piwik no script img

Autohandel in der Klimakrise Haus ohne Auto

Christoph Golbeck führt ein Autohaus, das keine Neuwagen mehr verkauft. Genauer gesagt führt er jetzt ein Mobilitätshaus. Wie funktioniert das?

taz FUTURZWEI | In einer Fassung von Der Geizige von Molière an der Berliner Schaubühne bildet ein Autohaus die Kulisse. Sie steht für einen Ort, an dem sich Verkauf, Kalkulation und Besitz verdichten. Der Geizige erscheint als Autohausbesitzer, als jemand, der alles kontrollieren will und nichts loslassen kann. Man versteht sofort, warum diese Figur heute in ein Autohaus gehört.

Ein paar Kilometer weiter, in Friedrichshain, steht ein Autohaus, in dem genau diese Logik nicht mehr selbstverständlich funktioniert. Dessen Hof öffnet sich unspektakulär zur Straße. Ein Altbau steht vorn, dahinter liegen Werkstatt, Garagen und gepflasterte Kundenparkplätze, an den Wänden zieht sich Graffiti entlang. Der Ort ist nicht entworfen, sondern gewachsen, und er trägt seine vielschichtige Geschichte offen.

In den 1980er-Jahren wurden hier Trabants repariert, nach dem Mauerfall entstand ein Volkswagen-Autohaus. Das Geschehen wirkt vertraut, weil es sich in Deutschland vielfach wiederholt hat: erst Mangel, dann Aufbruch, dann Konsum. Doch irgendwann biegt diese Geschichte ab. Aus dem Autohaus wird ein Mobilitätshaus.

Dana Giesecke

Dana Giesecke ist die wissenschaftliche Leiterin der Stiftung FUTURZWEI. Sie studierte Soziologie mit kultursoziologischem Schwerpunkt, Kunstgeschichte und Kommunikationswissenschaft an der Technischen Universität Dresden und Wissenschaftskommunikation und -marketing an der Technischen Universität Berlin. Regelmäßig begleitet sie für taz FUTURZWEI "Changemaker" in der gleichnamigen Rubrik.

Diesen Schritt treibt Christoph Golbeck voran, Sohn des Familienbetriebs, promovierter Politikwissenschaftler und begeisterter Radfahrer. Er und seine Frau, ein gleichberechtigtes Duo, übernehmen den Betrieb nicht einfach, sondern stellen ihn infrage. Seit 2021 werden hier Autos nur noch repariert, aber keine mehr verkauft.

Diskriminierungsfreiheit im Autohaus

Der ehemalige Showroom existiert noch. Große Fenster zur Frankfurter Allee, dahinter fließt der Verkehr ununterbrochen. Früher standen hier Neuwagen, heute sind es andere Vehikel. Zwei Lastenräder mit E-Antrieb, ein Fahrzeug mit Kabine, das wie ein kleines Auto wirkt und doch keines ist. „Das ist wirklich ein Fahrrad. Und extrem innovativ, weil es diese Hinterradlenkung hat. Das macht in der Stadt einen Unterschied. Aus Sicht der meisten Kundinnen und Kunden sind es vor allem der Wetterschutz, der Beifahrersitz und der Kofferraum, die dieses Fahrzeug so außergewöhnlich machen“, sagt Golbeck. Er bewegt sich ruhig durch den Raum. Er spricht präzise. Einer, der Interviewsituationen kennt und seine Sätze zu setzen weiß.

An diesem Tag, erzählt Golbeck, kam eine Kundin zur Hauptuntersuchung ihres Fahrzeugs. Alt sei es gewesen, und um es noch einmal durchzubringen, hätte sie mehrere tausend Euro investieren müssen. „Das war der perfekte Zeitpunkt, um die Bedürfnisse der Mobilität zu erfragen“, sagt Golbeck. In den meisten Kfz-Werkstätten beginne hier ein Verkaufsgespräch, das auf Reparatur oder Ersatz hinauslaufe. Golbeck stellt andere Fragen: Lohnt sich die Investition noch? Welche Alternativen gibt es? „Neun von zehn Gesprächen führen dazu, dass das Auto noch einmal repariert wird“, sagt er. Gewohnheit, Unsicherheit und Abhängigkeit wirken stärker als jede rationale Abwägung. Deshalb nimmt Golbeck seine autofahrenden Kund*innen ernst. Er spricht von „Diskriminierungsfreiheit“. Wer die Lebensrealität anderer Leute vorschnell abwerte und Menschen für ihr Auto verurteile, verliert sie, bevor ein Gespräch beginnt.

Die neue taz FUTURZWEI

taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°37: Nachspielzeit.

Jetzt im taz shop bestellen

Die offene Gesellschaft liegt gegen Rechtspopulisten und Autoritäre höher im Rückstand, als sie wahrhaben will und es bleibt nicht mehr viel Zeit. Politik und Gesellschaft wirken gelähmt. Wir analysieren die Blockaden, suchen Auswege und finden Handlungsspielraum. Mit: Hartmut Rosa, Maja Göpel, Daniel Cohn-Bendit, Karoline Eichhorn, Alina Frieske, Ruth Fuentes, Dana Giesecke, Diana Kinnert, Reinhard Loske, Wolf Lotter, Anna-Verena Nosthoff, Lukas Rietzschel, Uwe Schneidewind, Harald Welzer u. v. m..

Das Mobilitätshaus richtet sich nicht nur an Privatkund:innen und an kleine und mittlere Unternehmen, die ihre Flotten neu organisieren müssen. Es zielt auch auf die Branche selbst. Golbeck berät Autohäuser dabei, ihr Geschäftsmodell zu verändern: Mobilitätsberatung statt Verkauf, alternative Fahrzeuge, neue Wertschöpfung.

Ein Weg und viele Mittel

Das heißt konkret: Mobilität wird nicht mehr als Entscheidung für ein einzelnes Verkehrsmittel gedacht, sondern in intermodalen Angeboten. Ein Weg kann aus mehreren Teilen bestehen: Fahrrad, Bahn, gelegentlich ein Auto. Für viele ist das ungewohnt. Jahrzehntelang war das eigene Auto die einfachste Antwort auf jede Strecke. Intermodalität verlangt etwas anderes: Planung, Abstimmung, manchmal auch Verzicht. Genau hier sollten die Mobilitätshäuser ansetzen: Sie machen Alternativen sichtbar.

Autohäuser sind für Golbeck die entscheidenden Schnittstellen dieser Veränderung. Hier kommen die zusammen, die „Benzin im Blut haben“. Während politische Programme und wissenschaftliche Konzepte oft auf Distanz blieben, entstünden im Autohaus Gespräche, die konkrete Auswirkungen haben können. Wer die Besitzer der rund 49 Millionen Kraftfahrzeuge erreichen und für Alternativen interessieren wolle, müsse dort ansetzen, wo Autos verkauft und gewartet werden.

Die Mobilitätswende scheitert aus Golbecks Sicht nicht an Ideen, sondern daran, dass das politische System in letzter Zeit gegen sie arbeite. Viele Subventionen flössen in bekannte Technologien, während neue Formen der Mobilität kaum unterstützt würden. Gleichzeitig verfingen innovative Fahrzeuge und Konzepte nicht, weil Preise, Stückzahlen und Förderung nicht passten.

Golbeck ist übrigens Unternehmensmitglied im Verkehrsclub Deutschland (VCD), nach eigener Aussage „als einziges Autohaus“ weit und breit. Der VCD ist eine Stimme für eine ökologische Mobilitätswende, leiser als die großen Verbände, aber beharrlich. Golbecks Prämisse lautet: Veränderung lässt sich nicht von außen verordnen, sie muss im System selbst beginnen.

Ein neues Berufsverständnis

In einer Kooperation mit dem Institut für Betriebliche Bildungsforschung entstehen konkrete Curricula für eine Berufswelt im Wandel. Im Zentrum stehen neue Kompetenzen: Wie berät man Kund:innen ergebnisoffen zu ihrer Mobilität? Wie integriert man Fahrräder, Lastenräder und andere Fahrzeuge in bestehende Abläufe? Und wie verändert sich eine Werkstatt, wenn sie nicht mehr nur repariert, sondern Wege mitdenkt? Was Golbeck hier entwickelt, ist im Grunde ein neues Berufsverständnis.

Damit verschiebt sich auch die Perspektive auf die Mobilitätswende selbst. Golbeck versteht diesen Wandel nicht als rein technischen Umbau, sondern als gesellschaftliche Aufgabe. Er spricht von „Verantwortungsgemeinschaften“, in denen Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft ineinandergreifen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen sieht er in einer zentralen Rolle, weil sie Orte der Begegnung sind. „Wir müssen kleine und mittelständische Unternehmen zu Demokratiestützpunkten machen“, sagt er.

Gleichzeitig bleibt er Unternehmer. Er spricht über Kreditlinien, Gehälter und laufende Verpflichtungen und macht deutlich, dass Mobilitätsberatung finanziert werden muss. Die geopolitische Lage verschärfe die Spannungen. Kriege, Energieabhängigkeiten und politische Entscheidungen verändern den Rahmen. Golbeck sieht darin auch Möglichkeiten für kurzfristige Eingriffe, etwa Tempolimits, die zeigen, dass Veränderung möglich ist.

Das Mobilitätshaus in Berlin-Friedrichshain ist kein fertiges Modell, sondern ein Versuch unter realen Bedingungen. Hier schließt sich der Kreis zur Schaubühne. Während der Geizige an seinem Besitz festhält, weil die Regeln auf Festhalten gebaut sind, unterläuft Golbeck die Logik der Branche. Er verkauft nicht mehr, wo früher verkauft wurde. Er stellt Fragen, wo sonst Antworten feststehen. Und der Rest ergibt sich aus den Bedingungen.

🐾 Lesen Sie weiter: Die aktuelle Ausgabe unseres Magazins taz FUTURZWEI N°37 mit dem Titelthema „Nachspielzeit“ gibt es jetzt im taz Shop.