Brillanter Abschluss der EM-Quali

Lasst sie doch einfach spielen!

Die deutsche Nationalelf zeigt gegen Nordirland, wie sehr ihr der Ballbesitzfußball liegt. Das hat viel mit dem Unterschiedspieler Gnabry zu tun.

Serge Gnabry am Ball

Feingespür im Fuß: Gnabry nimmt den Ball an wie kaum ein anderer Foto: ap

Hoppla, was war das denn? Ist jetzt wieder alles gut im deutschen Nationalmannschaftsfußball? Mit 6:1 hat die Auswahl des DFB ihr letztes Qualifikationsspiel zur Fußball-EM im nächsten Jahr gewonnen und dabei vor allem eines gezeigt: Sie können spielen. Da lief der Ball teilweise, dass es eine wahre Freude war.

Da wurden Räume gefunden, wo niemand welche vermutet hätte, weil die Nordiren sich weit zurückgezogen hatten. Immer wieder startete ein deutscher Spieler und nahm Tempo auf, obwohl das Spiel eigentlich von den Gästen gerade, so gut es eben ging, heruntergebremst worden war. 0:1 hatte die deutsche Mannschaft nach sieben Minuten zurückgelegen, und nicht wenige hatten Angst, dass es schwer werden würde, die Mauer der Mannen aus Nordirland zu durchbrechen. Denkste! Wie ein Kinderspiel sah das aus.

Und sogar in den bei Länderspielen traditionell stimmungsfreien Kurven wurden gesungen. Olé, olé, olé, olé! 42.000 von 48.000 Plätzen waren besetzt in der Frankfurter Kommerz-Arena. Gar nicht mal so schlecht bei einem Spiel, in dem es um beinahe nichts mehr geht, gegen einen Gegner, von dem niemand etwas erwartet und in dessen Reihen niemand spielt, den man kennen müsste.

So mancher verließ das Stadion mit einer weißen Tüte, in der er das eben vorgestellte EM-Trikot nach Hause transportiert hat. 90 Euro kostet das weiße Etwas mit den zarten Streifen. Wo war sie nochmal die Krise, von der vor einer Woche landauf, landab gesprochen wurde? Im Juni 2020 wird die deutsche Mannschaft mit drei Heimspielen in München in das EM-Turnier starten. Es wird gewiss kein Problem werden, dafür Karten in Deutschland zu verkaufen. Die Erwartungen sind massiv gestiegen nach diesem einen guten Auftritt am Dienstagabend. So schnell kann es also gehen.

Gute Laufwege

Klar, Nordirland ist nun wahrlich nicht die Sahne auf der europäischen Fußballtorte. Aber verteidigen können sie normalerweise schon. Und wenn stimmt, was Bundestrainer Joachim Löw nach dem Spiel gesagt hat, dann ist die deutsche Mannschaft wirklich auf einem sehr guten Weg. Er hat vor allem gute Laufwege gesehen. Fünf Tage habe man Zeit gehabt, um endlich einmal wieder vernünftig miteinander trainieren zu können, und da seien ebendiese Laufwege trainiert worden, mit denen die Deutschen an diesem Abend eine Abwehr aufgebrochen haben, die normalerweise keine sechs Gegentreffer hinnehmen muss. Löw jedenfalls hat gefallen, was er gesehen hat.

Was ist nicht seit der vermasselten WM und der verkorksten WM-Analyse von Löw über die Art des Ballvortrags geredet worden. Man wolle weg vom Ballbesitzfußball, mit dem man die Zuschauer in Russland eingeschläfert habe, man wolle eher Reaktions- als Aktionsfußball spielen. Das ist mal ganz gut gelungen, geht aber eh nicht gegen Gegner, die nicht wirklich mitspielen wollen, und ist gegen starke Offensivteams sehr riskant. Vor allem die Niederlage gegen die Niederlande in Hamburg hat gezeigt, dass es, auch wenn das deutsche Verteidigerspitzenpersonal nicht gerade im Hospital oder in der Reha ist, vielleicht nicht die beste Idee ist, das Spiel über die Defensive zu definieren. Am Dienstag konnte man sehen, welch gute Kicker sich da im deutschen Mittelfeld tummeln. Lass sie doch einfach spielen! Das möchte man dem Bundestrainer da beinahe zurufen.

Bei all der berechtigten Kritik am Spiel der deutschen Nationalmannschaft, die in den vergangenen zwei Jahren nicht viel mehr war als eine graue Maus in der Weltspitze des Fußballs, ist vor allem auch eines immer bemängelt worden: Den Deutschen fehle ein Unterschiedspieler, einer, der den Gegnern Respekt einflößt, noch bevor der erste Ball gespielt ist. Nun, nachdem Serge Gnabry gegen Nordirland dreimal getroffen, in 13 Länderspielen 13 Tore geschossen hat, sieht es fast so aus, als könne man die Suche nach diesem Extra-Spieler einstellen. Wie hat er nach dem Spiel gesagt: „Ich bin froh, dass ich der Mannschaft helfen konnte.“ Er weiß vielleicht gar nicht, wie richtig das ist.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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