Claudia Roth

Die Arme der Partei

Claudia Roth wirft nicht hin, sie will als Parteivorsitzende weitermachen. Warum nicht? Annäherung an eine chronisch Unterschätzte.

Dienen, mal wieder. Claudia Roth am Montag in Berlin. Bild: dapd

BERLIN taz | Claudia Roth redet oft etwas zu schnell, dazu wischt sie mit den Armen durch die Luft, als wolle sie ihre Botschaften fett unterstreichen. Doch an diesem Montagmorgen um 8.01 Uhr tritt eine andere Claudia Roth mit Schatten unter den Augen an das Mikrofon in der Grünen-Geschäftsstelle. Vor zwei Tagen hat sie erfahren, dass ihre Basis sie nicht als Spitzenkandidatin will. In fünf Tagen wird der Parteivorstand neu gewählt. Die Frage ist: Tut sie sich das noch mal an?

Das Gemurmel der Journalisten erstirbt, im Raum hängt nun die Spannung von Sekunden, in denen sich ein politisches Schicksal entscheidet. Ruhig redet Roth über die „herbe Klatsche“. Über Zweifel und die große Zerrissenheit, die sie überkommen hätten. Über Hunderte Mails von Unterstützern.

Dann formuliert sie zwei entscheidenden Sätze, die das ganze Drama der Claudia Roth enthalten. „Es geht nicht um mich, um meine Enttäuschung.“ Roth schaut hoch. „Es geht mir – mal wieder – um den Erfolg der grünen Partei.“ Dienen, mal wieder. Spätestens jetzt ist klar, dass sie weitermacht.

Im Süden: 1955 in Ulm geboren, wächst Roth in Memmingen auf.

Im Musikbusiness: Nach Jobs als Theaterdramaturgin wird Roth 1982 Managerin der Politrockband Ton Steine Scherben.

Im Grünen: Auf eine Stellenanzeige in der taz hin bewirbt sie sich 1985 als Pressesprecherin der grünen Bundestagsfraktion. Sie bekommt den Job.

Im Parlament: 1989 bis 1998 sitzt Claudia Roth im Europaparlament, seither mit einer kurzen Unterbrechung im Bundestag.

An der Spitze: Von 2001 bis 2002 und dann wieder ab 2004 ist Roth Parteivorsitzende.

Aufm Platz: 2010 wird sie Sprecherin des DFB-Umweltbeirates.

An der Basis: Per taz-Interview verkündet Roth im März 2012, dass sie Spitzenkandidatin ihrer Partei für die Bundestagswahl 2013 werden will. Entscheiden soll die Parteibasis. Bei der Urwahl fällt sie tief. Am Samstag wird bekannt: Sie landet hinter Jürgen Trittin (72 %), Katrin Göring-Eckardt (46 %) und Renate Künast (39 %) mit 26 % erst auf dem vierten Platz.

Claudia Roth, 57, die Rekord-Chefin mit dem berühmt-berüchtigten Hang zur Emotionalität, führt die Grünen seit knapp zehn Jahren, mit einer neuen Amtszeit wären es zwölf. Damit spielt sie längst in einer Parteivorsitzendenliga mit Angela Merkel. Eigentlich wollte Roth diese Karriere 2013 krönen. Sie hätte große Lust, Außenministerin zu werden, vielleicht auch Entwicklungsministerin. Endlich den Lohn einfahren, für all die Kärrnerarbeit, das Herumreisen, die Umarmungen.

Die ganze Karriere kippt

Solche Träume stehen nun dahin. Ihre ganze politische Karriere kippt gerade. Und dennoch wirft sie nicht hin.

Bis zur Bekanntgabe des Ergebnisses war die Urwahl, die Roth selbst anstieß, ein merkelesker Schachzug: Sie torpedierte einen Alleingang Trittins, der geschäumt haben soll. Sie konterte die Realo-Jungs aus, die wochenlang aufgeregt durch Berlin rannten, um eine achtbare Konkurrentin aufzutreiben. Und sie brachte sich im grünen Machtpoker selbst geschickt mit zwei Argumenten ins Spiel, die so stark waren, dass ihre Gegner sie in sämtlichen Parteigremien brav abnicken mussten: Basisdemokratie und Frau, mehr geht nicht. Was für eine Ironie, dass die Abstimmung Roth als Gedemütigte zurücklässt.

Ein Mittwoch Ende Oktober, Claudia Roth absolviert einen ihrer 18-Stunden-Tage. Morgens Vorstand, mittags Einweihung des Mahnmals für die ermordeten Sinti und Roma, danach Gespräch mit DFB-Funktionären, nachmittags Kulturausschuss.

Es dämmert schon in Berlin, als sie aus dem Bundestag eilt und sich in die BMW-Limousine schwingt, nach vorn auf den Beifahrersitz, wie immer. Die Fahrt geht nach Rostock, knapp drei Stunden, zu einem der Urwahl-Dates mit der Basis. Roth schaut nur aus dem Augenwinkel nach hinten, Verspannung im Nacken. Treten Sie wieder an, wenn Sie ein schlechtes Ergebnis bekommen? „Ich möchte wieder antreten, ja.“ Was würde sie verletzen? „Die Claudi kommt ja sowieso. Egal, ob sie Spitzenkandidatin ist oder nicht. Wenn eine solche Überlegung der Mitglieder mich Stimmen kostet, dann wäre das bitter.“ Sie will nicht selbstverständlich sein. Roth schweigt. Der BMW rast gen Norden.

In die Ecke gestellt

Genau das ist passiert. Der scheinbar unerschütterliche Pakt der Claudia Roth mit der Basis scheint aufgelöst. Sie wurde in die Ecke gestellt. Entweder, weil die Basis ihrer überdrüssig war. Oder weil sie, wofür viel spricht, Roth nicht als Spitzenkandidatin, aber weiter als Chefin haben wollte.

Auf Claudi ist Verlass. Roth kennt fast jeden Kreisverbandschef persönlich, mit eiserner Disziplin pflegt sie den Kontakt zur Basis. Über ihr Engagement kursieren unter Parteifreunden respektvolle Witze. Treffen sich zwei Grüne zum Skat. Sagt der eine: Ruf doch mal eben Claudia an! Andere Spitzengrüne lassen ihr Büro aushandeln, dass mindestens hundert Leute da sein müssen, bevor sie anreisen.

Als 2011 Landtagswahlkampf in Mecklenburg-Vorpommern war, diesem großen, weiten Land mit gerade mal 1,6 Millionen Einwohnern und einem Mini-Landesverband mit 570 Mitgliedern, da setzte Roth sich in ihren weiß-grün lackierten Opel-Bus, fuhr in Dorfkneipen und Kleintheatersäle, schlief nachts auf der Rückbank, 4.500 Kilometer lang. „Mein Bus, mein Team, das ist ein geschützter Raum“, sagt Roth. Die Wahlkämpfe, die Fahrten durchs Land, die Gespräche mit den Leuten, Roth liebt das.

Bus mit Teppich und Tischdecke

Ihren Bus hat sie mit Teppich und Tischdecke ausstaffiert, ihre Mitarbeiter stellen frische Blumen in eine Vase. So wie Claudia Roth über all dies auf der Autobahnfahrt schwärmt, sprechen andere über ihre Familie. Die Grünen sind für Roth Heimat, was ein naheliegender Gedanke ist. Aber Roth hat ihr Leben mit einer Kompromisslosigkeit der Politik untergeordnet, wie es Grüne nachfolgender Generationen nie tun würden.

Über ihre überschwängliche Art haben sich viele lustig gemacht. Roth geringzuschätzen, das hat Tradition, gerade unter männlichen Journalisten. Es gab Auf und Abs, jetzt gerade ist es wieder schlimm mit den Abwertungen. Diese „Übermutti mit weit aufgerissenen Augen“ (Spiegel Online) nervt eben fürchterlich. Sie ist die letzte Provokation, die die spießigen Grünen für das Bildungsbürgertum noch bereit halten.

Abgesehen davon, dass es doch etwas arg Reaktionäres hat, Claudia Roth immer noch nach ihrer Optik zu beurteilen: Die Klamotten gehören zu ihrem Markenkern. Ihre Flatterschals und teppichartigen Brokatgewänder sind für Claudia Roth das, was für Angela Merkel ihre aprikotfarbenen oder grasgrünen Blazer sind. Berufskleidung. Als sie der Süddeutschen Zeitung neulich in München einen Redaktionsbesuch abstattete, wollte ein Journalist ihr aus dem Mantel helfen. „Das ist mein Kleid“, war Roths knappe und ziemlich lustige Antwort. Solch feine Selbstironie sucht man unter Spitzenpolitikern lange vergeblich.

Reichlich professionelle Biegsamkeit

Vor allem aber werden Abwertungen Roths Rolle in der Partei nicht gerecht. Dass sie, die chronisch unterschätzte Parteilinke, die Flügel zusammenhält, attestieren ihr auch knallharte Realos. Roth, die angeblich Flattrige, beherrscht nicht nur beinharte Machtpolitik, sondern sie besitzt auch reichlich professionelle Biegsamkeit. Das hat sie oft genug bewiesen. Hartz IV, Afghanistankrieg, Merkels Atomausstieg – die Linke unterschrieb die Zugeständnisse an die Regierungsmacht nicht nur, sie brachte auf den Parteitagen auch die Basis dazu mitzuziehen.

Es ist eine kluge Strategie, die perfekt zu den Grünen passt. Roth lässt Dinge an sich heran, wahrt sich ihre Authentizität. Aber sie weiß diese Betroffenheit strategisch zu nutzen.

Claudia Roth ist, hört man von vielen, deshalb die Einzige, auf die Jürgen Trittin im inneren Führungskreis wirklich hört. Der mächtigste Grüne weiß, dass ihm das feine Sensorium für die Basis fehlt. Nun ist Dankbarkeit keine politische Kategorie, bei den Grünen schon gar nicht, die ihre Chefs traditionell gern abwatschen. Etwa 2002, als Roth wegen der Trennung von Amt und Mandat den Vorsitz abgeben musste.

Theo Zwanziger, 67, roter Pulli unter dem Sakko, faltet in der Lobby des Radison Blu am Hamburger Flughafen die Hände vor dem Bauch. Der einst mächtigste Mann des Deutschen Fußballbundes nimmt sich eine halbe Stunde, um über seine Freundin zu reden. Er findet, dass Medien ungerechte Klischees über Roth reproduzieren. Etwas zu emotional zu sein sei doch eine vernachlässigbare Schwäche, sagt Zwanziger. Dann erzählt er, wie sich Roth im DFB, diesem arg nach Männerschweiß duftenden Funktionärsbetrieb, Anerkennung erarbeitete. „Claudia kommt immer. Sie ist da. Egal, wie stressig der Tag war.“

Die unbedingte Hingabe

Da ist sie wieder, die unbedingte Hingabe der Claudia Roth an ihren Beruf. Für die Politik verzichtete sie auf Kinder, sie hat keinen Partner. Wenn die Politik plötzlich nicht mehr da wäre, wäre da bei ihr nicht mehr viel. Oder zumindest weniger als bei ihren männlichen Kollegen, denen die Frau die Familie organisiert.

Donnerstag vergangene Woche, zwei Tage sind es noch bis zum Urwahl-Ergebnis. Roth serviert Kaffee in ihrem Bundestagsbüro, zeigt ihr Erinnerungsregal – ein Foto aus Afghanistan, eine Rose aus Messing, ein Geschenk von bayerischen Spenglergesellen.

Sind die Grünen Familie für Sie? „Nein. Familie, das ist meine Mutter, meine zwei Schwestern. Die Grünen sind kein Familienersatz. Aber sie sind mein Lebensinhalt.“ Wie kommen Sie mit Alleinsein klar? „Ich bin eine expressionistische Person, ich liebe Menschen. Wenn ich abends in meine Wohnung komme, ist das Umschalten von der öffentlichen zur privaten Claudia manchmal schon schwer.“ In einem Interview hat Roth mal erzählt, dass sie manchmal um drei Uhr vor dem Fernseher aufwache und den Mantel noch anhabe.

Es hat bei Roth, anders als bei anderen Politikern, etwas Unverstelltes, wenn sie über Privates spricht. Auch deshalb, weil sie große Themen nicht meidet. Einsamkeit. Eitelkeit. Peinlichkeit. Da rennt, dieser Eindruck bleibt, eine Spitzenpolitikerin ohne die üblichen Sicherungsleinen durch die Republik. Und ja, natürlich macht sie weiter. Sie kann gar nicht anders.

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