Rekrutierung auf dem Brocken: Im Tiefflug gegen die Ringdrossel
Die Bundeswehr will auf dem Brocken ein zweiwöchiges „Karrierecamp“ veranstalten. Beim Nationalpark Harz stößt das auf Widerspruch.
Hubschrauber geht immer. Als die Bundeswehr und der Landkreis Harz am vergangenen Donnerstag auf dem Brocken ihre Pläne für ein dort geplantes „Karrierecamp“ der Truppe vorstellten, schwebte ein veritabler Helikopter des Heeres ein und setzte vor dem Brockenhotel zur Landung an. Das habe, berichtete eine Lokalzeitung, für einiges Aufsehen bei Ausflüglern gesorgt.
Auf dem mit 1.141 Metern höchsten Berg des Harzes will die Bundeswehr Mitte Mai zwecks Nachwuchswerbung für zwei Wochen das Camp aufschlagen. Wo sonst vor allem Wanderer unterwegs sind, sollen Zelte und Infostände aufgebaut, Panzer und andere große Fahrzeuge präsentiert werden. Auch Hubschrauberlandungen und Tiefflüge sind angekündigt.
Interessierte, so die Bundeswehr, sollen bei diesem „einmaligen Werbeformat“ unkompliziert mit Soldaten ins Gespräch kommen und sich über militärische und zivile Laufbahnen informieren können. Ziel sei es, die Vielfalt der Karrieremöglichkeiten vor allem denjenigen nahezubringen, die sonst vielleicht keine klassische Karriereveranstaltung besuchen.
Der Landkreis Harz freut sich über das Spektakel. Der Brocken mit seinen zahlreichen Besuchern sei der ideale Ort, um viele Menschen zu erreichen, sagt Landrat Thomas Balcerowski (CDU): „Die Bundeswehr gehört in die Mitte der Gesellschaft.“
Gesellschaft zur Förderung des Harz
Dagegen hält der Nationalpark Harz wenig von dem geplanten „Karrierecamp“. Der Brocken liegt im Zentrum des Schutzgebietes, das sich über die Bundesländer Niedersachsen und Sachsen-Anhalt erstreckt und mit einer Fläche von knapp 250 Quadratkilometern der größte Waldnationalpark in Deutschland ist.
Die Ablehnung der Bundeswehrveranstaltung begründet die Nationalparkverwaltung mit Naturschutzbelangen. Die Brockenkuppe sei Lebensraum, Ruhe- und Reproduktionsstätte seltener und bedrohter Arten, etwa der Ringdrossel. Für diese sei der Berg sogar das einzige Brutgebiet in einem Umkreis von mehreren Hundert Kilometern. Auch seltene durchziehende Vogelarten legten gern mal einen Zwischenhalt auf dem Brocken ein.
Hubschrauberflüge störten Vögel durch den einsetzenden starken Lärm und die optischen Einflüsse, heißt es weiter in der Stellungnahme des Nationalparks. Unter anderem könnten während der Brutzeit Nester verlassen werden. Auch bei Fledermäusen könnten starke akustische Störungen dazu führen, dass sie ihre Quartiere aufgeben.
Die PR-Pläne der Bundeswehr auf dem Brocken halte man deshalb „für außerordentlich bedenklich“. Gleichzeitig äußert der Nationalpark „volles Verständnis“ für das Ansinnen der Bundeswehr. Doch um gerade junge Menschen anzusprechen, gebe es viel besser geeignete Orte, an denen „die Werbung für die Bundeswehr nicht unvermeidlich in Konflikt mit dem Artenschutz tritt“.
Auch der Nationalpark-Förderverein stehe „uneingeschränkt zur Landesverteidigung“, sagte dessen Vorsitzender Friedhart Knolle der taz. „Mit dieser geplanten Aktion überschreitet die Bundeswehr aber eine rote Linie, denn Militärfahrzeuge, ein Camp, Überflüge des Brockens und Hubschrauberlandungen haben absolut nichts in der Kernzone eines Nationalparks zu suchen!“ Hier stehe die Glaubwürdigkeit der Bundeswehr auf dem Spiel, die auf ihren Truppenübungsplätzen durchaus sehenswerten Naturschutz betreibe. „Warum respektiert sie dann hier nicht einmal den Schutzzweck des Nationalparks und will brütende Vögel unnötig aus ihren Nestern verjagen?“
Rechtlich ist das „Karrierecamp“ nicht zu verhindern
Über Jahrhunderte gehörte der Brocken zu wechselnden Königshäusern und Fürstentümern. 1937 wurde er zum Naturschutzgebiet erklärt und somit Staatsbesitz. Am 20. April 1945 erstürmten US-Truppen den Brockengipfel, auf dem sich letzte Verbände von Wehrmacht und SS verschanzt hatten. Später wurde er der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen.
Der Brocken wurde militärisches Sperrgebiet, Sowjetarmee und Staatssicherheitsdienst der DDR errichteten eine Festung mit Spionageanlagen, die weit in das westdeutsche Gebiet hineinhorchen konnten. Nach der Wende ging die Brockenkuppe mitsamt den technischen Anlagen an die Deutsche Telekom. 2008 kaufte ein Konsortium aus Harzsparkasse und Norddeutscher Landesbank das knapp 13.000 Quadratmeter große Gelände. Im vergangenen Jahr erwarb der Landkreis Harz das Areal für 3,5 Millionen Euro. „Die Brockenkuppe ist endlich wieder Gemeinschaftseigentum“, sagt Landrat Balcerowski. Der Kreis kann nun darüber verfügen.
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