Berliner Szenen: Im Aquarium

Auf der Pressetribüne im Olympiastadion ist es leer und leise, das Spielfeld sieht aus wie im Fernsehen, und die Fans klingen wie in Watte gepackt.

Ein Blick wie im Fernsehen. Bild: privat

Gibt es ein gutes Timing im schlechten? Es ist mein erster Presseeinsatz bei einem Hertha-BSC-Spiel, und ich bin absurd zu spät. Schuld daran sind: ein geklautes Fahrrad (in meinem Innenhof, es war erst vier Wochen alt, IHR SCHWEINE), ein Ersatzrad, zu dessen Schloss ich den Schlüssel nicht finde, die gesperrte S-Bahn-Strecke zwischen Jannowitzbrücke und Friedrichstraße, ein Ausweichen auf die Bummelstrecke U2, ein weiterer Schienenersatzverkehr ab Wittenbergplatz, der allein bis zum Zoo eine Ewigkeit braucht, wo ich schließlich in die erlösende S5 umsteige.

Fünf Minuten nach Anpfiff erreiche ich das Olympiastadion und suche den Pressecounter. Vom Behinderteneingang schickt man mich zum VIP-Eingang und von dort zu einem kleinen dunkelblauen VW-Bus mit dem Kennzeichen B-SC, wo ein Mann gerade schon zusammenräumt. Ich irrlichtere durch die Stadiongänge zur Pressetribüne, muss erst mal klarkommen, gehe aufs Klo, hole mir einen schäbigen Automaten-Latte-macchiato, betrete endlich den Innenbereich, und genau in diesem Moment fällt das 1:0. Es gibt also ein gutes Timing im schlechten.

Auf der Pressetribüne selbst fühlt man sich wie in einem Aquarium. Die Menschen sitzen viel weiter auseinander, das Spielfeld sieht aus wie im Fernsehen, und die Fans, der Trubel, die Gerüche und Geräusche, die es auch in der Premiumproduktbundesliga 2014 noch immer im Stadion gibt, sind weit weg. Die Gesänge der Ultras höre ich wie hinter Watte.

In der Halbzeit will ich mir ein Bier im Cateringraum holen, einer der beiden Zapfhähne ist kaputt, ein Kollege hilft mir. „Geht nur über links, wie bei der Hertha“, sagt er, und 20 Sekunden später wird es laut, wir gucken auf die Fernseher an der Wand und sehen, wie Hertha über links in den Strafraum eindringt, Haraguchi schießt, Schieber den Nachschuss macht: 2:0. Irre.

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Jahrgang 1980, lebt in Berlin und arbeitet als freier Journalist, Redakteur und Lektor, unter anderem für die taz, Zeit und fluter.de. Schreibt Kolumnen, Rezensionen und Alltagsbeobachtungen im Feld zwischen Popkultur, Medien, Internet, Berlin, Sport und Tieren. Bei der taz im Wochenend-Ressort und dort vor allem für die Genussseite zuständig.

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