Auswirkungen der Pandemie: Corona verschärft Lage für Arme
Die Pandemie trifft die Schwächsten der Gesellschaft hart. In einem Fünf-Punkte-Papier schildern Betroffene ihre Probleme.
„Leben in Armut bedeutet schon unter Normalbedingungen ein ständiges Improvisieren“, sagt Michael Stiefel, Vorstandmitglied im Armutsnetzwerk. „Die Regelsätze in der Grundsicherung sind sehr knapp gerechnet. Jede unvorhergesehene Ausgabe, jede Reparatur, jede Stromnachzahlung kann existenzbedrohlich werden.“ Die Pandemie würde diese Lage dramatisch verschärfen.
Wie drastisch sich die Situation für arme Menschen verschlechtert hat, das zeigt sich im Fünf-Punkte-Papier, das Betroffene am Mittwoch vorgestellt haben. Darin schildern sie Probleme und stellen konkrete Forderungen. Das Papier wurde von Betroffenen, die sich im Bündnis Armutsnetzwerk zusammengefunden haben, mit der Diakonie erarbeitet. Es brauche mehr Sichtbarkeit und Partizipationsmöglichkeiten sowie ein Umdenken in Sozialpolitik und Armutsbekämpfung.
Das Fünf-Punkte-Papier macht auf mehrere Probleme aufmerksam, vor denen arme Menschen in der Pandemie stehen. Beispielsweise verfügten viele nicht über die notwendige digitale Infrastruktur. „Computer, Headset, Kamera, Drucker und Verbrauchsmaterialien wie Toner oder Papier fehlen“, heißt es in dem Papier. Außerdem würde nicht jeder eine Kreditkarte besitzen. Gesellschaftliche Partizipation sei vor diesem Hintergrund kaum möglich.
Der von der Bundesregierung beschlossene Zuschuss zur Grundsicherung von 150 Euro reiche auch nicht aus, um die Mehrbelastung abzufedern. Es bräuchte stattdessen einen stärkeren sozialen Ausgleich – auch langfristig.
Ein großes Problem: Einsamkeit
Außerdem führte der steigende Bedarf sowie die immernoch geltenden pandemiebedingten Kontaktbeschränkungen dazu, dass viele staatliche und nicht-staatliche Anlaufstellen nur noch schlecht zu erreichen seien. „Auch Helfende sind mit rigiden Anweisungen konfrontiert, Angebote zu schließen. Das betrifft Tafeln, Archen, Jugendzentren, Selbsthilfe-Reparaturwerkstätten, Bibliotheken, Sportstätten und viele andere Orte.“ Es müssten endlich niedrigschwellige Angebote geschaffen werden, um Hilfe in Anspruch nehmen zu können.
Darüber hinaus sei Einsamkeit ein großes Problem. „Gerade Menschen mit wenig familiären Bindungen und sozialen Kontakten erleben die soziale Isolation durch Kontaktbegrenzungen im Alltagsleben und in der Nachbarschaft umso bitterer. Wo vorher schon wenig Kontakte waren, herrscht jetzt Vereinsamung“, heißt es in dem Papier. Auch unter Pandemiebedingungen müsste es entsprechende Anlaufstellen und Hilfen geben. Außerdem müssten Räume zum Austausch geschaffen werden.
In dem Papier wird auch ein Maßnahmenpaket für kommende Krisen gefordert: „Wir brauchen Regeln, die immer dann gelten, wenn gesellschaftliche, wirtschaftliche oder soziale Krisen bedrohlich werden.“ In Armut Lebende dürften nicht jedes Mal neu auf ihre Probleme hinweisen müssen.
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