BER bald auf – Tegel bald dicht: Schon jetzt Debatte ums Fliegen

BER nimmt letzte Hürde, Tegel soll mangels Kunden schließen: Die Auswirkungen der Pandemie auf den Flugverkehr sind immens. Ein Wochenkommentar.

Der BER kann bald öffnen: Techniker und Arbeiter sind in der Abflughalle des neuen Flughafens Berlin-Brandenburg Willy-Brandt unterwegs

Sieht ganz gut aus für den BER: Techniker sind in der Abflughalle unterwegs Foto: picture alliance/Michael Kappeler/dpa

BERLIN taz | Nur ein Tag lag zwischen zwei geradezu epochalen Nachrichten, die gleichwohl widersprüchlicher nicht sein könnten: Am Dienstag erhielt das Hauptterminal des BER die Betriebsgenehmigung. Damit gilt die Eröffnung des Pannenflughafens im Oktober als sehr, sehr, sehr wahrscheinlich. Tags darauf beschloss der Aufsichtsrat der Flughafengesellschaft (FBB), bei der Luftfahrtbehörde einen Antrag auf Schließung des innerstädtischen Flughafens Tegel zu stellen – spätestens ab Juni für erst mal zwei Monate. Grund ist die Coronakrise.

Die hat längst eine massive Krise des Flugverkehrs weltweit zur Folge. Kaum etwas ist von den Auswirkungen der Pandemie, den folgenden Reiseverboten und Grenzschließungen so betroffen wie Fluglinien. An Berlins beiden Flughäfen werden derzeit im Schnitt noch 1.000 Passagiere abgefertigt, pro Tag wohlgemerkt. Das entspricht 1 Prozent der zu dieser Zeit üblichen Fluggäste. 200.000 Euro Minus erwirtschaftet Tegel laut FBB derzeit jeden Tag. Und ein Ende der Misere erwarten Experten und auch Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup in diesem Jahr nicht mehr.

Angesichts des Plans, Tegel zeitweilig vom Netz zu nehmen, stellt sich die Frage, ob es die mehrere Male verschobene Eröffnung des BER gerade überhaupt noch braucht. Berliner Grüne und auch die SPD fordern eine Debatte darüber, welche Flüge nach der Coronakrise und angesichts der Klimakrise wirklich zu vertreten seien. Den BER stellen sie dabei zwar nicht in Frage, wohl aber bereits diskutierte Ausbauvarianten, weil man ja befürchtet hatte, der Flughafen sei bald zu klein angesichts von jährlich weit über 35 Millionen Passagieren in Berlin.

Offensichtlich, wer bremst

Auch wer in dieser Debatte die Bremser sein werden, ist offensichtlich. Denn der Bund, einer der drei Eigentümer von Tegel, BER und Schönefeld, stemmt sich allen wirtschaftlichen Erwägungen zum Trotz weiter gegen eine Schließung von Tegel. In der Gesellschafterversammlung blockierte das Bundesverkehrsministerium eine Einigung.

Ein Schild weist an einer Roten Ampel zum Flughafen Tegel – der Flughafen soll schließen

Ausgebremst! Foto: picture alliance/Michael Kappeler/dpa

Den Antrag auf Schließung stellte Lütke Daldrup dennoch – eine anderslautende Weisung der Eigentümer habe es nicht gegeben, sagte er am Mittwoch. Und man meinte, selbst bei diesem stets nüchtern und neutral auftretenden Mann ein gewisses Unverständnis über so viel Dickköpfigkeit heraushören zu können.

Der Bund befürchtet wohl, dass Tegel, einmal geschlossen, mangels Bedarf den Sommer über gar nicht mehr aufmacht und Ende Oktober planmäßig ersetzt wird durch die Eröffnung des BER. Das wäre wahrscheinlich tatsächlich so.

Es ist blanke Ideologie und Klientel­befriedigung, die den Bund daran hindert, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Schlimmer noch: CSU-Verkehrsminister Andreas Scheuer wird registrieren müssen, dass ein guter Teil der Geschäftskunden ganz aufs Fliegen verzichtet und kosten- und emissionssparend weiter wie in der Krise erprobt per Videokonferenz sich „meetet“. Oder zumindest bei innerdeutschen Dienstreisen auf die bei Scheuer unbeliebte Bahn umsteigt.

Diesen Mobilitätswandel aufzuhalten durch Festhalten an überkommenden Strukturen ist zwar eine alte Taktik, aber eine sehr teure. Ob sich das Land diese Kosten angesichts der milliardenteuren Coronahilfen wird leisten können? Und wollen?

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Jahrgang 1974, ist Leiter der Berlin-Redaktion der taz. Zuvor war er viele Jahre Chef vom Dienst in dieser Redaktion. Er lebt seit 1998 in Berlin und hat Politikwissenschaft an der Freien Universität studiert.

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