Die Kanzlerin auf Abschiedstour: Merkels langer Schatten

Zum letzten Mal gibt die Kanzlerin ihre Sommerpressekonferenz. Der Auftritt illustriert: Ihren Stil wird man vermissen – ihre Politik nicht.

Angela Merkel kneift ein Auge zu

Offenbar zum Scherzen aufgelegt: Merkel am Donnerstag bei ihre letzten Sommerpressekonferenz Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Angela Merkel hat es achselzuckend zugelassen, dass die Ungleichheit in den letzten 16 Jahren gewachsen ist. Das ist mehr als nur ein Gerechtigkeitsproblem. Zu viel Ungleichheit bedroht die Demokratie.

Merkels Bilanz ist nicht so bonbonfarben, wie sie in vielen Würdigungen, die demnächst erscheinen, gemalt wird. Und doch werden wir, wie ihre letzte Sommerpressekonferenz hübsch illustriert, etwas vermissen, wenn sie weg ist. Sie verbindet gelassene Sachkenntnis – egal, ob es um den Konflikt zwischen Griechenland und der Türkei oder um die energetische Gebäudesanierung geht – mit Understatement. Erst das Amt, dann die Frau. Die Macht war in der Bundesrepublik nie prunkvoll, zeremoniell oder darauf aus, Untertanen zu beeindrucken. Doch so zivil und zurückhaltend, ja fast bescheiden wie unter Merkel war die Selbstinszenierung der politischen Macht nie.

Das hat auch damit zu tun, dass sie ihre Rolle mit sehr wenig Ich ausgefüllt hat. Sie schien ihre biografischen Markierungen – eine ostdeutsche Frau – in einem von Westmännern geprägten Arbeitsbereich wirksam zum Verschwinden zu bringen. Und sogar kurz vor dem Abschied fällt ihr zum Osten nur schmallippig ein, dass ihre Herkunft sie geprägt habe. Und dass es ihr nicht vergönnt war, eine westdeutsche Schule zu besuchen.

Der Vorteil des Nullsatzes

Merkel hat die Kunst, Fragen nicht zu beantworten, perfektioniert. Der Vorteil des Nullsatzes ist es, sich unangreifbar zu machen. Das ist eine unauffällige, wirksame Technik des Machterhalts. Bei der Kanzlerin prägt die Rhetorik des Undeutlichen sogar die Art ihres Redens. Ihre Sätze sind oft nicht durch Pausen getrennt, sie fließen in­einander. Schon das macht es schwierig, eindeutige Aussagen zu identifizieren. „Wir schaffen das“ war in jeder Hinsicht eine Ausnahme.

Dieser rund geschliffene Sound ist erträglich, weil hier und da staubtrockener Humor aufblitzt. Nein, Feministin ist sie nicht, aber es gebe „bei Frauen tendenziell eine Sehnsucht nach Effizienz“. Anders als bei Männern, die, kleine Klischeeumkehrung, einfach zu viel reden. Da mag man an Armin Laschet denken, ihren möglichen Nachfolger, der in ihrem langen Schatten sehr, sehr klein wirkt. Merkel erwähnte seinen Namen auffällig wenig.

Ihre Bilanz? Beim Klima habe sie getan, was möglich war, auch wenn man nun schneller werden müsse. Alles getan? Merkel ist in Brüssel als stählerne Lobbyistin der deutschen Autokonzerne aufgetreten und hat höhere CO2-Grenzwerte verhindert, die Profite von Porsche und BMW gesenkt hätten. Ihren Stil – preußisch, sachlich, ironisch – werden wir vermissen. Ihre Politik nicht.

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Stefan Reinecke leitet das Meinungsressort der taz und arbeitet als Autor im Parlamentsbüro mit den Schwerpunkten SPD und Linkspartei.

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