Buch „Machtverfall“ über Merkel: Das Finale, ein Ränkespiel

Das Buch „Machtverfall“ des „Welt“-Journalisten Robin Alexander zeigt süffig Kämpfe der Spätphase der Merkel-Ära – und ist mit Vorsicht zu genießen.

In einem Spätkauf läuft um 19.30 Uhr die TV-Ansprache von Bundeskanzlerin Merkel auf einem kleinen Fernseher.

Ende einer Ära Foto: Foto: Chris­tophe Gateau/dpa

Der typische bundesdeutsche Politiker ist nüchtern und sachlich. Das Leidenschaftslose gilt hierzulande als Ausweis von Kompetenz. In der Merkel-Ära wurde das Farblose geradezu zum Ideal. Unsere politische Klasse ist affektiv heruntergedimmt und scheint als dramentaugliches Personal ungeeignet. Aber so ist es nicht. „Machtverfall“, eine szenische Chronik der späten Merkel-Ära, führt das einleuchtend vor Augen.

Seit gut drei Jahren ist die Union in einer Art Drama-queen-Phase. Bündnisse wurden geschmiedet und verfielen. Zur Thronnachfolge Erkorene scheiterten. In diesen Ränke­spielen gab es Durchtriebenheit und Egomanie, Zufall, Verrat und einen ordentlichen Showdown. Und am Ende hat ausgerechnet der gewonnen, der doch am wenigsten durchsetzungsfähig schien.

Robin Alexander, Welt-Journalist und sehr guter Kenner der Union, zeichnet auf gut 350 Seiten die Ereignisse nach. Es geht auch um die Pandemie – aber im Zentrum stehen die Konkurrenzen in der Union, die lange stillgelegt waren und explodieren, als klar wird, dass Merkel gehen wird. Da ist Söder, der sich vom Merkel-Gegner geschmeidig zum Merkel-Fan wandelt. Merz, der wie ein unerlöstes Gespenst wieder auftaucht und tragikomisch an der eigenen Hybris scheitert. Und das Bündnis von Merkel und Kramp-Karrenbauer, das im Fiasko endet.

Das ist manchmal süffig zu lesen, wie eine sehr lange Spiegel-Titelgeschichte. Wir erfahren von geheimen Treffen von Söder und Laschet, die sich, von keinem Journalisten bemerkt, in einem Hotel in Frankfurt duellieren. „Die Stimmung ist eisig, Laschet fühlt sich in die Enge getrieben und schlägt um sich“, heißt es. Wir müssen vertrauen, dass das schon stimmen wird.

Alexander ist ein allwissender Erzähler, der uns an den Geheimnissen der Mächtigen teilhaben lässt. Der Historiker Andreas Rödder hat dafür die hübsche Formulierung gefunden, dass der Autor die „Mechanismen des politischen Betriebs“ besser versteht als die Protagonisten selbst.

Zu erkennen ist, dass sich die Bedingungen politischer Entscheidungen radikal verändern. Bei den Corona-Krisensitzungen und dem Machtkampf in den CDU-Gremien twittern Journalisten in Echtzeit, wer was sagt. Reiner Haseloff, Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, bemerkt in einer der endlosen Corona-Krisenrunden: „An die mithörenden Journalisten: Bitte stimmen Sie wörtliche Zitate mit meinem Regierungssprecher ab.“

Dass die früher solide abgedichteten politischen Entscheidungsräume durchsichtig geworden sind, hat mit dem basisdemokratischen Traum von Transparenz nichts zu tun. Es ermöglicht eher Tricksereien und nutzt leichtsinnigen Figuren wie Söder. Der hat bei einer Corona-Krisenrunde mal eine Forderung erhoben – nicht um sie umzusetzen, sondern um Minuten später im Bild-Liveticker als harter Coronabekämpfer gefeiert zu werden. Die mediale Allgegenwart verändert Entscheidungen und begünstigt Politiker, die auf Effekte setzen.

„Machtverfall“ ist keine kühle, neutrale Chronik, sondern spiegelt immer mal wieder eingefräste Muster der CDU-Rechten wider

Auch das erzählt „Machtverfall“. Im Fokus aber steht die Union. Die Rolle der Bösen ist recht klar besetzt – Angela Merkel. Die bootet mögliche Konkurrenten „brutal“ aus und lässt Abweichler sofort spüren, dass sie in Ungnade fallen. Sie hat auch Merz, den „intellektuell versiertesten Christdemokraten seiner Generation“, durch „einen Hinterzim­mer­deal aus der Politik gedrängt“.

So war es nicht. Merkel hatte 2002 auf die Kanzlerkandidatur verzichtet und sich dafür mit dem Job der Fraktionschefin begnügt. Das wäre bei dem Sieg von Stoiber über Rot-Grün, an den damals alle glaubten, eher die zweite Reihe gewesen, Merz wäre Superminister geworden.

Doch es kam anders. Rot-Grün gewann. Fraktionschefin war nun der zentrale Posten. Hätte Merkel den Merz schenken sollen? Dass Merz ein Opfer von Merkels rücksichtlosem Machtwillen wurde, ist eine Legende der CDU-Konservativen. Alexander teilt deren phobische Abneigung gegen Merkel.

Auch in einer Schlüsselszene dieses Buches erscheint die Kanzlerin als kalt kalkulierende Machtpolitikerin, die das Spiel mit Schein und Sein gerissen beherrscht. Erst zeigt sie sich mit ihrer Thronfolgerin Kramp-Karrenbauer in trauter Eintracht in der Öffentlichkeit, um AKK danach bei einem geheimen Treffen klar zu machen, wo der Hammer hängt. Sie bleibe Kanzlerin, AKK könne „ja versuchen, sie zu stürzen“. Hier Merkel, die sich an die Macht krallt, dort AKK, die Kronprinzessin, die im langen Schatten der Kanzlerin keinen Fuß auf den Boden bekommt.

War es so? Diese Szene hat ein Stern-Journalist kolportiert, Alexander hält sie für erwiesen. Das mag man glauben oder nicht. Ein nicht ganz unwichtiges Detail fehlt aber in diesem Bild.

Die SPD hätte Kramp-Karrenbauer zur Kanzlerin wählen müssen. Die SPD mag ungeschickt sein, aber so töricht, der Union den roten Teppich für den nächsten Wahlkampf auszurollen, wäre sie nicht gewesen. Das wird hier, um den dramatischen Effekt nicht zu mindern, weggelassen. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

So erscheint Kramp-Karrenbauer, trotz selbstverschuldeter Fehler von Rezo bis Thüringen, als weitere politische Leiche, die Merkel auf dem Gewissen haben soll. Realistischer ist eine andere Sicht. Merkels Versuch, die eigene Nachfolge zu regeln, musste scheitern. Am Ende von langen Machtären stehen immer chaotische Kämpfe, schwache Nachfolger, Übergangskandidaten. So war es auch bei Adenauer und Kohl. Demokratien sind eben keine Erbhöfe.

„Sollte man über Geschichte schon schreiben, wenn sie noch qualmt?“, hat Barbara Tuchman gefragt, eine US-Autorin, die auf dem Grat zwischen Geschichtsschreibung und Journalismus wandelte. „Machtverfall“ erzählt eine Geschichte, die noch gar nicht qualmt. Sie brennt noch. Das macht die Attraktion aus, markiert aber auch hart die Grenze.

„Machtverfall“ ist eine Art Dokutainment und keine kühle, neutrale Chronik. Es spiegelt immer mal wieder eingefräste Muster der CDU-Rechten wider. Was Fakt, was unvollständige Hintergrundinfo, was Deutung ist, ist mitunter schwer zu erkennen. Wenn HistorikerInnen in zehn Jahren über das Ende der ­Merkel-Ära forschen, werden sie dieses Buch in die Hand nehmen. Benutzen werden sie es nicht.

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