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Besuch in der VergangenheitUm 90° gedreht

Zurück im Elternhaus: Zwischen aufgetauchten Kindheitserinnerungen, strengen Alltagsregeln und vertrauten Geräuschen wirkt die Abwesenheit nach.

A us einer Schublade, unter Klarsichtfolien mit irgendwelchen Schrieben, Rechnungen und Listen, Schachteln mit Klebebändern, Stiften, Tackernadeln und Zollstöcken hat M., die übers Wochenende zu Besuch gekommen war, um mir beim Aufräumen zu helfen, einen grünen Bogen Tonpapier hervorgezogen. „Herzlich willkommen zu Hause“ steht darauf, verziert mit roten Herzen und rosafarbenen Sternen, in der Schrift meiner Mutter. Ich kann mich nicht erinnern, zu welcher Gelegenheit sie diesen Gruß gebastelt hat. Gut möglich, dass er damals an mich adressiert war.

Im Juli verbringe ich einige Tage im Haus meiner vor wenigen Monaten verstorbenen Mutter. Mein Zuhause war das lange Jahre, mittlerweile bin ich schon länger weg, als ich je dort war. Am Stück allein, wie ich das jetzt bin, war ich überhaupt noch nie im Haus.

Manchmal kommen Katzen aus der Nachbarschaft vorbei, die einer völlig anderen Spezies anzugehören scheinen als diejenigen aus der Großstadt. Meine Mutter mochte sie nicht besonders, weil diese Katzen gerne einmal aus der Vogeltränke tranken, was wiederum die Vögel nicht mochten, die sich dort eigentlich erfrischen sollten. Dennoch konnten sie damals schon ungestört durch den Garten schleichen, so wie sie es jetzt tun über von der Sommersonne vertrocknetem Rasen. Nur die Vogeltränke steht nicht mehr da, sie lagert irgendwo im Keller.

Die Regeln meiner Mutter wirken in ihrer Abwesenheit nach. Geschnittenes Obst fürs Müsli beim Frühstück wird in einer Glasschale serviert, Marmelade mit einem sauberen Teelöffel entnommen. Abends werden alle Rollläden heruntergelassen, morgens wieder hochgezogen, im Sommer bleiben sie tagsüber im ersten Stock unten, damit sich die Zimmer nicht aufheizen. Jedes Mal, wenn man das Haus verlässt, wird abgeschlossen. Einzig der Terrassentisch wurde um 90 Grad gedreht. Die Perspektive hat sich verschoben.

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Beate Scheder

Beate Scheder Kulturredakteurin

Redakteurin für Berlinkultur und Theater, freie Kulturjournalistin und Autorin. Kunstkolumnistin für taz Berlin.
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