Bulgarisch-nordmazedonischer Streit: Mehr als Sprachfinessen

Bulgarien blockiert den Nachbarn Nordmazedonien auf dem Weg in die EU. Dabei geht es um die mazedonische Minderheit in Bulgarien.

Menschen betrachten LIchtinstallation auf einer Brücke bei Nacht

Skopje bei Nacht: Lichterfestival im August Foto: dpa

Die Mazedonier*innen sind wirklich nicht zu beneiden. Nicht einmal zwei Jahre ist es her, dass der Balkanstaat seinen leidigen Namensstreit mit Griechenland endlich beilegen konnte. Gebietsansprüche Skopjes auf die gleichnamige hellenische Provinz waren schließlich in den vergangenen Dekaden nicht überliefert. Damit schien der Weg frei für eine Annäherung an Nato und EU. Doch jetzt hat Nordmazedonien mit Bulgarien ein neues veritables Problem am Hals. Sofia tritt in die Fußstapfen von Athen und blockiert jetzt seinerseits die Aufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen mit dem geliebt-gehassten Nachbarn. Dabei geht es um nichts Geringeres als die mazedonische Minderheit in Bulgarien und die mazedonische Sprache.

Beides gebe es nämlich gar nicht, argumentiert die bulgarische Regierung. Sollte Skopje das nicht einsehen, werde aus baldigen Sondierungsgesprächen mit Brüssel wohl leider nichts.

Derartige Scharmützel dürften sich vielen Europäern so gar nicht erschließen. Doch die Sprachenfrage ist nicht nur auf dem Balkan ein Zankapfel: Auch die russische Propaganda behauptet ja immer wieder gern, die ukrainische Sprache verdiene diesen Namen nicht und sei allenfalls ein bäuerlicher Dialekt des Russischen. Und auch hierzulande gibt es immer noch genügend Menschen, die, wider besseres Wissen, derartigen Unsinn behaupten.

Von diesen, nicht zuletzt auch linguistischen Finessen einmal abgesehen: Die Show, die Bulgarien gerade aufführt, ist mehr als armselig. Denn anstatt sich an seinem Nachbarn abzuarbeiten, hätte das Land wahrlich anderes zu tun. Obwohl bereits seit 13 Jahren in der EU, ist der Balkanstaat nach wie vor Schlusslicht im erlauchten Klub. Demgegenüber sind die Regierenden ganz vorne mit dabei, wenn es darum geht, sich mit EU-Geldern die Taschen zu füllen. Das ist übrigens auch einer der Gründe dafür, warum tausende Bulgar*innen seit Monaten auf die Straße gehen. Sollte Regierungschef Bojko Borissow darauf setzen, durch die Fehde mit Nordmazedonien von seinen innenpolitischen Problemen abzulenken, dürfte dieser Versuch ins Leere laufen.

Und Kanzlerin Angela Merkel? Sie und die deutsche EU-Ratspräsidentschaft haben jetzt, neben Corona und einem dank Polen und Ungarn blockierten Haushalt, ein weiteres Problem auf dem Tisch. Sollte eine Lösung nicht bis zum Jahresende zustande kommen – wofür einiges spricht –, werden alle Schaden nehmen: Bulgarien, potenzielle Beitrittskandidaten vom Westbalkan und nicht zuletzt auch die EU selbst. Trübe Aussichten!

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Geboren 1964, ist seit 1995 Osteuropa-Redakteurin der taz und seit 2011 eine der beiden Chefs der Auslandsredaktion. Sie hat Slawistik und Politikwissenschaft in Hamburg, Paris und St. Petersburg sowie Medien und interkulturelle Kommunikation in Frankfurt/Oder und Sofia studiert. Sie schreibt hin und wieder für das Journal von amnesty international. Bislang meidet sie Facebook und Twitter und weiß auch warum.

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