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Brandenburg-Tag auf der Grünen WocheMut, gegenzuhalten

Der Brandenburger Landfrauenverband und ihre Vorsitzende präsentieren sich auf der Grünen Woche mit der Botschaft für Toleranz und Demokratie.

Antje Schulze, Vorsitzende des Brandenburger Landfrauenverbandes Foto: P. Plarre

Aus Berlin

Plutonia Plarre

Es ist ein Gewusel in der Brandenburg-Halle. Über 70 Betriebe, Geschäfte und Vereine aus Berlins Nachbarland sind dieses Jahr auf der Grünen Woche vertreten. Es gibt ein Kochstudio, die Gläserne Molkerei und die Rehkitzrettung sind vertreten. Den Stand am Ende der Halle 21a hätte man fast übersehen: Neben dem Landesjagdverband und Forum Natur hat sich der Brandenburger Landfrauenverband postiert.

Einen konservativen, nach rechts tendierenden Frauenverband hatte man erwartet. Politisch ähnlich ausgerichtet, wie die Lobbyverbände der Jäger, Landwirte und Waldbesitzer, die Umwelt- und Naturschutzstandards zurückschrauben wollen.

Um so größer ist die Überraschung. Auf einem Tischchen am Stand liegen kleine Zollstöcke mit der Aufschrift „Keinen Millimeter nach rechts“. 1.200 Mitglieder hat der Brandenburger Landfrauenverband. Dass dazu auch Frauen gehören, die bei der letzten Landtagswahl ihr Kreuz bei der AfD gemacht haben, ist zu vermuten. Der Vorstand allerdings hat eine eindeutige Haltung: „Wir arbeiten mit allen demokratischen Parteien zusammen, außer mit der AFD“, sagt Antje Schulze, Vorsitzende des Brandenburger Landfrauenverbandes. „Der gesamte Vorstand steht dahinter.“

Auf der Messe, die noch bis Sonntag geht, präsentiert sich am Stand des Brandenburger Landfrauenverbandes jeden Tag eine andere Kreis- oder Ortslandfrauengruppe.

Neue Perspektiven nach der Wende

Landfrauenverbände in den östlichen Bundesländern gibt es, anders als in der früheren Bundesrepublik, erst seit der Wende. 1992 hätten sie sich gegründet, erzählt Schulze. Nach dem Ende der DDR seien viele Frauen, die in den LPGs gearbeitet hatten, durch die Umstrukturierung arbeitslos geworden. Die Landfrauenverbände hätten diese Frauen unterstützt, neue berufliche Perspektiven zu entwickeln, nicht nur im landwirtschaftlichen Bereich.

Schulze, schwarze geblümte Bluse, pinkfarbiges Sakko, schulterlange braune Haare, ist eine Frau, die Tatkraft ausstrahlt. Sie verschanzt sich nicht hinter Worthülsen, spricht geradeheraus. Seit fünf Jahren ist die 40-jährige Vorsitzende des Brandenburger Landfrauenverbandes und damit – auch im Bundesvergleich – sehr jung. Es ist ein Ehrenamt. Hauptberuflich arbeitet sie in der Stadtverwaltung von Nauen.

Netzwerkerin und Scharnier

Die im Landkreis Havelland am Rand des Berliner Speckgürtels gelegene Stadt hat 20.000 Einwohner. 14 Ortsteile dazu gerechnet, zählt Nauen zu den flächengrößten Gemeinden Deutschlands. Schulze ist in der Stadtverwaltung die Ortsteilbeauftragte. Scharnier und Netzwerkerin zwischen Stadt und Land, wie sie bei dem Gespräch auf der Grünen Woche erzählt.

Netzwerkerin und Scharnier – so verstehen Schulze und ihre Mitstreiterinnen auch ihre Aufgabe im Landfrauenverband. 14 Frauen des Verbandes hätten sich zu Botschafterinnen für Demokratie und Toleranz ausbilden lassen. Erfolgt ist das mit Unterstützung der Koordinierungsstelle Tolerantes Brandenburg, die in der Staatskanzlei in Potsdam angesiedelt ist und die Schulungen und Veranstaltungen zu Demokratiestärkung und Extremismusprävention durchführt.

Laut der neuesten Wahlumfrage von Insa, die am Sonntag veröffentlicht wurde, liegt die AfD in Brandenburg inzwischen bei 34 Prozent, die SPD käme nur noch auf 25 Prozent, die CDU auf 13 Prozent. BSW und Linke liegen mit 8 Prozent gleichauf, die Grünen kämen auf 5 Prozent. Nachdem das Regierungsbündnis mit dem BSW geplatzt ist, strebt die SPD mit der CDU eine neue Koalition an. Drohend über allem schweben die hohen Umfragewerte für die AfD in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, wo im Herbst Landtagswahlen sind.

Position beziehen

Das ist der Hintergrund, vor dem die Botschafterinnen für Demokratie und Toleranz des Landfrauenverbandes agieren. Jede und jeder habe in Brandenburg mit Menschen zu tun, die AfD wählten oder mit ihr sympathisierten, erzählt Schulze. Wenn man Leute zurückgewinnen wolle, müsse man Positionen beziehen. „Der Mut, gegenzuhalten, der fehlt uns oft, man duckt sich doch eher weg“, weiß sie.

Bei den Schulungen hätten die Frauen Material an die Hand bekommen und gelernt zu argumentieren. Gelegenheiten gebe es viele. Auf den Dorffesten, beim Aufbaues des Bierzelts, bei der Ernte, bei der Freiwilligen Feuerwehr. Reingehen in die Konflikte, niemanden ausgrenzen, die Menschen zurückzuholen, sich für die Demokratie einzusetzen, das sei das Ziel.

Hat sie ein Beispiel? Der Landfrauenverband setze sich für gesunde Ernährung ein, betreibe in Schulen und Kitas Aufklärung über Lebensmittel und Essgewohnheiten. Dabei rede man auch über Rollenbilder, wonach beispielsweise für die AfD Frauen an den Herd gehörten, kein Mitspracherecht hätten. „Wir stehen für die Selbstständigkeit der Frauen im ländlichen Raum, für Gleichheit“, sagt Schulze.

Egoismus nimmt zu

Es sei kein einfaches Unterfangen, gibt die Vorsitzende zu. Das große Problem sei das fehlende Vertrauen vieler Menschen in die Politik. Und dass die Politik es nicht schaffe, mit einer besseren Öffentlichkeitsarbeit mit Errungenschaften durchzudringen, denn die gebe es ja auch.

Das Problem sieht Schulze auch bei Leuten selbst. Dem Egoismus. Seit Corona beobachte sie das verstärkt. „Jeder sieht nur sich selbst.“ Alles, auch die Weltlage, werde danach bewertet, was man im eigenen Portemonnaie habe. Die erste Frage sei oftmals: Was habe ich davon?

Das „Wir“ stärken, darum gehe es, sagt Schulze. „Denn im ländlichen Raum können wir nur in Gemeinschaft etwas bewirken.“

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