Diversitätsreferent über Theaterarbeit: „Wir bauen Barrieren ab“

Mohammed Ghunaim ist Diversitätsreferent am Hamburger Thalia Theater. Durch außereuropäische Künst­le­r*in­nen will er neue Ideen ermöglichen.

Mohammed Ghunaim - ein junger Mann mit Mütze und langen Haaren sitzt in einem Sessel

Setzt auf Kunst als Motor von Veränderung: Mohammed Ghunaim Foto: Miguel Ferraz

taz: Herr Ghunaim, was macht ein Diversitätsreferent wie Sie am Theater?

Mohammed Ghunaim: Auf Kunst als Motor von Veränderung setzen. Das mache ich zusammen mit meiner Kollegin Sophie Pahlke Luz – wir teilen uns die Stelle – hier am Hamburger Thalia Theater: Künst­le­r*in­nen aus verschiedenen kulturellen Kontexten können durch unsere Intervention neue Ideen auf deutsche Bühnen bringen und so Verständnis für weltemanzipatorische Bewegungen generieren.

Wie genau intervenieren Sie?

Natürlich finden wir ein Gefüge an Strukturen vor, und die ändert man nicht mal eben. Manchmal sind sie auch nicht zu ändern, denn es sind Machtstrukturen, oft beherrscht von weißen Männern. Und selbst beim Theater kann es dauern, bis Kultursensibilität entsteht. Hier ist dieser Prozess jetzt gut in Gang gekommen – auch deshalb, weil die Intendanz entschied, dass es überfällig war, eine rassismuskritische Haltung zu entwickeln.

Was haben Sie seit Amtsantritt im Januar schon bewegt?

Meine Kollegin und ich sind ja nicht neu am Thalia Theater. Ich leite seit 2017 die „Embassy of Hope – Café International im Thalia in der Gaußstraße“. Das war anfangs ein Treff für Geflüchtete, wo man sich unterhielt, Tee trank, kochte, musizierte. Inzwischen ist es ein Ort mit regelmäßigem Kulturprogramm in verschiedenen Sprachen mit eigenem Stammpublikum geworden. Und wir haben gleich Anfang 2021 einen literarisch-musikalischen Salon mit Black, Indigenous und People of Colour dieser Stadt auf der kleinen Bühne im Thalia veranstaltet. So ermöglichen wir es Künstler*innen, die nicht an einer deutschen Hochschule studiert haben, an einem Staatstheater aufzutreten. Wir sind Bindeglieder und versuchen, Barrieren abzubauen.

Haben „Ihre“ Künst­le­r*in­nen auch schon auf der großen Bühne des Thalia gespielt?

Ja, 2020 zur Veröffentlichung der Anthologie „Stimmen aus dem Exil“. Da waren wir ausdrücklich eingeladen, weil wir Ex­per­t*in­nen für dieses Thema sind. Es war ok, aber viele der Künst­le­r*in­nen wünschen sich, nicht nur in diesem Kontext aufzutreten, sondern als Re­prä­sen­tan­t*in­nen eines weniger eurozentristischen Kulturraums.

Haben Sie auch Einfluss auf Repertoire und Rollenbesetzung?

Das Repertoire können wir nicht direkt beeinflussen, denn dafür gibt es eine Struktur: Dramaturgie und Intendanz. Trotzdem hat sich etwas geändert: Bisher wurden wir eher bei informellen Gesprächen, etwa in der Zigarettenpause, gehört. Inzwischen nehmen wir regulär an den Dramaturgiesitzungen teil. Aber wir wissen auch: Große Spielbetriebe erstellen ihre Spielpläne zwei Jahre im Voraus. Wir haben uns also gefragt: Was können wir kurzfristig ändern? Und da haben wir für Oktober 2021 ein zehntägiges Theaterfestival mit zwei Premieren auf die Beine gestellt.

Mohammed Ghunaim, geboren 1991, hat in Damaskus Journalismus und Literatur studiert, aber wegen der Zensur nie als Journalist gearbeitet. Stattdessen war er bei der Hilfsorganisation Roter Halbmond tätig, woraufhin ihn der Geheimdienst 2015 bezichtigte, staatsgefährdende Informationen weiterzugeben. 2015 kam er nach Hamburg. Über seine Flucht haben er und andere Betroffnene den Handy-Film #myescape gedreht.

Zu welchem Thema?

Die Stücke – eins von der bekannten türkischen Schauspielerin Idil Üner und eins vom Autor Nail Doğan – basieren auf Theater-Rechercheprojekten zum Thema „Fremde“. Die Schau­spie­le­r*in­nen werden wie Fremde durch das gentrifizierte Altona und Ottensen laufen und Kontakt zu den An­woh­ne­r*in­nen suchen. Das zweite Stück wird die erste Gastarbeiter*innen-Generation nach ihren Anfängen in Deutschland fragen. Den Anfang machen die Eltern des Filmemachers Fatih Akin.

Und wie befördern Sie diversitäts- und gendergerechte Sprache?

Wir haben am Thalia Workshops für die Mit­ar­bei­te­r*in­nen organisiert – wobei die Intendanz darauf bestand, gemeinsam mit allen anderen zu lernen. Und ich bin wirklich erleichtert, dass ich nicht mehr um Geld und Anerkennung kämpfen muss wie in den ersten Jahren der Embassy of Hope.

Fühlen Sie sich inzwischen auch persönlich hier zu Hause?

Im Moment ist viel St. Pauli und Damaskus und auch Palästinensisches in mir – ich bin ja palästinensisch-syrisch. Aber ich bin angekommen. Ich kenne alle auf dem Kiez, alle kennen mich. Und wo Zuhause ist – da kann ich auch mal müde sein, wie jetzt. Aber natürlich habe ich aus meiner Kultur Erinnerungen mitgebracht, auch das Moralische, Solidarische. Die Liebe zur Sprache und zu meiner Familie, die großteils noch in Syrien ist. Deshalb habe ich manchmal Heimweh.

Woran liegt das?

Als vor einigen Wochen der Ramadan zu Ende ging, kam die ganze Nostalgie wieder hoch. Es wird in deutschen Medien oft so dargestellt, als wäre das ein islamisches Fest. Für uns Damaszener ist es aber eher eine Kultur der Familientreffen mit den ganzen friedlichen Ritualen unter dem 4.000 Jahre alten Olivenbaum hinter unserem Haus. Das hat mir sehr gefehlt.

Wie geht es Ihren Eltern und Geschwistern in Damaskus?

Die Menschen leben. Sie müssen ja. Sie sind „glücklich“ – was natürlich nicht dasselbe ist wie hier. Deshalb fühle ich mich manchmal schuldig, denn ich lebe hier gut – und sie leben mitten im Krieg. In Damaskus selbst ist es relativ ruhig, aber der Alltag ist mühsam. Trotzdem: Die Menschen lachen. Obwohl sie kein Geld haben, obwohl es Probleme mit Strom und Wasser gibt, schaffen sie es, Leute zu treffen und sich einen netten Abend zu machen.

Wie viel Kontakt haben Sie nach Damaskus?

Wenn es dort gerade Strom gibt, telefoniere ich einmal pro Woche mit meinen Eltern. Kürzlich zum Beispiel habe ich lange mit meinem Vater über Poesie gesprochen. Denn meine Mutter ist Autorin, und ich glaube, mein Vater ist ein bisschen neidisch. Andererseits ist er begeistert von der arabischen Sprache und stolz auf meine Mutter.

Was schreibt Ihre Mutter?

Kurzgeschichten für Kinder und Gedichte für Erwachsene. Sie steht öfter mit Lesungen auf der Bühne. Im Hauptberuf ist sie Lehrerin. Da aber die Infrastruktur schlecht ist, haben laut UNICEF 60 Prozent der Kinder keinen Zugang zu Bildung. Meine Mutter übernimmt hier Verantwortung, läuft durch die Straßen von Damaskus und unterrichtet die Kinder, oft auch deren Eltern, in ihren Wohnungen.

Tut sie das ehrenamtlich?

Ja. Dabei verdient meine Mutter als Lehrerin nur rund 23 Euro im Monat.

Kann man in Syrien davon leben?

Nein. Und mein Vater – eigentlich gelernter Bäcker – findet zurzeit nur Gelegenheitsjobs. Deshalb zahle ich ihnen eine monatliche Unterstützung.

Sie haben andernorts den Schal Ihrer Mutter erwähnt, den Sie auf die Flucht mitgenommen haben. Was bedeutet er Ihnen?

Die Hoffnung. Und zufällig heißt meine Mutter „amal“ – arabisch für „Hoffnung“. Ich habe ihn früher immer genommen, wenn ich mit Freunden unterwegs war. Sie wollte das nicht, es ist ja ein feiner Seidenschal. Als wir uns 2015 nachts in Damaskus verabschiedeten, hat sie ihn mir gegeben und gesagt: „Dein Weg sei grün wie die Hoffnung.“

Tragen Sie ihn täglich?

Jetzt nicht mehr. Aber anfangs habe ich ihn immer über meine Schultern gelegt.

Worauf richtet sich Ihre Hoffnung?

Auf eine Zukunft in Deutschland, die ich in Syrien nicht sehe. Dort werde ich verfolgt und eine Änderung der politischen Lage ist nicht erkennbar. Es gibt keine Chance. Nicht nur für mich als politisch verfolgten Aktivisten, sondern für alle Syrer*innen, die fliehen mussten. Rück­keh­re­r*in­nen würden als Ver­rä­te­r*in­nen gelten und der Präsident hat gedroht: „Wenn ihr zurückkommt, werdet ihr schon sehen, was wir mit euch machen!“ Selbst hier achte ich darauf, dass ich durch meine Aktivitäten nicht meine Familie in Syrien gefährde. In der Nische des Theaters, wo man vieles verklausulieren kann, funktioniert das ganz gut. Und ich spreche nicht nur für meinen Fall.

Aber er ist ein Beispiel.

Ja. Abgesehen von der fehlenden Solidarität der europäischen Länder frage ich in meinen Texten und Performances: Was bedeutet es, die Heimat zu verlassen, um das eigene Leben zu fürchten, keine Zukunft zu sehen? Da ich das selbst erlebt habe, ist es meine moralische Verantwortung, über all das zu reden. Es geht darum, das Bild, das einige Medien von Syrien zeichnen, zu korrigieren. Das persönliche Trauma allerdings bleibt. Die Albträume kommen jeden Tag, jede Nacht. Sie besuchen dich und sagen: „Du bist jetzt wieder zurück und dann bist du in einer Zelle.“

Wie gehen Sie damit um?

Ich habe mir professionelle Hilfe gesucht. Außerdem hilft mir mein Weg. Denn durch Kunst kann ich jederzeit meinen Vater oder meine Mutter auf die Bühne bringen. Für meine Performance „Stimmen aus dem Exil“ hatte sie einen Text geschrieben und von Damaskus aus ein Video besprochen, das im Thalia in der Gaußstraße zu sehen war. Ihre Stimme war auf der Bühne, hier in Altona, ganz nah.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de