Tourismus in Irak: Babylon, Baby
Der Irak, reich an historischen Stätten, restauriert seit einiger Zeit, was Kriege und Terror beschädigt haben – und will so mehr Besucher anlocken.
D er gesamte Bekanntenkreis habe die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und gesagt: „Wie könnt ihr nur!“ Trotzdem haben Ursula und Gereon Kavermann sich nicht von ihrer Reise in den Irak abbringen lassen. Nun steht das Ehepaar vor dem Rundbogen am Eingang der historischen Stätte Babylon. Heimat der berühmten Hängenden Gärten, einst Weltwunder der Antike. Heute ist von dem Grün nichts mehr zu sehen. Die Sonne brennt über den alten Palastmauern.
Das Ehepaar aus Düsseldorf macht einen Roadtrip durch den Irak. „Am Anfang ist man natürlich schon so ein bisschen verunsichert aufgrund der Historie“, gibt Gereon Kavermann zu. „Aber wir haben uns im Vorfeld über verschiedene Quellen gut informiert und gehört, dass es safe ist, durch den Irak zu reisen.“ Sie schauten Youtube-Videos von Reise-Bloggern und informierten sich bei einem Reise-Unternehmen, dass bei der Planung von solchen Autoreisen hilft.
Der Irak gilt als Wiege der Zivilisation. In Mesopotamien, zwischen Euphrat und Tigris, erfanden die Sumerer das Rad und die Töpferscheibe, Zählsteine zum Rechnen und die Keilschrift. In den vergangenen Jahrzehnten war der Irak in den Schlagzeilen wegen der US-Invasion 2003, wegen seines Öl-Reichums und der Terroristen des „Islamischen Staats“. Die Menschen im Irak haben schwere Zeiten hinter sich: Die Diktatur unter Saddam Hussein, den Einmarsch der USA und die nachfolgende Besatzung, die Kämpfe zwischen verschiedenen religiösen Gruppen provozierte. Gewalt und Massaker durch die Daesh-Miliz, den sogenannten „Islamischen Staat“ (IS).
Bereits vor acht Jahren hatte eine Koalition aus irakischer Armee, schiitischen Milizen, kurdischen Peschmerga und amerikanischen Truppen die Daesh-Miliz besiegt. Die Zentralregierung ist gestärkt, es ist Ruhe eingekehrt. Trotzdem steht der Irak auf kaum einer touristischen Bucketlist. Die irakische Regierung möchte das ändern. Sie möchte nicht mehr nur auf den Öl-Export als Einnahmequelle angewiesen sein. Der Tourismus soll helfen, neue Arbeitsplätze zu schaffen. Dafür hat die Regierung ambitionierte Investitionspläne. Am Abbasiden-Palast und am Nationalmuseum wird gehämmert, gemeißelt und neu verputzt. Könnte es hier tatsächlich touristisches Potenzial geben?
Tore zur Geschichte
Ursula Kavermann hat vor ihrer Reise überlegt, was sie einpackt. „Was wird konfisziert? Wofür wirst du nachher belangt oder sogar eingesperrt? Darüber haben wir uns eigentlich am meisten den Kopf zerbrochen.“ Im Zentralirak gibt es viele staatliche Grenzkontrollen. Dort werden Autos, Busse, Pässe und Taschen kontrolliert. Davor hatten die Kavermanns Angst – unbegründet, wie sich herausstellte: „Es war alles easy going“, resümiert die 62-Jährige. „Gut, wenn man mit dem Auto reist, sind natürlich die vielen Grenzkontrollen immer ein bisschen nervig, das hält auf. Aber: Es dient ja der Sicherheit. Und deshalb braucht man da keine Angst haben.“
Das Ehepaar empfiehlt den Tourguide Mohammad, der im Schatten des Eingangstors in Babylon auf Tourist*innen wartet. Er ist zwar nicht akkreditiert beim Ministerium, aber in Babylon aufgewachsen und hat sich alles Wissen selbst angeeignet, wie er stolz erzählt.
Hotelmitarbeiter in Bagdad
„Willkommen in Babylon!“, ruft Mohammed freundlich. Bereits vor 250 Jahren seien Deutsche hier gewesen, scherzt er. „Sie fanden Babylon begraben und bei Ausgrabungen fanden sie drei Paläste und ein Ischtar-Tor. Eins ist noch hier! Ja, Babylon hatte zwei Ischtar Tore“, erzählt der Guide. „Das erste hatte der Vater Nabopolassar gebaut, und das zweite der Sohn, Nebuchadnezzar. Er hat das erste Tor nicht abgerissen, sondern begraben, und einfach darüber gebaut und die Steine des neuen Tors angemalt. Die Deutschen haben das zweite Tor mitgenommen, aber die Irakis haben noch das erste hier.“
Robert Koldewey grub im Jahr 1897 Bruchstücke der emaillierten Ziegelreliefs aus. Das rekonstruierte blaue Tor steht im Pergamonmuseum in Berlin. Aus postkolonialer Perspektive haben die Deutschen das Tor gestohlen. Sollten sie es nun zurückgeben? „Nein“, sagt Mohammad. „Es ist nicht geklaut, das war zum Schutz! Hätten sie das Tor nicht mitgenommen, wäre es jetzt vielleicht zerstört. Vielleicht hätten die Leute Häuser damit gebaut. Schau mal: Der ganze Palast hier ist verschwunden.“
Aus den Umbrüchen rausgehalten
Damals war es üblich, die historischen Steine der Stätte zum eigenen Hausbau zu benutzen, erzählt er. Auch seine Großeltern hätten das gemacht. Dann kam der Diktator Saddam Hussein auf die Idee, in Babylon eine Sommerresidenz zu errichten – und Mohammads Großeltern mussten weichen. „Als Saddam 1987 mein Dorf besucht hat, hat er alle vertrieben und das Dorf zerstört. Und er hat sich an der Stelle hier den Palast auf dem Hügel gebaut.“ Heute ist die Residenz verlassen, rundherum abgesperrt durch einen Zaun.
Während der Irak unter Saddam Hussein für Touristen verschlossen war, möchte die derzeitige irakische Regierung Tourist*innen anlocken. Der Plan: Eine Milliarde US-Dollar aus ausländischen Investitionen sollen in den Tourismus fließen. Unter anderem 30 französische Firmen investieren in den dafür vorgesehenen Fonds. Tourismus macht bisher drei Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus, die Regierung möchte das auf zehn Prozent steigern.
Anfang vergangenen Jahres feierte die Regierung mit einer Auftaktveranstaltung die Wahl Bagdads zur arabischen Kulturhauptstadt 2025, gekürt vom Zusammenschluss Arabischer Tourismusverbände. In seiner Rede sagte Kulturminister Ahmed Fakak al-Badrani, der Irak habe sich der Welt geöffnet, Botschaften seien zurückgekehrt. „Die Beziehungen zur internationalen Gemeinschaft unter dieser Regierung sind besser als in jeder Ära zuvor.“
Der Krieg zwischen Israel und dem Iran und mit der Hisbollah im Libanon, der Fall des Assad-Regimes Ende 2024 in Syrien: Regierungschef Mohammed Schia al-Sudani navigierte die Umbrüche in der Region, ohne den Irak mit hineinzuziehen. Mitte November wurde seine Partei mit großer Mehrheit wiedergewählt. Auf den Wahlplakaten zeigte er sich mit Bauhelm. Der studierte Ingenieur will für Aufbruch und Investitionen in sein Land stehen.
Erst Invasion, dann Anschläge
Auf der historischen Muttanabbi-Straße in Bagdad sind alte Häuser renoviert, Schienen für eine geplante Tram werden verlegt. Was hier in neuem Glanz erstrahlt, hat eine dunkle Vergangenheit. In der Muttanabbi-Straße explodierte 2007 eine Autobombe, 30 Menschen wurden getötet.
Salem al-Khaschali erinnert sich gut an diesen schicksalshaften Tag. „Ich war dabei“, erzählt der Besitzer des Shabandar Cafés in Bagdads Innenstadt. „Jemand hatte ein Auto vollgetankt, fuhr in die Gasse, ließ es dort mitten auf der Straße stehen und es explodierte“, erzählt al-Khaschali. „Die Explosion ereignete sich direkt vor der Tür. Ich stand vor einer Wand und wurde deshalb nur von einem Teil der Druckwelle getroffen.“ Er bekam nur leichte Kratzer von herumfliegenden Glassplittern. „Ich konnte einige Leute aus dem Café retten. Meine Brüder waren jedoch im Café eingeschlossen, zwischen Rauch und Feuer.“ Seine vier Geschwister starben.
Haidar Turky, Teeverkäufer in Kerbala
Salem al-Khashali, seine zwei Schwestern und der Vater überlebten. Die Innenstruktur mit ihren meterdicken Mauern und Metallpfeilern war stabil stehen geblieben. Mithilfe eines staatlichen Kredits kaufte der Vater neue Stühle, Tische und Teekannen. Er starb dieses Jahr im Alter von 93 Jahren – nun führt der Sohn das Kaffehaus weiter als ein „Haus der politischen Debatten“. „Wichtig ist die Botschaft: Das Leben geht weiter“, sagt al-Khashali.
2003 hatte die US-amerikanische Invasion zum Sturz des Diktators Saddam Hussein geführt. Hunderttausende irakische Zivilist*innen wurden getötet. Bewaffnete Gruppen leisteten damals Widerstand gegen die Invasion und bekämpften sich anschließend in konfessionellen Konflikten gegenseitig. Doch zu dem Anschlag in der Mutanabbi-Straße bekannte sich keine Gruppe jemals.
Wachstumsschlüssel Sicherheit
Zu dieser Zeit waren auch Bagdads Hotels nicht sicher – selbst die Sterne-Hotels. In den 90ern und Anfang der 2000er-Jahre wurden sie Ziele von Panzerbeschuss, Luftangriffen oder Autobomben. In Bagdads Luxus-Hotels empfing Saddam Hussein Diplomat*innen; Korrespondent*innen berichteten von dort aus den Zimmern über den ersten Golfkrieg oder die US-Invasion. Abhörgeräte waren zwischen Spiegeln oder in Fernsehgeräten versteckt.
Heute ist davon nicht viel zu spüren. Ein Mitarbeiter führt durch die Anlage eines edlen Hotels: Außenpool, Innenpool, Spa-Bereich und Konferenzräume. Das Hotel hat mehr als 200 Betten. Sie seien ausgebucht, sagt der Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte. „Die Sicherheit ist hoch. Wir haben Sicherheitsscanner, auch für Fahrzeuge. Waffen sind im Hotelbereich verboten.“
Es gebe Durchsuchungen und Sprengstoffkontrollen. „Das Hotel ist überall mit Überwachungskameras ausgestattet: auf dem Parkplatz, in den Fluren, in den Korridoren und im Restaurant.“ Es werde strengt kontrolliert. „Bagdad ist sicher. Es gibt keinen Grund zur Sorge. In Bagdad, im Irak allgemein, ist alles ruhig und friedlich. In den letzten drei Jahren gab es keine Terroristen, keine Waffen, nichts dergleichen“, versichert der Mitarbeiter.
Der letzte Anschlag in Bagdad ist fünf Jahre her. Damals hatten sich zwei IS-Mitglieder auf einem Markt in die Luft gesprengt. Die Miliz kontrolliert keine zusammenhängenden Gebiete mehr. Kleine Gruppen von IS-Kämpfern sind aber noch aktiv, an der Grenze zu Syrien oder im Gebiet zwischen Irakisch-Kurdistan und dem Zentralirak sowie Regionen mit schwacher staatlicher Kontrolle. Die Splittergruppen verüben Anschläge, meistens auf irakische Sicherheitskräfte, zum Beispiel auf Polizeistationen.
Die bestohlenen Orte selbst sehen
Nachdem die Miliz des IS im Jahr 2017 als weitgehend besiegt galt, kamen internationale Ketten und übernahmen die Hotels, erzählt der Hotelmitarbeiter. „Sicherheit zieht Investitionen an. Sie zieht Touristen an.“
Das merkte auch Ali al-Makhzoumi. Er hat 2016 im Kulturministerium gearbeitet, ist viel gereist und hat Museen besucht – wie das Pergamonmuseum in Berlin und das Britische Museum in London. Da kam ihm die Idee, die Orte zu besuchen, von denen all die gestohlenen Artefakte stammen. Er gründete den Reiseveranstalter „Bilweekend“. An Wochenenden veranstalten sie Kurztrips im Irak.
Heute geht es nach Samarra, nördlich von Bagdad. Die Stadt wurde 2014 vom IS belagert, deren Anführer Abu Bakr al-Baghdadi hier geboren wurde. Seit Jahren ist die Gefahr von großen Anschlägen gegen Zivilist*innen eingedämmt – vor allem durch starke Kontrollen der Regierung.
„Gott sei Dank ist unser Sicherheitsniveau heute hoch“, sagt Ghada al-Makhzoumi. Sie ist die Schwester von Ali, Geschäftsführerin des Reiseveranstalters und arbeitet als Tourguide. Es ist 8.30 Uhr morgens, der weiße Mitsubishi-Bus zieht an flacher Wüste vorbei. Der Sänger Khamis Abdulwahab fängt an, auf seiner Oud zu spielen und zu singen. In dem kleinen Bus sitzen viele junge Iraker*innnen, in der zweiten Reihe Ghada al-Makhzoumi. Die 48-Jährige trägt ein pinkes T-Shirt und ist gut gelaunt. „Die Idee ist, Saiteninstrumente wie Oud, Qanun und andere arabische und orientalische Instrumente zu spielen und so eine besondere Atmosphäre zu schaffen“, erklärt al-Makhzoumi.
Sightseeing trotz Reisewarnung
Sie sagt, es kämen viele deutschsprachige Tourist*innen ins Land – oft Studierende oder Archäolog*innen. Als irakische Frau würde sie selbst kaum belästigt. „Und das ist nicht nur meine Erfahrung; auch die Touristinnen, die mit uns reisen, empfinden es so. Die Diebstahlrate ist hier sehr niedrig. Natürlich gibt es Diebstähle, aber im Allgemeinen ist es sicher.“
Leider hätten sich die irakischen Regierungen seit dem Sturz Saddam Husseins nicht genügend um die touristische Infrastruktur gekümmert: „Toiletten, Cafés, Imbissstände – diese Dinge fehlen an historischen und archäologischen Stätten.“
Dann steht die Gruppe vor einem spiralförmigen Minarett aus Ziegelsteinen. Das Malwiya-Minarett ist eines der architektonischen Meisterwerke der Gegend. Vor dem Minarett steht Felicitas Bilk. Die 69-Jährige ist keine Archäologin, sondern deutsche Touristin. Was bringt sie in den Irak? „Ja, das ist eine gute Frage. Als wir das so in unserem Familienkreis erzählt haben, oftmals ist gesagt worden: Seid ihr verrückt, in den Irak zu reisen!“ Für den Irak gilt eine Teil-Reisewarnung vom Auswärtigen Amt – vor allem wegen der Gefahr von Anschlägen durch die IS-Gruppen in bestimmten Provinzen.
„Die Reisewarnung habe ich mit gemischten Gefühlen wahrgenommen“, sagt Bilk. Aber: „Es hat sich nicht bewahrheitet. Ich fühle mich hier nicht irgendwie bedrängt oder dass es unsicher ist oder dass es gefährlich ist, sondern im Gegenteil.“ Es sei überraschend entspannt, durchs Land zu reisen. „Ich habe nicht erwartet, dass die Leute so offen, entgegenkommend und gastfreundlich sind. Einfach toll.“
Oud, Tee und Wasserpfeife
Ein Touristenmagnet ist Kerbala, im Herzen des Irak. Die Stadt ist eine der bedeutendsten Städte weltweit für religiösen Tourismus. Nach Mekka pilgern jährlich rund 2 bis 3 Millionen Menschen. Nach Karbala, insbesondere zum Arbaeen-Fest, kamen dieses Jahr über 21 Millionen, sowohl aus dem Irak als auch aus dem Ausland. Sie trauern um Imam Hussein, Enkelsohn des Propheten Mohammad, der in Kerbala begraben liegt.
An Imam Husseins Grab stehen Frauen dicht gedrängt in den Wartereihen. Sie alle möchten das Zareeh, das silberne Gitter um den Schrein, berühren. Einige schluchzen und weinen. Sie rezitieren den Koran oder Gebete. Über dem Grab ist ein 37 Meter hoher Dom – innen reich verziert mit Spiegeln und Edelsteinen, außen vergoldet. Beim Herausgehen küssen die Frauen die goldenen Türen. Für sie ist es eine höchst emotionale, spirituelle Erfahrung.
Haidar Turky ist in Kerbala aufgewachsen. Der 21-Jährige arbeitet als Tee-Verkäufer, gegenüber dem Schrein. „Irakischer Tee wird auf Holzkohle gekocht. Das Wasser wird im Teekocher erhitzt, dann gebe ich Tee hinzu und lasse ihn auf der Glut ziehen“, erklärt er. Sein Geschäft heißt Chai Khana. „Früher gab es in der ganzen Region Khans. Das war ein großer, traditioneller Raum, in dem Menschen saßen, um Wasserpfeife zu rauchen oder Tee zu trinken.“
Rund 300 Leute würden in der Hauptsaison täglich zum Tee-Trinken an den kleinen Stand kommen. Mit 16 Jahren hat er angefangen, hier zu arbeiten. Viel Geld bliebe von den Tourist*innen nicht bei ihm hängen. „Es reicht wirklich nicht aus, das schwöre ich bei Gott. Meine Mutter ist krank und ich lebe in einer Mietwohnung. Ich besitze kein Haus. Wir kommen gerade so über die Runden.“ Die Regierung, sagt Turky, solle ihnen helfen, mehr Jobs im Tourismus täten Not.
Mit dem Wasser verschwanden die Menschen
Der Irak ist reich an kulturellen und historischen Attraktionen. Doch damit Tourismus tatsächlich ein Wirtschaftsfaktor werden kann– für Einheimische und ausländische Besucher*innen – braucht es mehr als nur Restaurationen und Bauprojekte. Was fehlt, sind eine Strategie und Lösungen für drängende politische Probleme: Es mangelt an angemessenen Löhnen und an einer koordinierten staatlichen Förderung von Tourismusprojekten. Nicht zuletzt ist auch der Wassermangel ein Problem, der Tourist*innen fernhält: Der Irak ist eines der am stärksten von Dürre bedrohten Länder der Welt.
Das zeigt sich in den Sumpfgebieten im Südosten des Irak. Mustafa Mohsen ist einer der sogenannten Marsch-Araber, die heute noch in den Märschen leben. Er navigiert sein Holzboot mit Dieselmotor durch das Netz an Wasserläufen, durch niedriges Wasser und Schilf. An einem Ausläufer zeigt er auf verlassene Schilfhäuser: „Früher haben hier Menschen gewohnt. Der Wasserstand war hoch, das gesamte Gebiet war überflutet“, erklärt Mohsen. Vor etwa fünf Jahren sei das Wasser zurückgegangen, auf rund anderthalb Meter gesunken. Ungefähr 150 Häuser seien in dem Gebiet gewesen, mit rund fünf bis zehn Leuten pro Haushalt. „Als der Wasserstand sank, zogen die Menschen um, auf der Suche nach Wasser.“
Heute bliebe nur noch Weidefläche für Wasserbüffel. In der Ferne leuchtet ein Feuer von der Erdölförderung. Durch die Industrie und die Klimakrise trockneten die Gewässer aus. Hinzu kommt ein Wasserstreit mit der Türkei, die Staudämme entlang der zwei großen Flüsse Euphrat und Tigris gebaut hat.
Mustafa Mohsen war einst Büffel-Hirte. „Ich hatte mal zehn Büffel. Leider war das Wasser nicht mehr genug und nicht mehr sauber. Also sind sie gestorben.“ Nur zwei seien übrig geblieben – „Die habe ich verkauft. Nun habe ich nur Kühe.“ Er hätte gerne Büffel, aber die Sümpfe an seinem Wohnort seien nicht mehr geeignet, der Wasserstand ist zu niedrig. „Wenn ich Büffel haben möchte, müsste ich umziehen. Die Lage ist sehr schlecht.“
Ressource Gastfreundschaft
Seit 2012 arbeitet er als Touristenführer. Die Marschgebiete stehen auch auf der Unesco-Liste als schützenswertes Natur- und Kultureerbe. Eine Spende von Unesco hat Mustafa Mohsen geholfen, ein traditionelles Haus aus Schilfrohr zu bauen – darin können Tourist*innen übernachten. Doch auch die kommen nur, wenn es Wasser gibt.
Zurück zum Ehepaar Kavermann: Sie wissen nur Gutes von ihrer Reise zu berichten. Selbst, als an ihren Tagen in Bagdad das GPS-Signal nicht funktionierte. Als ein Iraker gesehen habe, dass sie etwas verzweifelt am Straßenrand standen, habe er sie auf Englisch angesprochen. „Er hat versucht, uns den Weg zu erklären, erkannte dann, dass es kompliziert ist und fragte: Darf ich mitfahren? Und dann ist er in unser Auto eingestiegen und hat uns durch ganz Bagdad geleitet.“
Der Mann habe dann noch ein Hotel empfohlen, dort alles auf Arabisch geregelt. „Total klasse. Und dann hat er uns noch angeboten, am nächsten Tag eine Tour durch Bagdad zu geben. Das haben wir dankend angenommen.“ Er habe sie den ganzen Tag herumgeführt, ohne Geld zu verlangen – aus Gastfreundschaft. Zwei Fans hat der Irak mit dem Ehepaar Kavemann in jedem Fall gewonnen.
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