Ausbau der Gasinfrastruktur: Fluch für Menschen und das Klima

Die Gasinfrastruktur wächst. Doch mit der Förderung von Gas gehen Menschenrechtsbrüche einher – und die Klimakrise wird befeuert.

Große Flüssiggas-Behälter an einem asiatischen Hafen

Flüssiggas gilt in der öffentlichen Wahrnehmung als klimafreundlich Foto: Henning Gloystein/reuters, Warming Stripe: showyourstripes.info

Auf der ganzen Welt wird gebaut: neue Erdgaspipelines, neue Flüssiggasterminals, Umrüstung von Kohlekraftwerken zu Gaskraftwerken. Erdgas gilt in der öffentlichen Wahrnehmung nach wie vor als klimafreundlich und Investitionen in den fossilen Brennstoff gelten als ein Geschäft der Zukunft.

Dass mit dem Ausbau von Gasinfrastruktur massive Menschenrechtsbrüche einhergehen, zeigt sich an dem Bau der Export-LNG-Terminals (Liquid Natural Gas Terminals) in Mosambik. Mosambik liegt im Südosten Afrikas zwischen Tansania und Südafrika. Im Norden von Mosambik, in der Region Cabo Delgado, wurde 2010 das größte Erdgasvorkommen Afrikas, das neuntgrößte Vorkommen weltweit, entdeckt.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Laut Friends of the Earth International sollen mindestens 60 Milliarden US Dollar für die Förderung des Erdgases eingesetzt werden. Das wäre die höchste Investition, die jemals auf dem afrikanischen Kontinent südlich der Sahara getätigt wurde. Trotz der vielversprechenden Bodenschätze gehört Cabo Delgado zu den ärmsten Re­gio­nen des Landes und befindet sich seit einigen Jahren in einer Ausnahmesituation.

„Die Gasindustrie hat, noch bevor die Gasförderung begann, die Bevölkerung Cabo Delgados in Armut gestürzt und ihr Land enteignet“, berichtet Anabela Lemos, Leiterin von Justiça Ambiental, einer Menschenrechts- und Klimagerechtigkeitsorganisation in Mosambik, die eng mit den lokalen Gemeinschaften vor Ort arbeitet. „Fischer*innen und Landwirt*innen wurden vom Meer und ihrem Land abgeschnitten, ganze Dörfer zwangsumgesiedelt.“

Es zeichnet sich ab, dass die Gewinne aus der Förderung hauptsächlich internationalen Unternehmen zugutekommen und nicht der lokalen Bevölkerung. Beteiligt an den LNG-Terminals sind das französische Unternehmen Total, das US-amerikanische Unternehmen ExxonMobil und der italienische Energiekonzern ENI. Auch die Deutsche Bank hat in die Gasprojekte investiert.

Gewalt in Cabo Delgado

Arbeitslosigkeit und das vergebliche Warten auf den versprochenen Reichtum führen zur Radikalisierung der Bevölkerung. Seit 2017 gibt es Anschläge, die mehr als 100.000 Menschen aus der Region vertrieben haben und bei denen mehr als 1.000 Menschen getötet wurden. Sie hängen auch mit zunehmender Militarisierung zusammen.

So richte die französische Werft Constructions Mécanique de Normandie, die hauptsächlich Kriegsschiffe und Luxusjachten produziert, in Absprache mit der mosambikanischen Regierung ein Verteidigungsprogramm ein, um die Erdgasvorkommen zu bewachen – unter dem Vorwand, eine Thunfisch-Flotte aufzubauen.

„Die Gewalt in Cabo Delgado ist keine einfache Angelegenheit. Die Regierung hat in der Region große Militäreinheiten eingesetzt, um die Aufständischen zu bekämpfen, die seit 2017 die Bevölkerung angreifen. Aber es ist bekannt, dass das Militär Gewalt gegen die Zivilbevölkerung angewendet hat. Wir wissen von sexuellen Übergriffen auf Frauen durch die Soldaten und Erpressung von Geld“, so Lemos.

Weitere private Sicherheitsfirmen und paramilitärische Organisationen wie die russische Gruppe Wagner wurden von den Gasunternehmen und dem mosambikanischen Militär angeheuert. Viele Leute vor Ort trauen sich kaum, die langen Strecken zu ihren neu zugewiesenen Äckern zu bewältigen – aus Angst vor Gewalt durch das Militär.

Menschen, die über die Situation vor Ort berichten oder sich gegen die Umsiedlungen aussprechen, verschwinden. So wie der Journalist Ibrahimo Abu Mbaruco, der am 7. April dieses Jahres verschwand, nachdem er einem Kollegen geschrieben hatte, dass die Armee auf ihn zukomme.

Wissenschaft warnt vor Erdgas

Zu den Problemen hinzu kommt, dass Cabo Delgado 2019 von „Kenneth“, dem stärksten Zyklon der mosambikanischen Geschichte, getroffen wurde. Zehntausende Häuser wurden zerstört und viele Menschen erkrankten anschließend an Cholera. Viele der entstandenen Schäden sind noch nicht behoben.

Die Region ist insofern doppelt von verfehlter Klimapolitik betroffen, als einerseits durch den Klimawandel starke Zyklone wahrscheinlicher werden. Andererseits ist es trotz Pariser Klimaabkommen möglich, neue Gasfelder auf eine gewaltvolle Art zu erschließen.

In der Wissenschaft wird ebenso immer stärker vor Erdgas gewarnt. Methan, der Hauptbestandteil von Erdgas, trägt neben CO2 am meisten zum Klimawandel bei. Methan wirkt sich 87-mal stärker auf den Klimawandel aus als die gleiche Menge CO2. Die Weltorganisation für Meteorologie veröffentlichte, dass die Methankonzentration auf einem Rekordhoch und im Vergleich zur vorindustriellen Zeit auf eine 257 Prozent höhere Konzentration angestiegen ist.

Auch in Deutschland sollen in Brunsbüttel, Wilhelmshaven, Stade und Rostock Flüssiggasterminals gebaut werden, allerdings für den Import. An diesen Orten sollen zukünftig Schiffe anlegen, die im Ausland gefördertes Erdgas in das deutsche Gasnetz einspeisen.

Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) lehnt den Bau der Import-LNG-Terminals ab. „Zur Klimabilanz erschwerend hinzu kommt, dass die geplanten LNG-Terminals auch mit Fracking-Gas aus den USA befüllt werden sollen“, so Constantin Zerger, Leiter für den Bereich Energie und Klimaschutz. Zwei Gutachten der DUH stellten fest, dass die Bauvorhaben in Brunsbüttel und Stade aufgrund von Umwelt- und Sicherheitsgründen nicht genehmigungsfähig seien.

Doch nicht nur die DUH versucht, die LNG-Terminals in Deutschland zu verhindern. Auch Lennart Tiller, Chiara Arena und Jana Ahlers sind seit Mitte Juni dabei, das Flüssiggasterminal in Wilhelmshaven zu stoppen. Auf die Idee brachte sie Lennart Tiller, der aus der Gemeinde Zetel südlich von Wilhelmshaven kommt.

Protest gegen LNG-Terminal

Sie beschlossen dann gemeinsam, auf einen Hof in der Nähe zu ziehen, um den Widerstand gegen Erdgas vor Ort zu stärken. Die drei kennen sich aus der Klimabewegung in den Niederlanden, wo Chiara Arena und Lennart Tiller Umweltrecht studierten.

„Zuerst haben wir uns mit der lokalen Bürgerinitiative Klima-Allianz-Nordseeküste und verschiedenen Klimagruppen vernetzt. Dann haben wir angefangen, Ak­tio­nen zu planen und Gespräche mit Politiker*innen zu führen“, erzählt Chiara Arena.

Hauptsächlich adressieren sie ihre Aktionen an den niedersächsischen Landesumweltminister Olaf Lies, der den Bau des LNG-Terminals befürwortet. Im Juli protestierten sie gemeinsam mit der Bürgerinitiative vor seinem Büro in Jever. Anfang September besetzten sie die niedersächsische Staatskanzlei in Hannover, um den sofortigen Stopp des Projekts zu erreichen.

Bisher hält Olaf Lies weiterhin an seinen Plänen fest. „Was man merkt, ist, dass das Thema LNG neu für die Öffentlichkeit ist, so konnten wir mit unserer kleinen Aktion schon viel Aufmerksamkeit schaffen“, stellt Lennart Tiller fest.

So langsam scheint das Thema Erdgas für unterschiedliche Akteur*innen der Klimabewegung relevanter zu werden. Das Bündnis Ende Gelände kündigte bereits an, Ende September nicht nur Kohleinfrastruktur, sondern auch erstmalig Gasinfrastruktur im Rheinland blockieren zu wollen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Wir würden Ihnen hier gerne einen externen Inhalt zeigen. Sie entscheiden, ob sie dieses Element auch sehen wollen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Klima-Aktivist*innen übernehmen die taz: Am 25. September erscheint eine taz. die klimazeitung – geschrieben und konzipiert von Aktivist*innen. Sie schreiben, was die Klimakrise mit Rassismus gemeinsam hat und entwickeln konkrete Utopien. Alle Texte dazu finden Sie online in unserem Schwerpunkt Klimagerechtigkeit.

Die Erderwärmung bedroht uns alle. Die taz berichtet daher noch intensiver über die Klimakrise. Alle Texte zum Thema finden Sie unter taz.de/klimawandel.

Zudem bieten wir Ihnen das aktivistische Klima-Abo: Lesen Sie 10 Wochen die taz für nur 10 Euro. Davon geht 1 Euro als Spende an das Mangroven & Bienen Projekt in Nhangau/Mosambik.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben