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Britische PoesieVon der Pflicht, untröstlich zu bleiben

Lyrikerin Fran Lock hat einen Hybrid aus Essay und Poesie geschrieben. „Manifest für eine Arbeiter:innenklassenpoetik“ knüpft an widerständige Traditionen an.

Hexen gelten Fran Lock als Blutzeugen weiblicher Selbstbehauptung, wobei sie das Motiv ins Queere erweitert Foto: Gemini/imago

Als Renate Rasp gegen Ende der 1970er zeitweise nach Cornwall emigrierte, war das auch eine Reaktion auf die ausbleibende Emanzipation im Gefolge von 1968. Eine Feministin hatte nach dem Anspruch Rasps eine Hexe zu sein; im zweiten Gedichtband „Junges Deutschland“ der 2015 in München verstorbenen Dichterin findet sich ein Epigramm: „Warum haben sie Hexen verbrannt? / Es waren die ersten intelligenten Frauen […] Sie wußten mehr von der Treue / als die Ehefrau, die keinen Seitenblick wagt […] Mit der Weisheit / von Jahrtausenden lebten sie / alterslos unter Alten“.

Gegenwartsgedichte aus dem Land der Brüder Grimm kommen zwar kaum ohne Anleihen beim Märchen aus, aber die Apologie der Hexenfigur ist anscheinend passé; anders bei Fran Lock (Jahrgang 1982), Aktivistin und für diverse renommierte Preise nominierte Lyrikerin aus Kent: „der menschliche anzug im namen / der gastfreiheit, zerlegt. lauf! / und schau die vielen glühenden / schenkel auf dem scheiterhaufen. willst / sie wiegen auf einer trage in schlaf. / willst einen nachtrunk aus teer“.

Hexen gelten Lock wie Rasp als Blutzeugen weiblicher Selbstbehauptung; nur dass Lock auf das Heroinenhafte komplett verzichten kann und folgerichtig erweitert: „die körper von queeren, gypsies, krüppeln, schwarzen, fetten, armen, frauen sind unvermeidlich politisiert, bevor wir auch nur den mund aufmachen“.

Das Buch

Fran Lock: „Manifest für eine Arbeiter:innen-klassenpoetik“. Roughbooks, Schupfart, Berlin, Buenos Aires 2025. 92 Seiten, 14 Euro.

Es mangelt dem Original, und konsequenterweise der skrupulösen Übersetzung, allerdings ein wenig an einem kolloquialen Moment, das etwa der im Jahr 2019 in Berlin zu Tode gekommene Dichter Sean Bonney Ende der 2000er Jahre in seinem „Rimbaudbrief“ („Letter on Poetics“) von Lyrik forderte; und das er mit beeindruckender Bühnenpräsenz, aber auch im Netz, verkörperte.

Marxisten und Bourgeoisie

In der Bonney gewidmeten Elegie „Trost“ („Consolations“) erinnert Lock an den Marxisten, als den Bonney sich selbst sah, angemessen unsentimental: „süd-london is düsteres ansuchen des amphetamins. öffne / nicht die tür! würdest du nicht sagen, der albtraum habe ein anrecht / auf verachtung?“ – Die von Bonney bevorzugte Kampfvokabel „Bourgeoisie“ heißt bei Lock „menschlicher Anzug“; wo Bonney „bürgerliche Antikommunikation“ geißelte, spricht Fran Lock, akademisch moderierter, von „sprache des konsums“.

In der effektvollen Verwendung kraftmeiernder Genitalität nehmen sich Bonney- und Lock-Gedichte wenig. Vielleicht ist es ungerecht, darin wenig mehr als einen Konservatismus radikaler Antibürgerlichkeit sehen zu können.

Ein markanter Unterschied folgt aus der offensiven Art, in der Lock vermeintlich randständige, in der Poesie selten behandelte Kulturphänomene, etwa „Wunde“ oder „Verwitterung“, in ihre Poetik aufnimmt: „wenn ich sage, ich möchte, dass meine le­se­r:in­nen nicht nur meine hässlichkeit, sondern auch meine missbildungen übernehmen, wirst du mich dann genug lieben, um zu verstehen, dass es sich dabei nicht um eine metapher handelt?“

In die illustre Reihe von Rosemarie Waldrop, Elke Erb und Mara Genschel passt diese Autorin gut

„queer ist / beides. orientierung / und gemeinschaft.“

Durch den stetigen Wechsel von essayistischen und poetischen Texten stellt sich nie Monotonie ein, dafür finden sich jede Menge mitreißende Zeilen wie diese: „queer ist / beides. orientierung / und gemeinschaft. / das kleid ist beides, / evangelium vom versagen / eines engels, und schmutz / in einer schnittwunde“. Die übersetzerische Zusammenarbeit von Matthias Kniep, Programmleiter im Berliner Haus für Poesie, und Léonce Lupette, frankodeutscher Dichter und Wahlargentinier, schafft es, den Gestus des Manifests im Deutschen neu zu inszenieren.

Dann darf es auch mal „schoß“ sein für „crotch“. Ob das nun eine Glättung ist oder bloß unpornöser, bleibe dahingestellt. Im Fall von „britpop’s blairite aubade“ dürfte es sich um eine kämpferisch gemeinte Ansage gegen den Alltagsmachismo des Oasis-Albums „What’s the Story (Morning Glory)“ handeln, es käme als „Morgenständchen blairistischer Britpopper“ besser zum Tragen als die im Buch gewählte Lösung.

Möglicherweise wäre ein Übersetzerkollektiv da und dort der Bissigkeit des Originals noch etwas näher gekommen. Wobei einige Fleischwunden bereits im Original eitrig sind. Die Ausgrenzung von queeren Lebensentwürfen durch klassistisches Spießbürgertum anzuprangern, wird immer die Zustimmung progressiver Kräfte finden. Wo die Arbeiter:innen-Poetikerin in tumben Kinderhass und Schnoddern gegen Regierungspolitik („gipfel liberaler scheiße“) verfällt, wird es fahl.

Unter den flatternden Fahnen der Systemfeindschaft („dieses land ist der feind“) schlankweg mit einer staatstragenden Institution des deutschen Literaturbetriebs zu kooperieren, das ist auch nicht unbedingt „radikal“ (Klappentext).

Avancierte Lyrik bei Roughbooks

Unzweifelhaft wurde der richtige Verlag für dieses schroffe Buch gewählt: Roughbooks. In Urs Engelers Reihe erscheint seit 15 Jahren avancierte Lyrik beispielsweise von Rosemarie Waldrop, Elke Erb und Mara Genschel.

In diese illustre Riege passt Fran Lock ganz gut: „die idee muss aber sein, ihnen gegen den strich zu gehen, unverdaulich zu werden für den literarischen mainstream. es ist unsere pflicht, untröstlich zu bleiben, unerlöst, wütend, ungezähmt“; das Ziel der poetologischen Anstrengungen ist sympathischerweise „eine art prolliger schund-modernismus“ und „eine poesie, die den fluch unseres konservativen englischen kanons verdreifacht an den absender zurückschickt“.

Mit stupenden Findungen („hedge-born“, „human suit“) eröffnet Fran Locks Hybrid aus Essay und Poesie eine Werkstatt voller unlyrischer Lyrik und passionierter Kritik.

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