Buchhandlungen im Kulturkampf: Ein Schaufenster für Fürst Weimer
Der Bremer „Golden Shop“ wurde aufgrund seiner Fassade vom Buchhandlungspreis ausgeschlossen. Nun gestaltet er sie für den Kultursstaatsminister neu.
Die Bremer Buchhandlung Golden Shop gestaltet ihre Fassade neu. Sechs Menschen hängen am Samstagmittag an Seilen vom Dachgiebel des Hauses und befestigten eine riesige Stoffplane an Haken, die sie zuvor in die Wand gebohrt hatten.
Zur Erinnerung: Der Laden wurde als eine von drei Buchhandlungen von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer persönlich vom Deutschen Buchhandlungspreis 2026 ausgeschlossen – unter anderem, weil an der Fassade des Hauses „Deutschland verrecke bitte“ steht. Diese als höfliche Bitte formulierte Forderung, ein einem Song der Punkgruppe Slime angelehntes Zitat, soll einer der Gründe gewesen sein, weshalb der Kulturstaatsminister den Verfassungsschutz nach der Buchhandlung gefragt hatte.
Das Ganze ist nun eine ironische Reaktion, die den Spieß umdreht, indem sie auch die Person des parteilosen Kulturstaatsministers und sein frühes Wirken thematisiert. So sollte nicht nur die Fassade verhüllt werden, auch das Schaufenster wurde neu dekoriert. Dort steht ein riesiges goldgerahmtes Portrait des Kulturstaatsministers, umringt von einer Auswahl seiner Werke: sein Gedichtband „Kopfpilz“, sein Buch „Sehnsucht nach Gott“ und natürlich „Das konservative Manifest“ mit seinen Thesen.
Und sogar eine Flasche Sekt mit einem handgemachten Etikett: ein goldener Schriftzug „Fürst von Weimer“ und das ebenfalls goldgerahmte Antlitz des fürstlichen Kulturstaatsministers zieren die Flasche.
Weimers Kopfpilz
Ob man Weimers Werke ab sofort auch im Golden Shop kaufen kann? „Auf gar keinen Fall!“, sagt Inhaberin Ausma Zvidrina. „So eine Scheiße verkaufen wir nicht.“ Für all jene, die sich noch nicht mit den literarischen Ergüssen unseres Kulturstaatsministers auseinandergesetzt haben, folgt hier das viel zitierte Gedicht „Unglück“ aus seinem ersten Werk Kopfpilz von 1986.
Leider benötigt es eine Triggerwarnung: „Überwuchert mit Eiterbeulen / nötigt er die Schwangere / zum Fleischreiben. / Sein Pech, / daß sein Schwanz platzt. / Ihr Pech, / daß warmer Eiter ihren Unterleib überflutet / und das Kind ersäuft“.
Ob das diese deutsche Leitkultur ist, von der Konservative gerne sprechen? Weimer zumindest scheint nicht allzu glücklich darüber zu sein, dass dieses in seiner Jugend im Selbstverlag veröffentlichte Gedicht in letzter Zeit immer wieder herausgekramt wird.
Hackerin und Aktivistin Martha Root bezeichnete es beispielsweise als Teil einer frauenfeindlichen Kultur und fordert, dass sich mehr mit den Werken des Kulturstaatsministers auseinandergesetzt wird. Dies ist ab jetzt einfach möglich: Root hat den bislang vergriffenen Band Kopfpilz nicht nur der Deutschen Nationalbibliothek übergeben, sondern auch digitalisiert und auf der Website Archive.org zum kostenlosen Download angeboten.
Endlich verfassungskonform
Am Nachmittag sind Verschönerungsarbeiten am Golden Shop beendet, der Stoff wird ausgerollt. Die Fassade ist nun vollständig bedeckt mit zu 100 Prozent verfassungskonformen Zitaten – sie stammen sämtlich vom Kulturstaatsminister persönlich. „Das ist überhaupt nicht als Kulturkampf gedacht“, steht dort, „Das Konventionelle ist die neue Avantgarde“ und „Europa vermehrt sich nicht mehr biologisch“.
Immer wieder bleiben Menschen irritiert vor der Buchhandlung stehen. Hat er das wirklich alles gesagt? Und auch das Gedicht „Vorfreude“ aus Kopfpilz wird zitiert: „Morgen, Rentner, wird’s was geben / Morgen, kommt der Sensenmann / Morgen, Rentner, stirbt das Leben / Morgen, Alter, bist du dran“.
Gestaltet wurde die Fassade von dem Bremer Künstler Sönke Lühring, welcher sich dabei an dem vorherigen Fassadendesign mit schwarzer Schrift auf goldenem Hintergrund orientierte. Ob sich der Golden Shop mit dieser Umgestaltung offiziell vom Linksextremismus distanziert? Inhaberin Ausma Zvidrina lacht über die Frage. „Vielleicht bekommen wir damit ja nächstes Jahr den Preis.“
Die Jury des Deutschen Buchhandelspreises wollte den Golden Shop, sowie die zwei weiteren vom Buchhandlungspreis ausgeschlossenen Läden „Zur schwankenden Weltkugel“ und „Rote Straße“ auszeichnen. Der Golden Shop hätte sogar als „besonders herausragende Buchhandlung“ einen Preis von 15.000 Euro erhalten sollen. Auf Instagram postet Zvidrina Fotos der Fassade und vom Schaufenster: „Hallo Weimi, gefällt dir unsere neue Fassade besser? Wir lieben dich und deine intellektuellen Ergüsse. Bitte gib Preis.“
Dabei hat die Buchhandlung schon längst einen anderen Preis gewonnen: im Laden hängt eine gerahmte Urkunde „für die beste vom Verfassungsschutz beobachtete Buchhandlung“. Und auch Tassen kann man dort seit neustem kaufen: „The Golden Shop: vom Verfassungsschutz empfohlen“.
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