Berliner Stadtrat zu Coronastrategie: „Kann sein, dass wir Glück haben“

Lockerungen gerade für Kinder sind richtig, sagt CDU-Stadtrat Detlef Wagner. Er sorgt sich aber, dass das Virus erneut mutiert.

Ein Schild warnt Autofahrer, langsam zu fahren

Vorsicht in der Schule, könnte es auch heißen Foto: dpa

taz: Herr Wagner, ein Jahr Corona in Berlin: Wenn Sie zurückblicken, was ist Ihre wichtigste Erkenntnis?

Detlef Wagner: Wie viel wir Menschen noch lernen müssen, obwohl wir geglaubt haben, alles zu beherrschen. Wir haben gedacht, dass unsere medizinischen Abläufe und Systeme hundertprozentig sicher sind. Ich komme aus der Polizei und habe an vielen Katastrophenübungen teilgenommen: Wir haben immer gewonnen. Und nun zeigt uns dieses kleine Virus, dass wir nicht nur nicht gewinnen, sondern uns ständig auf neue Situationen einstellen müssen.

Und was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?

Wie toll die Bevölkerung mitgeht bei Dingen, die sich keiner hätte vorstellen können vor einem Jahr. Die Menschen sagen immer noch: Ich trage die Maske, ich halte Abstand, ich akzeptiere, dass mein Frisör lange zu war, und so weiter.

Sie glauben nicht an die These, dass alle zunehmend mürbe und frustriert sind?

Die Menschen wollen wieder mehr mitgenommen werden. Die Politik hat eine Zeitlang den Fehler gemacht, ihr Vorgehen nicht deutlich genug zu erklären. Wenn wir wieder mehr in die Öffentlichkeit gehen, werden wir zumindest bei einer Mehrheit der Bürger Verständnis ernten.

Zwei Wellen der Infektion sind über uns hinweggegangen: Wo stehen wir jetzt gerade?

Am Beginn der dritten.

52, ist Stadtrat für Gesundheit und Soziales in Charlottenburg-Wilmersdorf. Er gehört der CDU an.

Die lässt sich nicht verhindern?

Es ist ein Wettlauf, und ich wage keine Prognose, wer gewinnt und wann genug Menschen geimpft sind. Es geht jetzt auch darum, die Tests breitflächig anzuwenden. Und dann müssen wir vielleicht teilweise hinnehmen – das sagt zumindest meine Amtsärztin –, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen auch krank werden können.

Die zwölf Berliner Amtsärzte haben vor wenigen Tagen in überraschender Einigkeit an die Politik appelliert, nicht mehr nur die 7-Tage-Inzidenz als Anhaltswert zu nehmen und Lockerungen zuzulassen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ja.

Warum?

Die Lockerungen sind ja an Bedingungen geknüpft: Wir müssen genauer schauen, in welcher Bevölkerungsgruppe welche Inzidenzen auftreten. Erst wenn vulnerable Gruppen betroffen werden könnten, müssen wir aufpassen und reagieren.

Der Senat wird auch die Viert- bis Sechstklässler zurück in die Schulen holen. Eine richtige Entscheidung?

Auf jeden Fall. Gerade junge Kinder brauchen dringend wieder feste Anknüpfungspunkte im Alltag, das sehen wir bei uns im Bezirk etwa im Jugendhilfebereich. Die Kinder müssen wieder raus in die Schule, auch zur Kontrolle und Sicherheit: Wir haben einen deutlichen Anstieg körperlicher Gewalt gegen Kinder.

Wie ist die Situation in den Gesundheitsämtern: Sind genug MitarbeiterInnen vorhanden, um die Kontakt-Nachverfolgung der Infizierten zu gewährleisten?

Bei uns im Bezirk ist sicher gestellt, dass wir relevante Cluster nachverfolgen können und zwar bis zu einer Inzidenz von etwa 80 bis 100. Wir waren ja nicht untätig in den letzten zwölf Monaten: Wir haben viele Quereinsteiger eingesetzt, die entweder mit Kontakte verfolgen oder jene, die es tun, entlasten. Insgesamt haben wir das Personal seitdem verdoppelt im Gesundheitsamt. Da sind aber auch Bundeswehrsoldaten mit dabei, Mitarbeiter aus anderen Verwaltungen, etc.

Die Bezirke müssen in der Coronapandemie die Politik des Senats vor allem umsetzen. Werden sie umfassend genug vorab eingebunden?

Jein. Es passiert immer noch, dass wir Neuigkeiten über die Presse zuerst erfahren. Aber immerhin gibt es es jetzt wöchentliche Treffen mit der Gesundheitssenatorin oder ihrem Staatssekretär, um mögliche Informationsdefizite zu beheben.

Wagen Sie eine Prognose, wo wir Ende Juni stehen?

Meine Glaskugel ist gerade kaputt… Es hängt ganz viel von der Impfakzeptanz ab…

… und wie viel Impfstoff da ist.

Richtig. Und es hängt ganz stark davon ab, ob sich das Virus vielleicht noch mal verändert, was wir jetzt gar nicht absehen können. Derzeit werden ja alle Varianten von den aktuellen Impfstoffen abgedeckt. Was die Veränderungen angeht – nicht die Mortalität –, verhält sich das Virus aber so wie ein Grippevirus. Es kann also sein, dass jetzt erst mal alle geimpft werden bis Sommer, aber dann im Herbst eine neue Variante zuschlägt und wir die Impfaktion von vorne planen müssen. Kann aber auch sein, dass wir noch mal Glück haben.

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