Außenseiter in der Königsklasse

Die attraktiven Kleinen

Die Champions League startet mit der oft als öde abqualifizierten Gruppenphase. Dabei beginnen jetzt die interessanten Aufsteigergeschichten.

zwei Fußballspieler beim Kopfballduell

Überraschung: Mit Ajax bezwang Matthijs de Ligt (r.) Juventus. Diese Saison spielt er für Juve Foto: ap

Die Champions League ist ein schizophrener Wettbewerb. Jedes Jahr im Herbst, wenn die ersten Spiele anstehen, wird gejammert über die langweiligen Spiele in der Vorrunde, über hohe Favoritensiege und nervige Ausflüge in die osteuroäische Fußballprovinz. Die Gruppenphase des Wettbewerbs gilt als absoluter Langweiler.

Wenn im Frühjahr dann die K.-o.-Spiele anstehen, dann halten es die Fans vor Spannung kaum aus vor den Empfangsgeräten. Die Kneipen, in denen die Spiele gezeigt werden, sind von Runde zu Runde voller, und kaum einer würde auf die Idee kommen, dass die Champions League einer grundsätzlichen Reform bedarf. Und doch wird man nicht müde, an dem Milliarden-Wettbewerb herumzudoktern.

Spätestens 2024 soll der Wettbewerb ein neues Format haben. Da gibt es die Idee, die acht Vierergruppen durch Gruppen mit acht Teams zu ersetzen, was dazu führen würde, dass jedes Team mindestens 14 Spiele hat. Spannender würde der Wettbewerb dadurch sicher nicht. Es gäbe wohl viel mehr Spiele, in denen es um nichts mehr geht. Dafür hätte jede Mannschaft mehr Partien zu bestreiten.

Der FC Bayern ist im Vorjahr im Achtelfinale nach 8 Spielen ausgeschieden. Hätte es Achtergruppen gegeben, hätten sie mindestens 14 Mal spielen dürfen. Es hätte 14 Mal Chancen auf Siegprämien gegeben. Das Risiko, den teuren Kader früh nicht mehr auf europäischer Bühne zeigen zu können, wäre vom Tisch.

Freude an Ajax Amsterdam

Es ist kein Wunder, dass es die großen Klubs sind, zu denen neben Real Madrid, dem FC Barcelona oder Manchester City auch der FC Bayern gehört, die die Uefa regelrecht vor sich hertreiben. Um ein Haar hätten sie es geschafft, dem Verband eine abgeschlossene Europaliga aufzuschwatzen, in dem sie eine Startgarantie hätten. Das ist von den kleineren Verbänden gerade noch einmal verhindert worden.

Die haben es schwer genug, einen Verein in den Wettbewerb zu entsenden. Auch das liegt daran, dass die ganz Großen beinahe schon gesetzt sind, während sich alle anderen Länder immer wieder aufs Neue qualifizieren müssen. Dass aus den großen vier Ligen, aus England, Spanien, Italien und Deutschland, jeweils vier Teams direkt qualifiziert sind, sorgt ja vor allem dafür, dass ein Großklub auch dann in der Champions League spielt, wenn er in der Meisterschaft mal nicht ganz vorne liegt.

Doch gerade weil es immer mal wieder passiert, dass einer dieser Megaklubs früh an einem Kleinen scheitert, ist die Champions League so attraktiv. Würden die immer gleichen Mannschaften in den letzten drei Runden des Wettbewerbs spielen, so wie es sich die umsatztstärksten Fußballfirmen gewiss wünschen würden, hätten sich die meisten Fans längst abgewendet.

Die junge Mannschaft von Ajax Amsterdam, die in der vergangenen Saison den Wettbewerb gerockt hat und das Finale nur um ein paar Sekunden verpasst hat, ist dafür das beste Beispiel. Auch der Wiederaufstieg des FC Liverpool, der lange nicht zu den ganz Großen in Europa gehörte, an die kontinentale Spitze wäre nicht möglich gewesen. Und Tottenham Hotspur, Finalist der Vorsaison, ist ebenfalls kein Klub aus dem alten Geldadel in Fußballeuropa.

Die Champions League lebt von derartigen Aufsteigergeschichten. Sie beginnen in der Gruppenphase. Das darf ruhig so bleiben, auch wenn es uns vielleicht nicht wirklich interessiert, Dinamo Zagreb am Mittwoch gegen Atalanta Bergamo spielt.

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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