Berlins Energieversorgung

Experten wollen Vattenfall blocken

Viele kleine Blockheizkraftwerke statt eines großen Steinkohlekolosses - das fordern Umweltschützer und die Berliner Energieagentur (BEA). 23.000 solcher Mini-Anlagen sollen nach ihrem Willen eines Tages in Berliner Kellern stehen.

Die Berliner Energieagentur (BEA) lehnt den Bau eines neuen Steinkohlekraftwerks in Berlin ab. "Ich kann aktuell nicht erkennen, dass es dafür wirklich einen Bedarf gibt", sagte der Geschäftsführer der BEA, Michael Geißler, am Donnerstag. Wenn es Bedarf für neue Kraftwerke gebe, solle nicht auf Steinkohle, sondern auf Erdgas gesetzt werden, möglichst in Form von Kraft-Wärme-Kopplung. Damit richtet sich die BEA ausgerechnet gegen einen ihrer Anteilseigner: Der Energiekonzern Vattenfall, der über ein neues Steinkohlekraftwerk in Lichtenberg nachdenkt, hält ein Viertel der Gesellschaft. Den Rest teilen sich Land, die Gasag und die Kreditanstalt für Wiederaufbau.

Die Debatte um ein Steinkohlekraftwerk am Standort Klingenberg war in dieser Woche durch eine Ankündigung des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit (SPD) von neuem ausgebrochen. Wowereit hatte angekündigt, dass der Senat den Neubau eines Steinkohlekraftwerks "zurzeit nicht ausschließen" könne. Das würde aber die Klimastrategie des Senats ins Wanken bringen: Bis 2020 sollen in Berlin 40 Prozent weniger Kohlendioxid ausgestoßen werden als im Vergleichsjahr 1990.

Im Zuge dessen sollen beispielweise Neubauten künftig 30 Prozent ihres Energiebedarfs aus erneuerbaren Quellen gewinnen. Ein Steinkohlekraftwerk mit den geplanten 800 Megawatt würde jedoch den CO2-Haushalt der gesamten Stadt um ein Fünftel vergrößern - und somit auch die Arbeit der Berliner Energieagentur konterkarieren. Die wurde vor 15 Jahren auf Initiative des Abgeordnetenhauses gegründet, um die Einsparung von Energie und Emissionen voranzutreiben. Für das vergangene Jahr erzielte die Agentur ein Rekordergebnis: 6,5 Millionen Euro Umsatz erzielte sie im vergangenen Jahr, das sind fast zehn Prozent mehr als 2006.

Das Ergebnis sei vor allem auf das Beratungsgeschäft zurückzuführen, sagte Geißler. "Natürlich kommt uns auch die weltwirtschaftliche Entwicklung zugute." Gemeint ist damit vor allem der steigende Ölpreis. Der führe dazu, dass die Menschen sich mehr Gedanken um ihren Energieverbrauch machten - und Beratung suchten. So sei die Nachfrage im vergangenen Jahr um 30 Prozent gestiegen.

Nachholbedarf gebe es noch bei vielen öffentlichen Gebäuden - zum Beispiel den Krankenhäusern. "Mehr und leistungsfähigere technische Geräte fressen einfach mehr Strom", so Benjamin-Immanuel Hoff (Linke), Aufsichtsratsvorsitzender der BEA und Staatssekretär der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. So würde alleine die Charité jährlich 40 Millionen Euro für Energie ausgeben. Davon könnten 40 Prozent eingespart werden. "Offensichtlich drückt hier der Schuh noch nicht intensiv genug", folgerte Geißler.

Mit ihrer Strategie macht sich die Energieagentur nicht bei allen beliebt - das betrifft auch Vattenfall. Denn die Energieagentur setzt sich für die Errichtung kleiner Blockheizkraftwerke mit Kraft-Wärme-Kopplung ein, die jeweils rund 200 Wohnungen versorgen. Die kleinen Kraftwerke speisen bei der Stromerzeugung anfallende Wärme in das Heizungssystem und Strom in das öffentliche Netz ein - und sind damit eine Konkurrenz für den Energiekonzern. Zehn bis fünfzehn Prozent der Energiekosten sollen die Bewohner so einsparen können.

Lob für das Konzept gibt es auch von Umweltschützern. "Mit der gleichen Ressource, zum Beispiel mit Gas, lässt sich so fast doppelt so viel Energie gewinnen", erklärt Andree Böhling, Energie-Experte von Greenpeace. Denn die kleinen Kraftwerke haben einen hohen Wirkungsgrad von 80 bis 90 Prozent. Ein Steinkohlekraftwerk zur Stromgewinnung erreicht nur 45 Prozent.

Der Aufsichtsratsvorsitzende Hoff forderte, Maßnahmen zur Förderung der Energieeffizienz auch in wirtschaftlich engeren Zeiten nicht "auf die Schmalspur zu schieben". In Sachen Steinkohlekraftwerk wollte er sich aber nicht gegen die Position seiner Chefin, der Umweltsenatorin Katrin Lompscher (Linke) aussprechen. Die hält einen Beschluss des Parlaments zu dem diskutierten Kraftwerk für ausreichend. Der Senat hatte im vergangenen Monat entschieden, die Kraftwerkspläne in Bezug auf Größe und Brennstoff der Anlage nochmals zu überarbeiten. Oppositionspolitiker kritisierten jedoch, dass die Formulierungen in dem Beschluss "viel Raum für Interpretationen" ließen.

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