Bosnisches Flüchtlingslager Lipa: Unmenschliche Zustände

Mehrere Tage mussten die Migranten*innen im zerstörten Lager Lipa ausharren. Erst Dienstag kamen Busse um sie woanders unterzubringen.

Junge Migranten suchen unter Decken Schutz vor der Kälteaben unter

Schneesturm und eisige Kälte: Migranten wärmen sich gegenseitig Foto: Dado Ruvic/reuters

SPLIT taz | Am Dienstag in den Mittagsstunden trafen endlich Busse in dem zerstörten und ausgebrannten Zeltlager Lipa ein, um die in Schnee und Kälte ausharrenden Migranten nach Sarajevo zu bringen. Die Bilder vom Brand im Lager Lipa und von den herumirrenden Menschen im Schneesturm war von vielen Bosniern auch als Schande Bosniens empfunden worden. Ein erbärmliches und schreckliches Schauspiel ist damit erst einmal beendet.

Das Lager Lipa liegt auf einer der eher unwirtlichen Hochebenen zwischen Bosnanski Petrovac und Bihać, nahe einem kleinen serbischen Dorf, dessen Einwohner jedoch vor und nach dem Friedensschluss in Dayton 1995 in die serbische Teilrepublik abgewandert sind.

Das Lager wurde in dieser menschenleeren Region eingerichtet, weil die Bewohner Bihaćs kein Lager mehr innerhalb der Stadt dulden wollten. Andere Gemeinden in Bosnien weigerten sich ohnehin, irgendwelche Migranten aufzunehmen. Vor allem in den serbischen Gebieten, wo orthodoxe Christen wohnen, und den kroatischen Gebieten, wo Katholiken leben, will man mit den Muslimen aus Pakistan und Afghanistan nichts zu tun haben. Aber auch in muslimisch dominierten Gebieten des Landes war man jahrelang froh, dass alle Migranten nach Bihać drängten. Denn von dem nordwestlich gelegenen Bihać aus hofften die heute fast ausschließlich männlichen und jungen Migranten, über die Berge nach Kroatien und damit in die EU zu gelangen

Lipa liegt mehr als 30 Kilometer von Bihać entfernt, von hier aus ist es noch schwieriger, die kroatische Grenze zu erreichen, als von der Stadt aus. Auch jene, die jetzt den Schneesturm und den Brand im Lager erlebt haben und jetzt nach Sarajevo gebracht werden, wollen weiterhin die kroatische Grenze überwinden, wie sich im letzten Jahr zeigte. Obwohl alle die Bilder von den grausamen Praktiken der kroatischen Polizisten und Grenzschützer kennen, die nicht nur zuschlagen und Handys, Geld und Schuhe rauben und Beine brechen, werden sie nicht aufgeben.

Die jungen Afghanen und Pakistaner wollten nicht in Bosnien bleiben, obwohl sie wissen, dass sie kein Asyl in der EU bekommen können. Viele haben es trotzdem weiter geschafft. Von geschätzt 40.000 Migranten, die seit 2017 nach Bosnien kamen, sind heute weniger als 10.000 im Lande.

Die jungen Afghanen und Pakistaner wollen nicht in Bosnien bleiben

Die jungen Migranten sind vernetzt, wenn einer es schafft, wissen es sogleich Hunderte. Entbehrungen auf sich zu nehmen sind sie gewohnt. Doch viele sind über die teilweise schon jahrelange Reise geschwächt, wurden an der Grenze verletzt, haben Angst, nach Hause zurückzukehren. Andere harren sogar im Schnee und Dreck aus, trotzen der Kälte. Wer allerdings Geld hat, dem wird sicherlich geholfen, Schlepper finden Wege im Süden, überwinden die Grenze nach Du­brovnik und Split hin. Eine Lösung des Migrationsproblems ist nicht in Sicht. Aber immerhin werden sich die Migranten aus Lipa jetzt in dem Lager in Sarajevo ausruhen können.

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