Ausstellung in der Gemäldegalerie Berlin: Carpaccios Rezept
Vittore Carpaccios Kunst lebt von feinen Schichtungen. Sein Colorito war vermutlich auch Vorbild für das nach dem Renaissancemaler benannte Gericht.
Um Vittore Carpaccios einmalige Lichttiefe zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf die Vorspeise, die seinen Namen trägt. Dort zeigt sich in kulinarischer Form, was auch in seiner Malerei geschieht: eine Kunst der feinen Schichtungen.
Grundiert wird auf gewebter Leinwand, der neuen Servierplatte der venezianischen Malerei. Bellini malte dagegen noch auf Holz. Ebenfalls neu ist die helle Grundierung, deren hoher Rückstrahlwert das Licht von unten zurückwirft. Anders als sein vermuteter Lehrer entwickelt der Meister der Frührenaissance sein Kolorit von Hell nach Dunkel.
Dann folgt das „Fleisch“: leuchtendes Zinnoberrot, häufig lasierend aufgetragen und an bestimmten Stellen mit feinen Spuren von Bleiweiß durchzogen. Dadurch entsteht eine helle Maserung, die das Rot öffnet und ihm Tiefe verleiht. Zuletzt kommt das „Dressing“, ein extrem dünner, reflektierender Firnisüberzug, der das Gemälde schützt und auch dunklere Töne zum Leuchten bringt (im Alter aber leider vergilbt). So dringt das Licht ins Bild und strahlt durch das Rot wieder heraus.
1950 wurde das gleichnamige Gericht erfunden
Unter dem Eindruck von Carpaccios Colorito dürfte auch der Inhaber der „Harry’s Bar“ in Venedig gestanden haben, als er 1950 das Gericht aus hauchdünnem Rindfleisch erfand und nach Carpaccio benannte. Besonders eindrucksvoll tritt die Farbgebung in der zugleich beeindruckenden wie rätselhaften Grablegung Christi hervor.
Das großformatige Gemälde, nach umfassender Restaurierung nun wieder in voller Pracht, bildet das Herzstück der Sonderausstellung Hommage an Vittore Carpaccio. Noch bis zum 6. April 2026 ist es flankiert von Arbeiten Giovanni Bellinis und Cima da Coneglianos in der Berliner Gemäldegalerie zu sehen.
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