Bilderkeller in der Akademie der Künste

Unter dem Pflaster Berlins

1957/58 im Grenzgebiet zwischen Ost und West: Die Meisterschüler der Akademie haben im Heizungskeller gefeiert und sich verewigt.

Der Bilderkeller der Akademie der Künste

Blick in den Bilderkeller, im Vordergrund Wandbild von Harald Metzkes und Manfred Böttcher Foto: Andreas FranzXaver Süß

Unter dem Pflaster liegt nicht nur der Strand. Unter dem Pflaster wartet ein Traumwald aus milchweißen Baumstämmen und Ästen vor nachtschwarzem Hintergrund. Unter dem Pflaster lädt ein Skelett mit Königsinsignien, lädt eine Mondsichel mit Kreis, ähnlich der eines vorislamisch-südarabischen Altarreliefs, zum Bankett ein.

Es ist für alles gesorgt: Da gibt es eine Bar, goldene Weinpokale und rote Trauben, Bierkrüge und -fässer, Karaffen und Kelche. Nackte, geflügelte Elfen sind zur Stelle und lenken ihre Augen, himmelblau und kohlrabenschwarz, auf eine Musikbühne. Dann ist da ein Kampfterrier, aber keine Angst, das ist nicht Cerberus, der Höllenhund, sondern vermutlich der Pitbull des Westberliner Galeristen Rudolf Springer. Und an der Wand steht: „Stötzer ist eine Sau.“

Das alles ist kein Traum, sondern kann besichtigt werden, direkt zwischen dem Hotel Adlon und dem Brandenburger Tor, dort, wo die Touristen und Fahrradtaxis vorbeiströmen, dort, wo vor 30 Jahren auf Ostberliner Seite ein Gitterzaun und dahinter die Berliner Mauer stand, dort, wo es auf der anderen Seite hieß: „Achtung! Sie verlassen jetzt West-Berlin.“

Der Wald und das Bankett, die Elfen und der Mondanbeter sind Wandmalereien, sie befinden sich im Heizungskeller der Akademie der Künste und können seit Herbst vorigen Jahres im Rahmen einer Führung besucht werden.

Wilde Faschlingsfeste der Meisterschüler

Die Bilder sind 60 Jahre alt, sie entstanden 1957/58 für wilde Faschingsfeste damaliger Meisterschüler der Akademie der Künste, die als echte Künstler ihre Feiern gleich selber dekoriert haben. Die Bilder gehören den Malern Manfred Böttcher, Harald Metzkes, Ernst Schroeder und Horst Zickelbein.

Nackte, geflügelte Elfen sind zur Stelle und lenken ihre Augen, himmelblau und kohlrabenschwarz, auf eine Musikbühne

Zu den wie alle Klischees nicht von der Hand zu weisenden Künstlerklischees gehört, dass dieses Völkchen feste feiert. Denn der an der Kellerwand verewigte Bildhauer Werner Stötzer erinnert sich in einem der Interviewfilme, die in der Akademie im Rahmen des Begleitprogramms zu sehen sind, dass diese Faschingssausen schon mal bis frühmorgens um vier gingen.

Wenn da bloß niemand gestolpert ist! Stötzer nämlich führt weiter aus, wie er nach einem Besuch von Dylan Thomas’ „Unter dem Milchwald“ im Schillertheater so begeistert war, dass er im Tiergarten Stämme und Äste sammelte, eingipste und mitbrachte. Der Traumwald im Keller kann als Echo dieser Aufführung gesehen werden.

Bei der Führung durch den Keller taucht unweigerlich der Gedanke auf, was das für ein Berlin gewesen sein muss, in den Jahren vor dem Mauerbau, als der Westen, seine Theater, Bibliotheken und Galerien vom Osten aus noch zu erreichen waren. Aber auch, dass diese Malereien 12, 13 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der Naziherrschaft entstanden sind. Wer zu den Bildern hinabsteigt, passiert die Treppenhausreste des Büroflügels von Hitlers Architekt Albert Speer.

Cognac und Zigarren mit Zweig und Seghers

Vier der prominenten Gäste des Partykellers, an die sich Stötzer erinnert, hatten vor den Herrenmenschen des Dritten Reichs ins Exil gehen müssen: der Schriftsteller Arnold Zweig, er soll für die Feiern Cognac und Zigarren besorgt haben, die Schriftstellerin Anna Seghers und die Schauspielerin und Intendantin des Berliner Ensembles, Helene Weigel.

Dann war da der Schriftsteller Bodo Uhse, einer, der von der NSDAP zur KPD und in den antifaschistischen Widerstand ging, einer, der nach der Enthüllung von Stalins Verbrechen auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 durch Nikita Chruschtschow, also ungefähr zur Zeit der Kellerpartys, betrunken geäußert haben soll, er habe seine Seele an den „Schweinehund Stalin“ verkauft. Anzunehmen ist, dass da einiges gelöscht werden musste.

Die Kunst der vier Meisterschüler ging mit dem von DDR-Seite offiziell gepflegten Sozialistischen Realismus nicht konform, sie wollten einen anderen Realismus. Dass es sie dafür in die Katakomben zog, ist mehr als eine Metapher; dass sie sich dabei ordentlich vergnügt haben, ist ein zwingendes Argument für die Freuden der Unbotmäßigkeit.

Denn eine andere Wand zeigt einen riesigen röhrenden Hirsch, so, wie er in einer gutbürgerlichen Stube goldgerahmt hängen könnte. Nur, der Förster, der ihm beigestellt ist, kommt nicht zu Fuß oder mit einem Wagen, er sitzt in einem Kahn. Wer weiß, vielleicht ist der Förster gar kein Angestellter, sondern ein Wilddieb, ein Outlaw, den es von Strand zu Strand verschlägt. Das ist eine der Fragen, welche die in Bälde von der Akademie der Künste herausgegebene Publikation zum Bilderkeller klären könnte. Und wenn nicht: Ein Rest Dunkel darf da ruhig bleiben, eine Treppenlänge unter dem Pflaster der Stadt Berlin.

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