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Ausstellung über Mode von Madame GrèsDen Turban auf dem Kopf, die Schere um den Hals

Wie die Modedesignerin Madame Grès Stoff in Falten legte, erkundet eine Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Berlin. Und Studierende ergänzen die Modelle.

Göttinnen hat sie auf dem Theater entdeckt. „Der Trojanische Krieg wird nicht stattfinden“ wurde 1935 im Pariser Theatre de l’Athenée aufgeführt. Ein anderer Krieg fand dann doch statt und kam 1940 nach Frankreich. Madame Grès aber hat mit ihren Kostümen für Helena, Kassandra, Andromache daraus etwas hervorgezaubert, was über Kriege hinausführt: eine neue Art, Kleider zu machen.

In einer Ausstellung des Kunstgewerbemuseums Berlin: „Many Shades of Grès. Mode wird Kunst“ sind derzeit 25 Frauenkleider von Madame Grès zu sehen, jener rätselhaftesten, zurückhaltendsten Modemacherin aus der Zeit der großen französischen Mode.

Der biografische Mythos erzählt, dass sie Bildhauerin und Tänzerin werden wollte und nicht durfte, dann eine Schneiderlehre in berühmten Pariser Modehäusern machte, um 1933 ihr erstes eigenes Modehaus zu gründen. Zu Anfang der deutschen Besatzung flieht sie in die Pyrenäen, kehrt zurück und firmiert ab 1942 unter ihrem Künstlernamen Grès in der 1, rue de la Paix.

Die Ausstellung

„Many Shades of Grès. Mode wird Kunst“. Kulturforum Berlin, bis 11. Oktober. Katalog (Kunstgewerbemuseum Berlin): 33 Euro

Die Deutschen rationieren alles, auch den Stoff. Aber Grès’ Mode braucht Stoff im Überfluss – und sie kreiert Modelle mit noch mehr Stoffverbrauch. (Damit die Deutschen den Stoff nicht nach Deutschland zurückschicken können, sagt sie.) Anfang 1944 wird das Modehaus geschlossen, dann kaum zwei Monate vor der Befreiung von Paris wiedereröffnet. Im Sommer 1944 zeigt sie, die berühmt für ihre monochromen Modelle berühmt werden sollte, eine Kollektion in den Farben der Tricolore.

Lieblingsmaterial: Seidenjersey

Grès’ Outfits sind Hymnen an Stoffe. Oft sind sie leicht und transparent, verarbeitet in langen Bahnen, bis zu neun Meter in extra Überbreite, aus ihrem Lieblingsmaterial Seidenjersey. Ein einziges Stück Stoff umhüllt, verhüllt, enthüllt, bekleidet den weiblichen Körper. Diese eine Stoffbahn wird an der Puppe oder am Model in Falten gelegt, gedreht, umgeschlagen und geknotet, gerafft, in Schichten gelegt. Nähte per Hand befestigen nur an wenigen Stellen die Falten.

Drapieren ist Grès’ Meisterschaft und ihr Bekenntnis. Sie habe sich damit, so Sibylle Hoiman, die Direktorin des Kunstgewerbemuseums, in ihrem Katalogbeitrag, „bewusst von dem konventionellen Schneiderhandwerk mit Schnittmustern“ gelöst. Drapieren und zuschneiden sind zwei extrem gegensätzliche Verfahren.

Nicht von ungefähr trägt die Modemacherin als ihr Erkennungszeichen den Turban auf dem Kopf und die Schere um den Hals. Denn Drapieren heißt: im Hyperanalogen arbeiten. „Durch die Berührung lässt sich die Seele und der Charakter eines Stoffes erkennen. Wenn ich ein Kleidungsstück aus Seide über eine Figurine drapiere, reagiert der Stoff in meinen Händen, und ich versuche, diese Reaktionen zu verstehen und zu deuten. So verleihe ich dem Kleid, das ich entwerfe, eine Linie und eine Form, die der Stoff selbst gerne hätte.“

Ihr Künstlername bedeutet Sandstein

So ein Stoff wirft dann Falten, wie sie seit den Griechen jahrhundertelang die Malerei und Bildhauerei Europas durchzogen. Es entstehen skulpturale Kompositionen mit Faltenkaskaden, Mulden- und Schüsselfalten wie griechische Götterstatuen oder die Kanneluren von Säulen. Ihr Künstlername, das Palindrom des Vornamens ihres Mannes – Serg(e)greS – bedeutet französisch „Sandstein“. Christo und Jean-Claudes Verhüllungskunst setzt diese Geschichte von Mode und Architektur fort, die Martin Noell, Professor für Architekturgeschichte und Architekturtheorie der Berliner Universität der Künste, in seinem Katalogbeitrag erkundet.

Von den 1960er bis in die 1980er Jahre (sie lebt bis 1993) erprobt Grès auch andere Wege. Farben und farbige Bänder, Color-Blocks kommen ins Spiel, die Formen werden Cape-artig, mit flächigen, geometrischen, manchmal kreisförmigen Figuren, verkreuzt und vernäht. Aus dieser Phase stammen die meisten der Grés-Modelle im Besitz des Kunstgewerbemuseums Berlin.

Aber jetzt in der digitalen Zeit der Schnellmode, was ist heute mit Grès’ hyperanalogen Verfahren anzufangen? StudentInnen und ProfessorInnen der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin sind der Frage drei Semester lang nachgegangen und haben diese Ausstellung unter Leitung von Christian Mau de la Cerda konzipiert.

Ihre hyperanaloge Mode heute

So sind rund um Grès’ 25 ausgestellte Outfits die Entwürfe und Modelle aus der Hochschule zu sehen. Ein Modell etwa (Yvonne Brunzel) ist ein bodenlanges rotes Strickkleid mit strukturierten, in verschiedene Richtungen gelegten Linien: glatten und gerippten Streifen (Bouclé) und dehnbaren, seriellen Ziehharmonikafalten. Ein anderes Modell (Ghayda Al-Wazir) arbeitet ganz im Digitalen. Am Computer wurde zuerst eine strenge, zweidimensionale Linienkompostion entworfen, die ein Programm dann in eine dreidimensionale Struktur verwandelte.

Und noch ein weiteres Stück wurde direkt als dreidimensionales Korsett modelliert (in Blender3d) und anschließend in tausende Schichten zerlegt aps Anweisungen für einen 3-D-Drucker. Entstanden ist eine am Körper tragbare Skulptur aus starrem Polyurethan. Dieses Objekt kann es mit jedem griechischen Torso aufnehmen.

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