den Schränken und erzählten, dass die Sinti früher auf die Restaurierung alter Bauernschränke spezialisiert waren. Sie haben sie den Bauern abgekauft, instand gesetzt und auf dem Flohmarkt verkauft. Das ist eine wunderbare Kulturgeschichte, in der wir diese Menschen mit ihrem Fachwissen erfahren können. Trotzdem erlaube ich mir, auch kritisch gegenüber Communitys zu sein und zu sagen: Kommt mal aus eurer Blase, lasst uns als Altonaer überlegen: Welche Gemeinsamkeiten haben wir? Und versucht mal, eure Perspektive zu uns rüberzutragen.

Wie wollen Sie das schaffen?

Neben den erwähnten Ausstellungen und Vorträgen wird das Altonaer Museum in Jahr 2020 die große Ausstellung „Kleine Freiheit – Große Freiheit. Über die Religionsfreiheit in Altona vom 17. Jahrhundert bis heute“ zeigen, wo auch die Communitys zu Wort kommen. Auch an der Planung der Schau werden wir Beiräte aus den Communitys beteiligen.

Und wie steht es um das Museumspersonal?

Natürlich müssen wir auch das Personal diversitätssensibel schulen. Da geht es nicht um Antirassismus-Schulungen – obwohl sie Teil der Seminare sind, die ich organisieren will. Wenn aber zum Beispiel Menschen ins Museum kommen, die nicht deutsch aussehen, soll unser Empfangspersonal nicht sofort aufspringen und sagen: „Die klauen uns alles weg“, sondern ihnen mit Respekt und Neugier begegnen.

Schaffen Sie das in vier Jahren?

Es kann nur ein Anfang sein. Nach den vier Jahren ist es den Häusern freigestellt, ob sie die Stellen verstetigen. Ich für meinen Teil möchte dann aufhören. Denn es geht ja gerade nicht darum, auf Dauer einen „Diversitätsbeauftragten“ zu brauchen. Nach vier Jahren sollte sich diese Institution so gewandelt haben, dass Menschen mit diversen Hintergründen selbstverständlicher Teil des Hauses sind, für deren Rechte man nicht mehr kämpfen muss.

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