Gegen den antifeministischen Backlash : Frauenpolitik statt Mucki-Bude!
Das Gerede der Grünen von „moderner Männlichkeit“ ist eine Luftnummer, die von der politischen Aufgabe nur ablenkt, schreibt Udo Knapp in seinem taz-FUTURZWEI-Kommentar.
Foto: Yaw Afari auf Unsplash
taz FUTURZWEI | „Starke Männer übernehmen Verantwortung“: 15 Grüne haben ein „Manifest für moderne Männlichkeit“ unterzeichnet, darunter die Bundestagsabgeordneten Julian Joswig, Robin Wagener, Franziska Brantner und Ricarda Lang. Der gesellschaftlich so erfolgreiche Feminismus, heißt es dort, habe in den letzten Jahrzehnten mit seiner berechtigten Kritik an der gewalttätigen, in allen Bereichen nach Dominanz strebenden Männlichkeit die Männer in ihrem Selbstwertgefühl schwer verunsichert. Er sei mit dafür verantwortlich, dass Misogynie und Machismo für junge Männer als Selbstschutz vor ihrem Statusverlust an Attraktivität gewonnen haben.
Die AfD instrumentalisiere den gesellschaftlichen Machtverlust der Männer für ihre Politik, sie errichte dem Frauenhass neue Bühnen. Die Manosphere, ein überwiegend antifeministisches Netzwerk in sozialen Medien, findet als virtueller Herrschaftsraum verlorengehender Männermacht breiten Zulauf. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Maximilian Krah macht sich zu ihrem Fürsprecher. „Der Feminismus heute ist der Krebs unserer Gesellschaft“, postete er 2023 auf X. „Echte Männer sind rechts und als echte Männer wollen wir echte Frauen haben. Feministinnen sind hässliche, grässliche Gestalten“, pflegt er in seinen Aschermittwochsreden zu sagen.
■ Udo Knapp ist Politologe und kommentiert an dieser Stelle regelmäßig das politische Geschehen für unser Magazin taz FUTURZWEI.
Machtverlust für Männer, Zivilisationsgewinn für alle
Das Grüne Manifest will gegen diesen Frauenhass eine „Moderne Männlichkeit“ prägen, hat aber nur das in Grün getauchte und ansonsten altbekannte patriarchalische, von Muskelpaketen bestimmte Männerbild anzubieten. Autor Julian Joswig geht ins Fitnessstudio. Er sei als Jugendlicher pummelig und unglücklich gewesen, sein Muskelaufbau habe ihn selbstbewusst gemacht. Autor Anton Hofreiter geht regelmäßig an den Boxsack. Er warnt davor, männliche Kraft in einem „Beschämungsdiskurs“ als toxisch zu diffamieren. Felix Banaszak, männlicher Grüner Bundesvorsitzender, setzt im Playboy (sic!) dieser eher sozialpädagogisch daherkommenden Haltung der 15 Abgeordneten die drastische Aufforderung an verunsicherte Männer entgegen: „Du kannst im Fitness Studio pumpen gehen. Von mir aus mit lackierten Fingernägeln. Du kannst Lastenfahrrad fahren oder BMW X3. Alles fein, der zentrale Punkt aber ist: Sei kein Arschloch“.
Was könnte er damit meinen, „kein Arschloch“ zu sein? Vermutlich erst einmal, zu akzeptieren, dass die Realität und die Machtverteilung im Geschlechterverhältnis sich geändert hat. Ob sie nun wollen oder nicht: Männer müssen sich davon verabschieden, Frauen zu Hause, bei der Arbeit oder beim Sex anzusagen, wo`s langgeht. Das ist ein Machtverlust für die Männer, aber ein Zivilisationsgewinn für alle, hinter den es ein Zurück nur geben wird, wenn die Frauen sich das gefallen lassen.
Umbruch im Geschlechterverhältnis
Die Realitäten machen Hoffnung: Immer öfter verstellen Frauen im Alltag Männern den bisher selbstverständlichen Zugang zu den Schaltstellen des öffentlichen Lebens. Männer müssen und dürfen heute nicht nur Windeln wechseln, kochen, den Haushalt besorgen und zugunsten von Frauen auf für selbstverständlich gehaltene Karrieren verzichten. Sie müssen und dürfen auch noch hinnehmen, dass Frauen Schaltstellen im öffentlichen und privaten Leben für sich reklamieren, die sie selbstbewusst ausfüllen. Weil sie nicht mehr wegen festgezurrter Rollenbilder daran gehindert werden, erzielen Mädchen und Frauen heute schon von klein auf die besseren Schulergebnisse, entfalten später gezielt ihre intellektuellen und kognitiven Fähigkeiten, dominieren die Spitzenergebnisse bei den Schulabschlüssen, sorgen für weibliche Mehrheiten der Studierenden ganzer Studienfächer, schließen ihre Universitätsexamen schneller und besser ab als Männer. Sie gewinnen auch in den traditionell von Männern bestimmten Mint- und Ingenieurfächern an Gewicht.
taz FUTURZWEI, das Magazin für Zukunft – Ausgabe N°37: Nachspielzeit.
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Frauen rücken in Führungspositionen in allen privaten und gesellschaftlichen Institutionen auf. Dieser Umbruch im Geschlechterverhältnis, der Kampf der Frauen um ihre vollständige Gleichstellung in allen gesellschaftlichen und privaten Fragen, ist allerdings von ihnen noch längst nicht gewonnen. Im Gegenteil: Die emanzipatorischen Fortschritte sind der Grund für den Backlash, der ja von (bestimmten) Männern befeuert wird.
Von Männern mitgetragene Grüne Frauenpolitik
Doch statt wie im Joswig-Manifest sich in der Logik patriarchalischer Denke mit Muskelaufbau in der Mucki-Bude den angeblich benachteiligten Jungs anzubiedern, käme es darauf an, die Macht des Patriarchats politisch dauerhaft weiter zurück zu bauen. Eine machtvolle, selbstorganisierte Frauenbewegung, wie zu den besten Zeiten von Alice Schwarzers Emma, gibt es nicht mehr. Umso wichtiger wäre eine auch von Männern mitgetragene Grüne Frauenpolitik, die die Stellung der Frauen in der Gesellschaft in jeder Hinsicht gesetzlich weiter ausbauen würde. Vorschläge dafür gibt es genug:
1. Die Weiterentwicklung der bayrischen Idee der Mütterrente. Jede Mutter sollte für jedes Kind, das sie zur Welt bringt, die verbindliche staatliche Zusage einer Mütterrente in Höhe von 500 Euro erhalten, unabhängig davon, wie viel sie im Laufe ihres Arbeitslebens in die Rentenversicherung einzahlen wird.
2. Den Ausbau der Kinderbetreuung in Krippe, Kindergarten und Schulhort, mit Kitapflicht ab drei Jahren, kostenlos für die Eltern. Jedes Kind sollte die von ihm gebrauchte Förderung bekommen, die Mütter könnten dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen.
3. Alle Leitungsstellen im öffentlichen Dienst und (mit Gesetzen ermöglicht) darüber hinaus, sollten nach dem 50 zu 50-Prinzip vergeben werden. Bis die 50 Prozent erreicht sind, erhielte immer die sich bewerbende Frau den Vorzug.
4. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – ohne jede Einschränkung.
Die Vorstellung ist wirklichkeitsfremd, dass Männer ihre abschmelzende Macht im Geschlechterverhältnis freiwillig aufgeben, dass sie mit einigem Zureden und Überzeugungsarbeit auf Misogynie und Machogehabe verzichten. Dagegen helfen nur in Gesetze gegossene rechtliche Ansprüche und Verfahren im Interesse der Frauen. Das Grüne Gerede von moderner Männlichkeit ist eine Luftnummer, die von dieser politischen Aufgabe nur ablenkt.
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