Beschwingte Rückblicke: Mit Musik war sogar 2020 schön

Im Dezember gilt es, Bilanz zu ziehen – beim schrecklichen 2020 eigentlich sehr einfach. Aber dann gibt es ja noch die musikalischen Jahresrückblicke.

Musikhören im Einkaufswagen

Schön, wenn Spotify einem die Arbeit des Erinnerns abnimmt Foto: Samuel Bollendorff/Agence VU/laif

Mit Musik war sogar 2020 schön

Jedes Jahr im Dezember bin ich aufs neue verwundert, wie lange der Januar schon wieder her ist. Und gleichzeitig, wenn die Weihnachtsbeleuchtung in den Straßen angeht und der erste Glühwein getrunken wird, denke ich: Was, das Jahr ist schon wieder rum?

Um zu verstehen, was in den vergangenen zwölf Monaten passiert ist, erstelle ich im Dezember Listen: Was die schönsten drei Tage des Jahres waren und was die schlechtesten, was Aufregendes, Erfreuliches, Schlimmes oder Trauriges in meinem Leben passiert ist. Das Jahr zu durchdenken und Listen zu erstellen, macht mir Freude – ist aber auch Arbeit. Schön also, wenn jemand anderes einem diese Arbeit abnimmt, wie Spotify.

Wenn Anfang Dezember der persönliche Musikjahresrückblick inklusive Playlist mit den 100 meistgehörten Songs freigeschaltet wird, kann man schwelgen. Musik ist eben auch ein Medium zum Erinnern. Viele ­Lieder sind in meinem Kopf verknüpft mit Personen, Orten und Erlebnissen.

2006 in Stockholm gründeten Daniel Ek und Martin Lorentzon Spotify als legale Alternative zur Musikpiraterie. Seit 2012 gibt es Spotify auch in Deutschland.

Im zweiten Quartal 2020 hatte der Dienst rund 320 Millionen User*innen. Spotify ist damit der größte Streamingdienst für Musik in Europa und den USA, der weltweit größte ist Tencent Music aus China mit rund 646 Millionen aktiven User*innen.

60 Millionen Songs gab es im September 2020 auf Spotify und damit ähnlich viele wie auf Apple Music und Tidal. Der meistgestreamte Song auf Spotify ist bis zum 4. November „Shape of You“ von Ed Sheeran mit 2,63 Milliarden Aufrufen. Der meistgehörte Song eines deutschen Interpreten ist „Roller“ von Apache 207 mit 234 Millionen Klicks.

Alternativen sind der französische Anbieter Deezer, der auch individualisierte Radiosender anbietet. Ein Klangerlebnis in Hi-Fi-Qualität bietet Tidal. (degi)

Höre ich heute einen Song von Billie Eilish, werde ich sofort in den Moment zurückversetzt, wie ich mit meinen besten Freund:innen im vollbepackten Auto von Rom nach Neapel gefahren bin. Denke an die Pizza und Aperol, an die mittlerweile vollkommen totgespielten Doppelkopfkarten, die täglich zum Einsatz kamen. Läuft irgendwo Lizzo, bin ich wieder im Festsaal Kreuzberg, durchgeschwitzt vom Tanzen und einfach nur glücklich.

Doch das war 2019. Dieses Jahr ist alles anders, mehr ein verschwommenes Etwas. Eben mehr zu Hause sein, mehr puzzeln und Fernsehen gucken als Urlaub und Partys.

Doch gerade in diesem Jahr hilft die Playlist, aus dem Brei ein Jahr zu formen. Ich erinnere mich an die Dutzenden Spaziergänge durch Berlins Straßen (Doja Cat) im Frühling, an den letzten Urlaub vor der Pandemie (The Weeknd) oder die Ausflüge an Brandenburger Seen (Derya Yildrim).

Denn obwohl 2020 ein Scheißjahr war, sind in meinem Kopf auch ein paar positive Erinnerungen gespeichert, merke ich dank der Musik. Und wenn der Spotify-Jahresrückblick Online ist, heißt es zumindest auch: Das Jahr ist endlich bald vorbei. Carolina Schwarz

So allein

Man darf sich richtig cool fühlen, wenn einem zum Beispiel der US-Rapper Kendrick Lamar als persönlicher Top-Künstler des Jahres 2020 angezeigt wird. Dann kann man die bunte Urkunde, die Spotify einem ausstellt, auf Insta teilen, zufrieden über den eigenen guten Geschmack und darüber, dass der Lieblingskünstler nicht nur Rapper, sondern regelrecht ein Poet ist.

Aber was macht man, wenn einem angezeigt wird: „Dein 2020 mit ‚So alleine‘“? Dann wird man in einen Jahresrückblick der Pandemiegefühle geworfen: Bedrücktheit, Langeweile, Einsamkeit. Mein Spotify-Lieblingstrack von Capital Bra und Samra (mein Lieblingskünstler) passt gut zu diesem Jahr, in dem man solidarisch ist, wenn man sich sozial distanziert; in dem man in den eigenen vier Wänden arbeitend, essend, schlafend vereinsamt; in dem man mit dem Laptop veschmilzt, dem einzigen Fenster zu einem sozialen Miteinander ohne Beschränkungen, allerdings nur zweidimensional. Da bringt es auch nichts, wenn Samra in jenem Lied aufmunternd beschwört: „Wir sind anders, Habibi, standhaft, Habibi“, und es nervt schon hart, wenn Capital Bra rappt: „Der Bratan geht spazieren am Alexanderplatz“, weil die ganze pandemiebedingte Spaziererei einfach nicht mehr zu ertragen ist.

Ein Blick auf meine „Top Tracks aus 2017“ zeigt mir aber, dass ich schon damals „Lost“ (Frank Ocean) war, was mich erleichtert. Über andere Lieder bin ich peinlich berührt, zum Beispiel über „Opernsänger“ von Yung Hurn, „Nude“ von Radiohead oder „Hello“ von Adele. Nicht weil die Lieder an sich peinlich sind, außer der Ballade von Adele vielleich, sondern weil ich sie mit Gefühlen der Vergangenheit verbinde, die als längst überwunden gelten.

Wenn ich sie jetzt höre, dann erinnere ich mich und denke mir: Alter, deshalb hast du dir so viele Sorgen gemacht damals?! Oder: Süß, aber auch naiv, dass du dich so über diese Sache gefreut hast! Der Spotify-Jahresrückblick ist dann wie ein Blick auf ein altes Schulfoto aus einer Zeit mit Problemen und Gefühlen, die heute viel kleiner wirken als damals. Ich hoffe, Ende 2023 werde ich Ähnliches fühlen können. Volkan Ağar

Krieg' Kinder, haben sie gesagt

Kika-Kikaniiinchen, Kika-Kikaniiinchen“ dröhnt es mir im Spotify-Jahresrückblick als Erstes entgegen. Nein, nein, und noch mal: nein. Als würde es nicht reichen, dass ich seit einiger Zeit regelmäßig gegen vier Uhr morgens mit Ohrwürmern von Kinderliedern aufwache. Und zwar so regelmäßig, dass ich mich frage, ob das schon eine frühe Form von Trauma sein könnte.

„Liebe Erika Klose – mach einfach in die Hose“, jauchzt es mir dann durch den Kopf, während ich im Dunkeln Richtung Toilette tapere und vor mich hin fluche. Beknackte Erika Klose. Wen interessiert es, wie Astronaut:innen aufs Klo gehen?

Das Kind liebt diese Lieder, aber mich treiben sie nicht nur Richtung Wahnsinn, sie verbannen auch jegliche Coolness aus dem Spotify-Account. Im Jahresrückblick werden mir das Kikaninchen und der britische Rapper Stormzy als quasi gleichwertige Lieblingsmusik vorgespielt. Der „Badewannensitzpirat“ ist sogar noch vor „Crown“ – in welchem Universum bitte? Muss das nicht irgendein superintelligenter Algorithmus erkennen können, dass das gar nicht sein kann? Der Streamingdienst jedenfalls schlussfolgert daraus, dass ich 2020 „Lust auf neue Genres“ hatte. Aber nein, verdammt. Ich will nichts Neues. Kein Dibe-dibe-dab. Kein Aram-sam-sam. Kein La-le-lu.

Doch Daten sind unbarmherzig. Sie zeigen einem nicht, wer man sein will, sondern wer man ist. Vielleicht ist es an der Zeit zu akzeptieren, dass ich zwar schon die Person bin, die lieber Ari Lennox, Teyana Taylor und Arlo Parks hören würde, aber dass in unserem Zuhause wesentlich öfter kleine blaue Kaninchen und Elefanten, eine orange Maus oder ein kleiner Drache den Ton angeben, und natürlich dass ich alle Texte längst auswendig kann. Und sie zur Empörung meines Kindes auch lauthals mitsinge.

Aber immerhin: 2019 bestand der Jahresrückblick noch aus Pianoversionen berühmter Pop-Klassiker, weil das Kind dazu immer so gut eingeschlafen ist. Zumindest diesen Horror konnten wir hinter uns lassen. Saskia Hödl

Elviserinnerungen und CDs tuns auch

Im August 1977 starb Elvis. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, weil ich da gerade zum ersten Mal am Mittelmeer war – und weil ich nicht verstand, warum meine Mutter weinen musste, als sie die Bild-Schlagzeile „Elvis Presley: Sein Todeskampf!“ am spanischen Zeitungskiosk sah.

Mir war Elvis damals nicht so wichtig, und ich kann überhaupt sagen: Mir ist Musik nicht so wichtig. Ich komme mit meinen zwei Dutzend CDs gut zurecht. Viele Lieder, die ich mag, aber auf keinem artifiziellen Speichermedium habe, singe ich auch einfach immer wieder vor mich hin, was im Familienkreis manchmal für Anspannung sorgt.

Dabei singe ich ganz gut, ich war sogar im Chor. Was ich dagegen überhaupt nicht kann, ist, über Musik schreiben. Mir fehlen da die Ausdrucksmittel, die Fachtermini, der „Groove“. Das zu akzeptieren, fällt mir natürlich schwer. Als der Kollege und Musikredakteur Julian Weber mich heuer im Frühjahr fragte, ob ich die „Platte“ – oder wie sagt man – des italienischen Rappers Ghali besprechen würde, war ich so geschmeichelt wie in einem Dutzend taz-Jahren von keiner Anfrage.

Und dann, trotz Auskunftsersuchen bei meinen Hip-Hop hörenden Söhnen: Totales Versagen! Ich bestellte mir noch extra das Buch der Italo-Rap­legende Frankie Hi-NRG MC „Faccio La Mia Cosa“ (Ich mach mein Ding), um meiner Darstellung des italienischen Rap historische Tiefenschärfe zu geben. Aber niente – meine Worte, mit denen ich das Musikerlebnis zu beschreiben versuchte, blieben unangemessen, lächerlich, prätentiös.

Ich möchte Ihnen also an dieser Stelle schlicht empfehlen, sich feine Italo-Musik von Ghali, Frankie Hi-NRG MC, Liberato und Paracetamolo einmal reinzustreamen, damit auch das Wort hier gefallen ist. Von den Beatles übrigens, erzählte mir meine Mutter später, habe sie vor lauter Kinder und Küche zum ersten Mal gehört, als sie sich schon aufgelöst hatten.

Aber das machte nichts: Elvis hat ihr alles gegeben. Und so reichen auch mir beim Joggen die Vögel und die Geräusche der großen, leeren Stadt und beim Kochen der Deutschlandfunk und Randy Newman und die süßen Gesänge meiner Tochter. Ambros Waibel

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