Bogenschießen ohne Arme und Beine: Para-Sportlerin Payal Nag gewinnt Gold
Payal Nag hat die World Archery Para Series in Bangkok gewonnen. Die 18-jährige Inderin könnte der nächste Para-Star werden.
Nach ihrem Unfall fehlte ihr der Lebensmut, erzählte Payal Nag vor einem Jahr in einem Interview. Die Tochter eines Maurers aus dem ostindischen Odisha war sieben Jahre alt, als ein Stromschlag auf einer Baustelle sie schwer verletzte. Die Ärzte mussten alle Gliedmaßen amputieren. Nach der Zeit im Krankenhaus wollte sie zunächst nicht mehr in die Schule gehen. Doch ihre Mutter überredete sie, und so lernte sie, mit dem Stift im Mund zu schreiben.
Die Geschichte der heute 18-jährigen Bogenschützin Payal Nag wird in Indien derzeit wieder aufgerollt, denn am Wochenende holte sie Gold im Finale der Frauen im Compound-Bogenschießen. Bei dieser Sportart, die behinderte und nichtbehinderte Menschen gleichermaßen betreiben, wird ein moderner Wettkampfbogen genutzt, der durch ein System aus Rollen und Kabeln besonders hohe Präzision ermöglicht.
Payal Nag siegte bei ihrem ersten großen internationalen Auftritt, der World Archery Para Series in Bangkok, mit 139:136 gegen ihre 19-jährige Teamkollegin und ihr Vorbild Sheetal Devi, die die Weltrangliste anführt. Devi, die ohne Arme geboren wurde und bei den Paralympics in Paris Bronze holte, nimmt es sportlich. Sie hat bereits zwei Goldmedaillen in gemischten Mannschafts- und Frauen-Team-Wettbewerben im Turnier gewonnen und die Qualifikation einige Tage zuvor mit 698 Punkten angeführt, 20 mehr als ihre gefährlichste Rivalin. Nag hatte Devi schon einmal 2025 bei einem lokalen Turnier in Jaipur geschlagen und sie auch bei den Khelo India Para Games sowie den Nationals an sportliche Grenzen gebracht.
Die beiden Mädchen trainieren gemeinsam, seit Payal Nag vom gemeinsamem Trainer Kuldeep Vedwan entdeckt wurde. Bis zur zehnten Klasse ging Payal in ihrem Dorf zur Schule. Nicht alle meinten es gut mit ihr: Nachbarn und Verwandte rieten der Familie, sie zu vergiften. Doch Payal und ihre Familie gaben nicht auf.
Da es der Familie an Mitteln fehlte, die Tochter weiter zu fördern, kam sie in eine Einrichtung, die besser auf ihre Bedürfnisse eingestellt war. Dort begann sie, an Wettbewerben teilzunehmen, unter anderem im Zeichnen. „Mit dem Mund zu malen wurde mein Weg, mich auszudrücken“, sagt sie. Sie hat sich in sozialen Medien sichtbar gemacht. Und so war es Twitter, wo sie schließlich entdeckt wurde. Kuldeep Vedwan, der bereits Sheetal Devi als Schützin aufgebaut hatte, holte sie an seine Akademie im nordindischen Jammu.
Besonderer Bogen
„Dort habe ich zum ersten Mal andere Kinder beim Bogenschießen gesehen. Und ich habe Sheetal Didi gesehen, die ohne Arme schießt“, erzählt Payal Nag. Erst zweifelte sie, ob sie mithalten könne.
Doch dann baut Vedwan ihr einen Spezialbogen, den sie mit ihrer Beinprothese und einem Brustauslöser bedienen kann. Die Pfeile werden ihr zuvor von einer anderen Person auf den Bogen gelegt. Der Mechanismus ähnelt dem des Bogens von Sheetal Devi, die ihren allerdings mit den Beinen bedient.
2023 begann Payal mit dem Training. Sie ist die erste Athletin mit vier Amputationen, die international in dieser Disziplin antritt. Als sie dann auch noch gegen ihr eigenes Idol antreten soll, habe sie „großen Respekt“ gehabt. Und Erfolg. Nach nur drei Jahren Training gewinnt sie Gold.
„Ich möchte auch anderen Menschen mit Behinderung zeigen: Warum sollten wir etwas nicht schaffen?“, lautet heute ihr Motto. Für ihren „beeindruckenden“ Werdegang ernteten Payal Nag und Trainer zu Hause Applaus, darunter von den bekannten Unternehmer:innen Kiran Mazumdar-Shaw und Anand Mahindra.
Insgesamt war Indien in Bangkok stark aufgestellt und holte mehrmals Gold. Die Weltmeisterschaften könnten spannend werden – und vielleicht weiteren Nachwuchs inspirieren.
Gemeinsam für freie Presse
Als Genossenschaft gehören wir unseren Leser:innen. Und unser Journalismus ist nicht nur 100 % konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung. Unser nächstes Ziel: 50.000 – und mit Ihrer Beteiligung können wir es schaffen. Setzen Sie ein Zeichen für die taz und für die Zukunft unseres Journalismus. Mit nur 5,- Euro sind Sie dabei! Jetzt unterstützen
meistkommentiert