Berliner SPD im Bundestagswahlkampf: Kümmern um Bohnsdorf

In Treptow-Köpenick gelingt der SPD entgegen dem Bundestrend ein Mitgliederzuwachs. Das ist auch der Verdienst einer jungen Bezirksverodneten.

Auf dem richtigen Dampfer: Ana-Maria Trǎsnea, SPD-Spitzenkandidatin für Treptow-Köpenick Foto: Christian Thiel

BERLIN taz | Sonntagmittag. Die Sonne prallt auf das Motorboot, das von Grünau zum Treptower Park über Dahme und Spree schippert. „Kann man da oben mal zuziehen?“, fragt Oliver Igel (SPD), der Bezirksbürgermeister von Treptow-Köpenick, der den Stadtführer zu Wasser macht. „Mir glaubt doch keiner, dass ich heute gearbeitet habe, wenn ich morgen mit einem Sonnenbrand ins Büro komme.“

„Dann wäre deine Haut doch passend zur Parteifarbe“, flachst ein ­SPDler, der mit Igel an diesem Sonntag auf Wahlkampftour auf dem Wasser unterwegs ist. Es ist coronabedingt nur eine kleine Gruppe, die verschiedene Projekte im Bezirk aufsucht, die Bundesmittel erhalten sollen.

So wie den Seesportclub Berlin-Grünau, der aus Mitteln des Programms „Wasserstoff in Freizeiteinrichtungen“ energetisch ins 21. Jahrhundert katapultiert werden soll. Auf dem Dach des in den 1960er Jahren gebauten Vereinshauses sollen Solarzellen Energie erzeugen. Die Boote, auf denen nicht nur Vereinsmitglieder trainieren, sondern auch Schüler dreier Schulen und Studierende, sollen mit Brennstoffzellen ausgestattet werden. Die bezirkliche SPD hat den aus Bayern stammenden SPD-Bundestagsabgeordneten Andreas Schwarz geladen, der als Haushälter über ökologische Projekte des Bundes mitentscheidet. Schwarz könnte sich vorstellen, das Projekt zu unterstützen.

Pfuhl ohne Wasser

Bereist abstimmungsreif ist der Antrag auf Sanierung des Dorfangers im wenige Kilometer entfernten Ortsteil Bohnsdorf am äußersten Berliner Stadtrand. 3,3 Millionen Euro Bundesmittel sollen fließen. Der eiszeitliche Pfuhl, der keinen natürlichen Zufluss hat, führt zu wenig Wasser. Wo man vor zwanzig Jahren im Winter Schlittschuhlaufen konnte, wachsen heute Schilf und Büsche.

Im Gegenzug zum trockenen Dorfteich sind die Straßen rund um den Anger bei Regen überflutet. Versiegelung verhindert, dass das Wasser in den Dorfteich abfließt. Auch nicht das Regenwasser des benachbarten Kirchengebäudes. Die Kirche würde es gern in den Teich leiten, aber bislang fehlt dazu das Geld.

Für Ana-Maria Trǎsnea, die Bundestagskandidatin der SPD im ­Bezirk, ist das Aufsuchen von Projekten der coronakonforme Wahlkampf: Die Wahlkämpfer treffen sich jeweils nur mit einer kleinen Gruppe von Menschen, vernetzen sich mit ihnen, nehmen ihren Output mit in die politische Arbeit, posten die Ergebnisse dann in den sozialen Netzwerken.

Am Dorfteich beispielsweise treffen sie den örtlichen Bürgerverein und die Feuerwehr. „Und es kommt etwas dabei heraus, wenn wir uns als SPD kontinuierlich um die Projekte kümmern. Das ist sinnvoller, als irgendwo für ein Foto Tiere zu streicheln“, sagt Trǎsnea. „Wir laden auch immer Bundes- und Landespolitiker zu uns ein und wollen deren Augenmerk auf unseren Außenbezirk lenken, dessen Menschen oft vergessen werden.“

Die 26-jährige in Rumänien geborene Politikerin bewirbt sich in Treptow-Köpenick gegen Gregor Gysi (Linke) und Claudia Pechstein (CDU) für das Direktmandat. Eigentlich hat sie keine Chance. Aber die nutzt sie eben gerade.

„Gregor Gysi hat seine besten Jahre hinter sich. Ich habe noch viel vor“, sagt die Bezirksverordnete selbstbewusst. „Ich habe der SPD versprochen, langfristig zur Verfügung zu stehen. Ich will die erste Frau sein, die Treptow-Köpenick im Bundestag vertritt.“

Am Dorfteich entwickelt sich die Idee, ob der Bezirk das Hotel am Dorfanger nicht einfach selbst kaufen könnte

Man merkt der bezirklichen SPD an, dass es den überwiegend jungen Leuten Spaß macht, gemeinsam Politik zu machen. Entgegen dem Bundestrend ist der Partei hier ein Mitgliederzuwachs gelungen. Die Mitgliedszahl stieg in den letzten zehn Jahren von 550 auf 700.

Vor allem in urbaneren Ortsteilen wie Alt-Treptow, wo auch die Grünen stark sind, freut sich die SPD über neue Mitglieder. „Wenn wir etwas bewegen, gewinnen Leute Interesse, bei uns mitzumachen“, sagt Alexander Freier-Winterwerb, Fraktionsvorsitzender in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV).

Der Bezirksbürgermeister sitzt mit im Boot: Oliver Igel (SPD) auf Tour mit der Spitzenkandidatin Foto: Christian Thiel

Konzept der Projektbesuche ist es, dass SPDler aller Ebenen gemeinsam vor Ort nach Lösungen suchen. Denn die Bundesmittel müssen oft durch Bezirk oder Land kofinanziert werden. Bürgermeister, Abgeordnete aus der BVV, dem Abgeordnetenhaus und dem Bundestag können vor Ort Ideen austauschen. Am Dorfteich entwickelt sich die Idee, ob der Bezirk das Hotel am Dorfanger, das gerade einen Besitzer sucht, nicht selbst kaufen könnte, um an diesem eher verlassenen Ort Begegnungen zu ermöglichen.

Dampferfahrt als Belohnung

Ohne Corona wären mehr SPDler und zivilgesellschaftliche Akteure im Bezirk gemeinsam unterwegs. Man hätte nicht nur ein kleines Motorboot gemietet, sondern einen großen Dampfer. Zu Dampferfahrten lädt die SPD seit 2006 Akteure aus Frauen-, Flüchtlings- oder Umweltprojekten regelmäßig ein. Als Auszeichnung für ihr Engagement. Die Gäste haben während der Fahrt über die Köpenicker Gewässer die Wahl, entweder die schöne Aussicht zu genießen oder aber sich mit SPD-Politikern zu vorher organisierten Gesprächsrunden zu treffen.

Die SPD profitiert auf diese Weise vom Input der Zivilgesellschaft. „Wir nehmen da jedes Mal Hausaufgaben mit“, konstatiert Ana-Maria Trǎsnea.

Und, selbst wenn das nie beabsichtigt war, die Dampferfahrten und Projekttreffen sind auch die Orte, wo die SPD neue Mitglieder gewinnt. Ana-Maria Trǎsnea selbst hatte nach einer Dampferfahrt zur SPD gefunden. Nachdem sie im Alter von 13 Jahren nach Deutschland kam, erzählt sie, hätte sie sich bei „Schule ohne Rassismus“ engagiert und sei dort vielen Jusos begegnet. „Jusos und SPD sind für mich die Organisationen, wo ich aufgrund meiner eigenen Leistungen und meiner eigenen Talente wahrgenommen werde und nicht aufgrund familiärer Seilschaften.“

Und wo sie etwas bewegen kann. „Nachdem ich bei ‚Schule ohne Rassismus‘ jahrelang Fördergelder beantragt habe, wollte ich die Seiten wechseln: Nicht mehr nur Fördergelder bekommen, sondern über deren Verwendung entscheiden.“ Das sei ihr als Bezirksverordnete gelungen und soll im Bundestag auf größerer Bühne gelingen. Wenn nicht über das Direktmandat, dann vielleicht über den sechsten Platz der Landesliste. Oder auch vier Jahre später.

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