Berliner Theater im Internet: Der Bildschirm als Bühne

Die Theater zeigen in Streamings unter anderem Meilensteine der Theatergeschichte – und unbeholfene Schauspieler*innen auf ihren heimischen Sofas.

Die „Drei Schwestern“ in Peter Steins Schaubühnen-Inszenierung von 1986 Foto: Schaubühne/Ruth Walz

Normalerweise wird von hier aus auf das Treiben der Berliner Bühnen geblickt. Zur Zeit aber haben die Bühnen der Stadt bekannterweise geschlossen. Social distancing lautet die Corona-bedingte Devise, was für ein soziales Medium wie das Theater natürlich ausgesprochen ungünstig ist.

Denn nicht nur die Zuschauer*innen müssen jetzt zu Hause bleiben. Auch die Künstler*innen müssen das. Aus dieser Not aber machen die Theater nun eine Tugend und wandern dorthin, wo sich ihr Publikum schon lange befindet: nämlich ins Internet.

Hier bieten sie Streamings von Aufzeichnungen aktueller und historischer Produktionen an. Die Schaubühne zum Beispiel streamt nicht nur Aufzeichnungen von Inszenierungen aus ihrer jüngeren Vergangenheit. Sie hat auch legendäre Meilensteine der Theatergeschichte im Programm, in die sich das Haus unter der künstlerischen Leitung von Peter Stein eingeschrieben hat.

Simultan auf zwei Bühnen

Am Sonntag gibt es Steins berühmte Inszenierung „Drei Schwestern“ von 1986. Am 15. April steht Luc Bondys Botho-Strauß-Uraufführung aus dem Jahr 1990 „Die Zeit und das Zimmer“ auf dem digitalen Ersatzspielplan. Auch das BE streamt. On Demand gibt es dort diese Woche Kay Voges’ simultan auf zwei Bühnen in zwei verschiedene Städten spielenden Theaterabend „Die Parallelwelt“.

Oder die Künstler*innen senden direkt aus ihrem jeweiligen Homeoffice. Mitglieder des Ensembles des Deutschen Theaters beispielsweise lesen täglich eine Novelle aus Giovanni Boccaccios „Decamerone“.

Die Rahmenhandlung passt ganz gut in unser Pandemie-geplagtes heute: sieben Frauen und drei Männer sind im 14. Jahrhundert vor der Pest aus Florenz in ein Landhaus geflüchtet und vertreiben sich dort die Quarantäne-Zeit mit dem Erzählen von Geschichten – jenen Novellen eben, die das Buch Decameron versammelt.

Allerdings ist (und das gilt jetzt nicht fürs DT sondern generell) das Problem mit den Künstler*innen im Home-Office, dass es sich augenblicklich in eine Home-Stage verwandelt, kaum dass die Kamera läuft und die künstlerische Darbietung beginnt.

Künstler*innen zu Normalos

Da sehen wir plötzlich weniger die Kunst als die häuslichen Rahmen, in denen sonst so dem Alltäglichen entrückten Schauspieler*innen zu Normalos werden: Schauspieler X sieht müde und unrasiert aus. Hat er heute schon geduscht?, frage ich mich unwillkürlich.

Schauspielerin Y, die auf der Bühne eine flirrende, irisierende Zauberin ist, wirkt auf ihrer Home-Stage plötzlich wie eine Figur aus einem Sozialporno von Gerhart Hauptmann. Auch wenn sie toll vorlesen kann. Werde ich ihr das Flirrende auf der Bühne jetzt jemals wieder glauben können?

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Und so streife ich suchend durch die digitalen Angebote der Theater und habe dabei längst Berlins Stadtgrenzen überschritten. Morgen, das nehme ich mir jetzt schon vor, schaue ich mal im Wiener Burgtheater oder in den Münchner Kammerspielen vorbei. Und nächste Woche klicke ich mich mal durch bis New York.

Maximal underdressed

Bis dahin beobachte ich noch ein bisschen die deutschen Bühnen, stoße dabei gelegentlich gar Schauspieler*innen, die sich maximal underdressed auf dem heimischen Sofa präsentieren und irgendwelche merkwürdigen Mätzchen machen.

Und ich bin gerührt und geschüttelt, wie unbeholfen die Theaterkünster*innen aktuell durchs Internet tappen. Da möchte ich dem oder der einen oder anderen Profidarsteller*in einmal empfehlen, ein paar Nachhilfestunden auf Tik-Tok zu nehmen, jenem Social Media-Video-Kanal, auf dem sich schon längst Laien und sogenannte Normalos mit größerer Professionalität in Szene setzen.

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