Berliner Stimmen aus der Quarantäne (2): In wessem System?

Leere Säle, digitale Bühnen?: HAU-Intendantin Annemie Vanackere über den Theaterausfall der letzten Wochen und die Fragen, die er zum Vorschein bringt.

Der leere Theatersaal des Hebbel am Ufer Theaters (HAU1)

Der Saal blickt zurück: Auch das HAU 1 wartet auf seine Zuschauer:innen. Foto: Jürgen Fehrmann

taz: Frau Vamackere, was würden Sie in einer Welt ohne Covid-19 gerade machen?

Annemie Vanackere: Da wäre ich jetzt mit dem Mai-Programm des HAU beschäftigt, mit Natasha A. Kellys „M(a)y Sisters“ in Erinnerung an die Dichterin May Ayim zum Beispiel und mit den beiden HAU-Ko-Produktionen, die in diesem Jahr zum Theatertreffen eingeladen waren: „Chinchilla Arschloch waswas“ von Rimini Protokoll und „Die Kränkungen der Menschheit“ von Anta Helena Recke. Außerdem stünde die Klärung letzter Details unseres Spielzeitabschlusses im Juni an, da hatten wir das Festival „Unacknowledged Loss #2“ angesetzt, dass sich mit den Themen Trauer und Verlust befasst – dass das nicht wie geplant stattfinden kann, ist für alle Beteiligten bitter, auch weil diese Themen jetzt eine noch akutere Bedeutung bekommen haben.

Annemie Vanackere ist Philosophin, war u.a. bis 2011 künstlerische Leiterin von De Internationale Keuze van de Rotterdamse Schouwburg, dem von ihr mitgegründeten Theater-, Tanz- und Performancefestivals in Rotterdam. Seit September 2012 ist sie die Intendantin und Geschäftsführerin des HAU Hebbel am Ufer in Berlin. www.hebbel-am-ufer.de

Mit der Rückkehr zur nationalen Grenzpolitik und dementsprechenden Reiseeinschränkungen finden das internationale Tanz- und Performance-Programm sowie eine Residenz und Premiere der chilenischen Theatermacherin Trinidad Gonzalez natürlich nicht statt. Zum Glück haben wir mit der tollen Kuratorin Barbara Raes für das besondere Residenzprogramm mit neun Berliner Künstler*innen ein Online-Format gestalten können.

Was haben Sie zuletzt gestreamt, das Sie besonders gut oder schlecht fanden? Und warum?

Ich war schon immer Radiohörerin und bin das jetzt noch mehr geworden, da ich im Home Office zwischendurch häufiger einfach mal reinhören kann. So hat die Mediathek von Deutschlandfunk viele Schätze zu bieten. Und natürlich auch die rbb Abendschau, die ich sonst immer verpasse, weil ich im Theater bin.

Was halten Sie vom (oft kostenlosen) Streaming von Theateraufführungen, Konzerten, DJ-Sets oder Lesungen?

Da die Kulturbeilage taz Plan in unserer Printausgabe derzeit pausiert, erscheinen Texte nun vermehrt an dieser Stelle. Mehr Empfehlungen vom taz plan: www.taz.de/tazplan.

Wir befinden uns in einer Übergangsphase. Vieles wird kostenlos bleiben; ich glaube aber auch, dass die Bereitschaft wachsen wird, für Qualitätsangebote zu zahlen. Das wird anders sein als einfaches Streaming – ein Angebot, das im und fürs Internet gemacht wird. Natürlich kann das Internet das Theater als kollektives Erlebnis und Live-Moment der Akteur*innen auf einer Bühne nie ersetzen. Und das vermisse ich auch. Zugleich werden diese neue Formen auch nicht mehr verschwinden – welcome to the digital present! –, und tut es deswegen auch Not darin zu investieren.

Welchen Ort in Berlin vermissen Sie gerade am meisten?

Die Orte, an denen man sich sonst gerne versammelt natürlich, Theater, Kinos, Terrassen von Restaurants und Kneipen und viele andere öffentliche Orte.

Womit vertreiben Sie sich aktuell am liebsten die Zeit? Welche Routinen haben Sie seit dem Lockdown entwickelt?

Von ‚Zeit vertreiben‘ kann nicht die Rede sein! Wir tüfteln ja gerade sehr intensiv an unserem Programm #HAUonline weiter, beispielsweise mit einer online-Premiere im Juni von Gob Squad, und ich denke noch intensiver darüber nach, wie die nächste Saison wohl aussehen kann. Aber die Freizeitgestaltung hat sich natürlich verändert. Ich habe endlich mal die DVDs der alten BBC-Serie „House of Cards“ aus den 90ern ausgepackt, die schon so lange unangetastet in meinem Regal standen. Herrlich.

In der neuen Interviewreihe „Berliner Stimmen“ stellt der taz plan Berliner Kulturschaffenden Fragen zu Kultur, Alltag und Stadtleben.

Ist die Pandemie nur Krise oder auch Chance?

Die Coronakrise ist nicht nur eine durch ein Virus ausgelöste Krise. Covid-19 scheint wie unter einem Brennglas zu zeigen, was nicht stimmt: Nicht, wer oder was systemrelevant ist, aber in wessen und welchem System wir verhaftet sind. Ich habe die Hoffnung, dass bestimmte Veränderungen von Dauer sein werden und etwas bewegen: Die überfällige Anerkennung von Pflege- und Care-Berufen, die sich endlich auch finanziell niederschlagen sollte, zum Beispiel. Oder die dringende Antwort auf die Frage danach, was wir in unseren westlichen Demokratien wirklich brauchen und was eigentlich verzichtbar ist – mit Blick auf den Klimawandel und globale Gerechtigkeit. Und was ist mit der Erkenntnis, wie patriarchal und kolonial unsere Gesellschaft nach wie vor aufgebaut ist, und die Coronakrise genau das wieder zu verstetigen scheint? Viel zu tun!

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