Bericht über BRD und Migration: Angst vorm Sex der Fremden
In den 60ern wollten Behörden gegen die „Gefährdung deutscher Mädchen“ durch Gastarbeiter angehen. Eine Analyse der autoritär-triefigen Fürsorge.
Foto: dpa
Furcht vor der Sexualität von Einwanderern, wie neulich sie in einem giftigen Anfall von purem Neid ein Lehrerfunktionär aus Sachsen-Anhalt äußerte, durchzieht die Geschichte der Einwanderung von Fremden in die Bundesrepublik wie ein roter Faden. Wir kennen die Bilder ja: rasende Teenager, die in Bremerhaven am 1. Oktober 1958 den jungen GI Elvis Presley willkommen hießen, durchaus sehr erotisiert; oder die Schlüpfer junger Frauen.
Unterhalb der Ebene des Pop hat Sexualängstliches (und damit -missgünstiges) bei allen Politiken zu Migration eine Rolle gespielt. In der jüngsten, nun erscheinenden Ausgabe der Zeitschrift des Vereins für Hamburgische Geschichte (Nr. 101, Hamburg 2015) schreibt unter der Überschrift „Die neuen Nachbarn sind da“ die Historikerin Telse Rüter zur „Integration und Wohnsituation ausländischer Arbeitnehmer in Hamburg 1955 bis 1973“. Sie konnte intensiv in amtlich-behördliche Akten Einsicht nehmen.
Ihr Befund ist typisch für die bundesdeutsche Geschichte: Betriebe warben aus dem Ausland Arbeiter an – die Behörden aber kamen ihren Pflichten nicht nach, etwa beim Wohnungsbau. Die Erlaubnis zum Familiennachzug wurde faktisch erschwert, es fehlte an Mietwohnungen. Man war ohnehin nur zäh an Gastarbeiterfamilien interessiert. Andererseits, und das ist der Clou dieser Quellenrecherche, befürwortete ein amtlicher Bericht den Familiennachzug, um der „Gefährdung deutscher Mädchen“ zu begegnen.
Wörtlich heißt es 1964: „Es entsteht der Eindruck, dass ausländische Arbeiter ohne Familienanschluss besonders schnell bereit sind, Verbindungen zu den deutschen Mädchen aufzunehmen, ohne auch nur an eine evtl. spätere Eheschließung mit diesen Mädchen zu denken.“ Schlimmer noch: „Häufig kommt eine Eheschließung auch gar nicht in Frage, weil die Gastarbeiter bereits verheiratet sind und in ihrer Heimat eine Familie haben.“
Keine Lust auf Post-Wehrmacht
Man hört aus diesen Formulierungen die autoritär-triefige Fürsorge gut heraus. Die Pointe: Annäherungsversuche wurden behördlich nicht registriert, dafür berichtete 1960 das Hamburger Abendblatt, „ ‘deutsche Mädchen‘ “ hätten „ohne jegliche Initiative der Arbeiter ein Wohnhaus mit Italienern ‚förmlich belagert‘ “. Autorin Rüter: „Noch zehn Jahre später berichteten ausländische Arbeitnehmer einer Bürgerinitiative, sie seien froh, dass in ihrem Wohnheim Unbefugten der Zutritt verboten sei.“
So war es wohl: Junge deutsche Frauen hatten auf die Post-Wehrmachts-Männer keine Lust, nichtdeutsche Modelle verhießen, womöglich nicht gleich für die Eheanbahnung, mehr Spaß. Die Angst der Deutschen, pure Wunschlust, hält, auch in Sachsen-Anhalt!
Der drohende Erfolg der AfD bei den kommenden Landtagswahlen zeigt, wie stark rechtsextreme Kräfte inzwischen geworden sind. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen
meistkommentiert