Buch „Das Patriarchat im Uterus“: Your body, their choice
Die Ärztin und Feministin Alicia Baier fordert seit Jahren die Entkriminalisierung von Abtreibungen. Ihr Buch ist ein streitbarer Beitrag zur Debatte.
2025 war kein leichtes Jahr, um für liberale Abtreibungsrechte zu streiten. Im Februar scheiterte ein parlamentarischer Vorstoß zur Abschaffung des Paragrafen 218 im Bundestag, im Juli verhinderte eine Kampagne die Wahl der Rechtswissenschaftlerin Frauke Brosius-Gersdorf zur Bundesverfassungsrichterin. Sie hatte sich zuvor für eine Reformierung des Abtreibungsrechts ausgesprochen. Wie danach weitermachen? Die Ärztin Alicia Baier hat ein fundiertes und wütendes Buch zum aktuellen Stand der Debatte geschrieben.
„Mutterschaft wird als der natürliche und soziale Auftrag gebärfähiger Menschen angesehen. Wer sich diesem entzieht, trifft keine private Entscheidung, sondern stellt eine gesellschaftliche Ordnung infrage“, schreibt Alicia Baier zu Anfang. Diese patriarchale Ordnung tabuisiere Menstruation, verharmlose sexualisierte Gewalt und erkläre den Uterus nach den Wechseljahren für wertlos. Nirgendwo aber zeige sich „die perfide Inbesitznahme des gebärfähigen Körpers so deutlich wie im Diskurs um den Schwangerschaftsabbruch“.
Teufelskreis aus Stigmatisierung und Unterversorgung
Wie unzählige Feminist:innen vor ihr plädiert die Medizinerin für eine Neuregelung des Schwangerschaftsabbruchs, um das „Patriarchat aus dem Uterus zu holen“. Denn laut Paragraf 218 im Strafgesetzbuch sind Abtreibungen bis zur 12. Woche nach Empfängnis lediglich straffrei, nicht legal. Den Teufelskreis von Stigmatisierung, fehlendem Wissen und Unterversorgung zeichnet Baier in der Verstrickung politischer und medizinischer Kontexte nach.
Alicia Baier: „Das Patriarchat im Uterus“. Droemer Verlag, München 2025, 352 Seiten, 22 Euro
Rund 100.000 Mal pro Jahr, 280 Mal pro Tag, wird in Deutschland abgetrieben. Als grundlegende Gesundheitsversorgung von Schwangeren werden Schwangerschaftsabbrüche jedoch meist nicht betrachtet. Nur eine Minderheit der Ärzt:innen und Kliniken bieten Schwangerschaftsabbrüche an, viele fürchten die hohe bürokratische Last und die Angst vor Stigmatisierung, anderen fehlt die Ausbildung oder sie lehnen Abbrüche grundsätzlich ab.
Baier kennt das Problem: „Ich erinnere mich noch gut an eine Frau aus Bayern, die über 20 Praxen durchtelefonieren musste, nur um das Alter der Schwangerschaft im Ultraschall feststellen zu lassen. Sobald sie sagte, dass sie die Schwangerschaftswoche dringend wissen müsse, weil sie einen Schwangerschaftsabbruch plane, wurde sie abgewiesen. ‚Damit wollen wir nichts zu tun haben‘, war einer der Sätze, die am Telefon fielen.“
Und findet sich doch ein Angebot, fehlt es oft an Wahlfreiheit, wie die Leser:innen erfahren. Die schonendere medikamentöse Abbruchmethode wird seltener angewandt als medizinisch möglich. Und obwohl für operative Eingriffe die Absaugmethode etabliert ist, verwenden Ärzt:innen in rund einem Sechstel der Fälle weiterhin die veraltete und riskantere Ausschabungsmethode.
Eine Frage von Tagen
Der prekäre Zustand in der Versorgung wird bedingt durch die gesetzlichen Hürden, die ungewollt Schwangere und Ärzt:innen überwinden müssen: der Abbruch vor der 14. Schwangerschaftswoche, also der 12. Woche nach Empfängnis; die gesetzliche Pflichtberatung und anschließender 3-tägiger Wartezeit; die weiten Wege und die hohen Eigenkosten.
Es zeigt die Doppelmoral: Die Gesellschaft übt juristisch und zeitlich Druck aus, verhindert durch Wartefristen und Versorgungsknappheit aber gleichzeitig, dass Abbrüche früher stattfinden. Baier schlägt deshalb vor, auf gesetzliche Fristen ganz zu verzichten: „In meinen Augen sollte es zu keinem Zeitpunkt der Schwangerschaft in Ordnung sein, das fetale Lebensrecht per Gesetz über die Grundrechte und die Gesundheit von Schwangeren zu stellen.“ Auch in Ländern wie Kanada oder Niederlande mit keinen oder deutlich späteren Fristen fänden die meisten Abbrüche vor der 9. Woche statt, so die Autorin.
Politisch klar positioniert
Baier ist nicht nur Ärztin, sondern auch Vorsitzende des von ihr gegründeten „Doctors for Choice“. Das deutschlandweite Netzwerk von Ärzt:innen, Studierenden und Menschen aus anderen Gesundheitsberufen setzt sich für den selbstbestimmten Umgang mit Schwangerschaften ein. Genauso lange ist die Medizinerin auch von Bedrohungen von Abtreibungsgegner:innen betroffen.
Einschüchtern lässt sie sich davon nicht: Und so fordert Baier etwa von der Unionspartei mehr inhaltliche Tiefe beim „Lebensschutz“ – etwa auch für geborene Kinder – oder stellt sich gegen den konservativ ausgerichteten Fachverband Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe. Ihm wirft sie vor, in Wortwahl und politischer Positionierung oft Abtreibungsgegner:innen zu gleichen.
Was passieren müsste
Kenntnisreich, diskriminierungssensibel und streitbar zeigt Baier, wie der Hälfte der Bevölkerung strafrechtlich legitimiert ihre Autonomie und Reflexionsfähigkeit abgesprochen wird. Marginalisierte Positionierungen denkt sie dabei konsequent mit. Vor allem ihre Erfahrungen aus dem medizinischen Alltag erweitern den Diskurs um lebensnahe, empathische Position.
Was muss jetzt passieren? Neben der Entkriminalisierung fordert die Autorin den Abbau von Zugangshürden, die verpflichtende Thematisierung im Medizinstudium oder auch die Abschaffung des institutionellen Weigerungsrechts. Damit legitimieren bisweilen noch ganze Kliniken, weshalb sie keine Abbrüche durchführen sollten. Trotz der Rückschläge von 2025 zeigt sich: An Vorschlägen fehlt es ebenso wenig wie an der Resilienz und Hartnäckigkeit einer weiteren Generation von Feminist:innen.
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