Autorin Claudia Durastanti: Weglaufen, um sich frei zu fühlen

In ihrem Roman „Die Fremde“ erzählt Claudia Durastanti von ihrer gehörlosen Mutter – und einer „Dickens-Kindheit“ in Armut in den USA.

Die Autorin Claudia Durastanti

Verhandelt in ihrem Buch die Themen Migration, Armut, Behinderung und Sprache: Claudia Durastanti Foto: Alberto Cristofari/contrasto/laif

Wie viele Arten des Fremdseins, sich Fremdfühlens gibt es? Das könnte eine Frage sein, die durch das neue Buch der 1984 geborenen Autorin Claudia Durastanti leitet. Eine Art roter Faden angesichts ihrer großen Themen: Migration, Armut, Behinderung, Sprache. Von all dem erzählt Durastanti aus eigener Erfahrung, sie ist die titelgebende Fremde.

Ihr Verlag nennt das Buch, das es auf die Shortlist des Premio Strega schaffte, einen Roman und wirbt zugleich damit, dass es sich um die eigene Familiengeschichte handle. Nennen wir es Autofiktion. Entscheidend ist, dass es Durastanti eindrücklich gelingt, authentisch – und das ist hier positiv gemeint – und literarisch zu erzählen.

Durastanti ist die Tochter italienischer Eltern, die in die USA, nach New York emigrierten. Bei ihrer Geburt leben sie bereits getrennt. Mutter und Vater sind gehörlos. Vordringlich von ihrer Mutter erzählt die Autorin, sie ist die zweite Fremde in diesem Buch, schon vor der Tochter. Durastanti versucht, die sich aus der Taubheit ergebende Wahrnehmung der Welt zu begreifen und auch den Le­se­r*in­nen zu vermitteln. Sie erzählt von den damit einhergehenden Ängsten der Mutter, aber auch von ihrem unbändigen Willen zur Unabhängigkeit.

Claudia Durastanti:„Die Fremde“. Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki. Zsolnay Verlag, Wien 2021, 304 Seiten, 24 Euro

Schon als junges Mädchen „lernte sie das Weglaufen“. Auf die Fragen der Tochter erwidert sie: „,Ich wollte mich nur frei fühlen.' Die einzigen Orte, an denen meine Mutter sich vor den unsichtbaren Angreifern hinter ihrem Rücken geschützt fühlte, waren Wälder und Straßen.“

Die Autorin wird zur Figur in der Erzählung

1990 zieht die Mutter mit ihrer Tochter und dem sechs Jahre älteren Sohn in eine ländliche Region Süditaliens. Unter den strengen Augen der Dorfgemeinschaft greifen die Hebel des Ausschlusses mehrfach: Sie ist die Tochter einer alleinerziehenden, behinderten, armen Mutter, die kein Geld verdient und sich als Künstlerin versteht. Und die weiterhin die Freiheit in den Wäldern sucht, die Tochter nimmt sie mit oder überlässt die Kinder auch mal mehrere Tage lang sich selbst.

Wenn die Autorin in ihre Kindheit und Jugend zurückgeht, verdichtet sich ihr Text, wird sie selbst zu einer Figur ihrer Erzählung – was überzeugend mit der erfahrenen Intensität der Gefühle korrespondiert, wie ihrer Wut oder Scham.

Überschriften wie „Reisen“ oder „Arbeit & Geld“, unter denen sich dann Unterkapitel finden, gliedern den Text. Das erlaubt Durastanti, aus dem Korsett der Chronologie auszubrechen, sich in einer kaleidoskopartigen Auffächerung ihren Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu nähern, den sich einer Erinnerung anschließenden Assoziationen zu folgen und doch Schwerpunkte zu setzen.

So geht es im Kapitel „Reisen“ um ihre wechselnden Lebensorte: die USA, Italien und schließlich London. Hier fokussiert sie sich auf jene Fremdheit, die sie mit ihrer Art von Migration verbindet. In „Arbeit & Geld“ geht es um soziale Herkunft, ihre Furcht an der Uni, dass ihre „Dickens-Kindheit“ auffliegen könnte. Immer wieder reflektiert Durastanti den Umgang mit und das Verständnis von Behinderung kritisch. Auch die Bedeutung von Sprache und wie sie sich diese in einer kommunikationsgestörten Familie aneignet, beschäftigt sie wiederkehrend.

Stil und Form sind fließend: mal sehr dicht, erzählerisch, nah am Geschehen; dann wechselt die Autorin in eine distanziertere Erzählposition, wird zur Beobachterin gesellschaftlicher Phänomene, die Form wandelt sich zum Essayistischen. Darin ähnelt sie Autorinnen wie Maggie Nelson oder Rachel Cusk, die ebenfalls vom Persönlichen ausgehend Gesellschaft erkunden, in einer ständigen Pendelbewegung beide Bereiche einander erhellend verbinden.

So ist „Die Fremde“ eine intensive, intime Selbsterkundung: Wie kommt es zu dem grundlegenden Gefühl Durastantis, sich in so vielerlei Weise als eine Fremde zu fühlen – nirgends zugehörig? Und weist doch weit darüber hinaus.

Harmonisches Beben

Nicht zuletzt erzählt das Buch eine berührende Mutter-Tochter-Geschichte, in der die Tochter sich emanzipiert – und so zu einer neuen Empathie für die Mutter fähig wird, die sie einmal als ein „harmonisches Beben“ beschreibt, das „alles zerstört“. Und die sie als eine zugleich (ihrer Behinderung, den gesellschaftlichen Zuschreibungen) ausgesetzte und selbstbestimmte Persönlichkeit zeichnet.

So zieht sie es vor, für eine Ausländerin mit Sprachfehler gehalten zu werden statt für eine Frau mit Behinderung: „Wenn sie in den Bus stieg, und die Fahrer sie manchmal fragten, ob sie Peruanerin oder Rumänin sei, nickte sie nur, ohne weitere Erklärungen abzugeben, der Irrtum schmeichelte ihr fast.“ Erst spät bringt Durastanti für derlei „Lügen“ Verständnis auf, erkennt darin die Freiheit, die eigene Persönlichkeit zu behaupten. Der ausschließenden Definition als Fremde von außen setzt die Mutter die von ihr bevorzugte Art der Fremdheit entgegen.

Es macht, so legt die Autorin nahe, einen entscheidenden Unterschied, ob man von außen als Fremde gekennzeichnet und somit ausgeschlossen wird oder ob man sich selbst in bestimmten Kontexten so definiert beziehungsweise diese Position einnimmt. Dann kann darin auch ein befreiendes Moment liegen, das der leidvollen Erfahrung entgegenzusetzen ist.

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