piwik no script img

Auf der Flucht

Elke Schlegel wollte ihr eigenes Leben leben. Aber in der DDR wurde schon der Wunsch zu einem Verbrechen. Mit Haft und Folter sollte sie büßen

Von Clemens Sarholz (Fotos und Text)

Sie wollte frei sein, sich nicht verbiegen. Das DDR-System hat versucht, sie daran zu hindern.

Draußen: Ein weißes Mehrfamilienhaus in einer Koblenzer Wohnsiedlung. Ein großer begrünter Hof davor. In der Nähe liegt die Karthause, so wird das Gefängnis von Koblenz genannt.

Drinnen: Im Wohnzimmer ist viel aus Glas, dazu helle Flächen und dunkle Möbel. Starke Kontraste. „Ich wäre gerne Dekorateurin geworden“, sagt Schlegel. Die allerdings wurden in der DDR gerade nicht gebraucht, als sie aus der Schule kam.

Kindheit: 1958 wurde sie in Jena geboren, sie habe dort eine schöne Kindheit gehabt. Morgens zog sie los, schlüpfte in die Rolle von Cowboys und kam erst wieder nach Hause, als es dunkel wurde.

Freundschaft: Der Ärger mit dem Staat begann in der Schule. Sie sollte etwa Mitglied der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft werden und jeden Monat zehn Pfennig dafür bezahlen. Für Freundschaft? Das verstand sie nicht. „Meine Freundin Christine hat doch auch nichts gekostet und die war trotzdem meine Freundin.“

Marlboro-Mann: So ging es weiter. Sie hatte von ihrer Oma aus dem Westen Filzstifte geschickt bekommen, Marke Pelikan: „Aus dem Westen, durfte ich in der Schule nichts benutzen.“ Außerdem hatte sie eine Marlboro-Plastiktüte. Darauf war ein Cowboy auf einem Pferd. Für Elke Schlegel war das der Inbegriff von Freiheit. Für die Schule der Klassenfeind. In ihrem Zeugnis stand: „Der politische Standpunkt ist nicht gefestigt.“

Opponieren: „Wo ich dagegen sein konnte, war ich es.“ Ihre Mutter habe sich langsam Sorgen gemacht. Sie solle sich benehmen. Und besser auch nicht mehr in die Kirche gehen. Aber Schlegel schlich sich heimlich hin, sie wollte konfirmiert werden. Außerdem sah sie Westfernsehen: „Lassie“, „Fury“, „Flipper“. Und sie hatte Postkarten von Verwandten aus Ländern, die sie auch sehen wollte.

Berufswahl: Als klar war, dass sie nach der Schule nicht Dekorateurin werden durfte, überlegte sie weiter. Kellnerin, das wäre was. In einem Hotel mit internationalen Gästen. „Da dachte ich, ich kann versuchen, mit denen englisch zu reden.“ Kellnerin wurde sie. Aber das mit dem Englischsprechen hat nicht geklappt. Später wollte sie Stewardess werden. „Ich dachte, da kann ich mir die Welt mit meinem Beruf angucken.“ Es klappte auch nicht. Schlegel wurde abgelehnt.

Ausreiseantrag: Inzwischen hatte sie einen Freund, sie bekamen einen Sohn, wollten aber nicht heiraten. Deshalb kriegten sie keine Wohnung. „Und irgendwann sagte mein Freund: ‚Komm, wir hauen ab.‘“ Aber über Stacheldraht und Minenfelder wollten sie nicht. Also stellten sie einen Ausreiseantrag. Achtmal insgesamt. Und damit waren sie Staatsfeinde. Schlegel durfte nicht mehr kellnern und musste in die Spülküche. Ihr Freund war Fliesenleger und durfte nur noch Sand schaufeln. Wer mit ihnen zu tun hatte, riskierte Ärger.

Tag der Menschenrechte: Dazu eine Geschichte vom Tag der Menschenrechte im Jahr 1983. Es war der 10. Dezember und Schlegel ging mit anderen Ausreisewilligen auf den Weihnachtsmarkt. Um leise zu protestieren, mit weißen Kerzen in den Händen. Es dauerte nicht lang, bis die Bereitschaftspolizei kam. Da stand plötzlich ihr Bruder vor ihr. In Uniform und mit Maschinengewehr in der Hand. Sie hatten Blickkontakt. „Er war für den Staat da und wir waren gegen den Staat da.“

Halb fünf: Die Stasi kam am 28. März 1984, um halb fünf morgens. Fünf Männer und eine Frau. Den Sohn durfte Schlegel noch zu ihrer Mutter bringen. „Ich habe mich zu ihm runter gekniet und gesagt: Die Mutti geht dir was Schönes kaufen. Ich bin heute Abend wieder da.“ Ein Jahr sieht sie den Zweijährigen nicht.

U-Haft: Sie kam nach Gera in Untersuchungshaft. Verhöre von morgens bis abends – ohne Essen, ohne Wasser. „Ich habe in die Hose gemacht, weil ich nicht auf Toilette durfte“, sagt Schlegel. Sie musste sich nackt ausziehen. „Mir ist in alle Löcher geguckt worden, die eine Frau hat“, sagt sie. Sie wollte nicht duschen, weil sie an die Gaskammern in Buchenwald dachte und an einen Bekannten, der in Gera in der U-Haft gestorben war. Deshalb wusch sie sich am Waschbecken. Schlafen musste sie auf dem Rücken, mit den Händen auf der Decke. Alle 20 Minuten wurde nachts das Licht eingeschaltet.

Hungerstreik: Weil sie nicht wusste, was mit ihrem Sohn war, verweigerte sie fünf Tage das Essen. Bis sie erfuhr, dass er noch immer bei ihrer Mutter war. Sie musste ihr auch das Sorgerecht übertragen. Nach drei Monaten in U-Haft habe sie noch 38 Kilogramm gewogen.

Frauenzuchthaus Hoheneck: Sie wurde ins Frauenzuchthaus Hoheneck verlegt. 42 Frauen in einer Zelle. Zwei Toiletten, ein paar Wasserhähne über einem Trog. Sie schliefen auf Strohsäcken („mit Ungeziefer“). Politische Gefangene saßen mit verurteilten Kriminellen zusammen, erzählt Schlegel. „Und ständig ist man begrapscht worden.“ Aber sie hatte Glück. Denn sie hatte sich mit Ramona angefreundet. „Ramona“, sagte sie, als sie im Freigang waren, „du musst meine Knastmieze werden.“ Und so gingen sie eine Scheinbeziehung ein, zum Schutz vor den anderen.

Seife: Jeden Tag hätten sie sich ein Stück Seife hin- und hergeschenkt als Liebesbeweis. „Ich bin immer in die Zelle und habe gesagt, meine Mieze hat mir ein Stück Seife geschenkt. Die liebt mich so.“ Im Freihof seien sie immer Arm in Arm herumgelaufen, „als wären wir ein verliebtes Pärchen“.

In den Westen: Nach fünf Monaten und 24 Tagen wurde Elke Schlegel von der Bundesrepublik freigekauft. Sie bekam ihre Entlassungsurkunde aus der DDR und stieg in einen Bus mit etwa 50 anderen Menschen Richtung Westen. Fast wäre sie wieder ausgestiegen, weil sie ihren Sohn nicht in der DDR lassen wollte. Dass sie ihren Sohn nicht sah, sagt sie, sei das Schlimmste gewesen.

Ungewohnt: Im Westen war anfangs alles fremd. „Die Türen wieder selber öffnen, entscheiden, welchen Pullover man trägt und solche Sachen.“ Ihr Mann hatte das gleiche erlebt wie sie. Bilder von ihm hängen in der Wohnung. Vor ein paar Jahren ist er an Krebs gestorben. „Ihm musste ich nie erklären, wie die Haft war“, sagt Schlegel.

Der Sohn: Im Februar 85 fuhr Schlegel zurück in die DDR, obwohl sie fürchtete, wieder eingesperrt zu werden. Aber die Sehnsucht nach ihrem Sohn sei größer gewesen als die Angst. Am Bahnhof warteten ihre Mutter, ihre Oma, ihr Bruder und ihr Junge. „Aufgereiht wie die Orgelpfeifen.“ Reden konnten sie kaum, weil überall Stasi war. Diesmal nahm sie ihren Sohn mit.

Koblenz: Sie hatten in Koblenz eine Wohnung bekommen und Schlegel fand einen Job in einer Pizzeria. 15 Jahre blieb sie dort. „Die Italiener haben uns richtig in ihre Familie aufgenommen.“ Von Koblenz aus reisten Schlegel und ihr Mann im Urlaub um die Welt. Rio de Janeiro, Großbritannien, weiße Sandstrände, die sie zuvor nur von Postkarten kannte. Sie zeigt Urlaubsfotos. Man könnte meinen, jetzt war alles gut. Schlegel war frei, konnte leben, wie sie wollte. Aber so einfach ließ sich die DDR nicht abschütteln.

Umzüge: In den ersten Jahren zogen sie in Koblenz zehnmal um. Bloß nicht zu lange an einem Ort bleiben. Eine Therapeutin wird ihr später sagen: „Das war eine Art Flucht.“ Auch Angst sei ein Gefängnis.

Mauerfall: Und dann fiel 1989 die Mauer. Sie war zwar glücklich, aber gleichzeitig entsetzt. Denn sie fürchtete, dass nun auch die Richter und ihre alten Wärterinnen in den Westen kamen. 2007 bekam diese Angst ein Gesicht. Schlegel arbeitete seit sieben Jahren bei einer Versicherung in Koblenz, als sie mit einer Kollegin heimfuhr. Die Frau hörte ihren DDR-Akzent. Sie komme auch aus dem Osten, sagte sie. Schlegel erzählt, dass sie im Frauenzuchthaus Hoheneck gesessen hat. Die Kollegin sagt: „Da war ich Aufseherin.“ Schlegel reißt die Autotür auf, die Frau macht eine Vollbremsung, Schlegel flüchtet, klettert über die Leitplanke, rennt in den Stadtwald. Sie weint, sie schreit, irrt zwischen den Bäumen umher. Hinter sich hört sie die Frau rufen, sie sei „eine von den Guten“ gewesen. „Es gab keine Guten“, sagt Schlegel.

Hilfe: Nach dem Zusammenbruch brauchte es Jahre der Therapie, um von den Erinnerungen an die Nasszelle, den Demütigungen und Foltererfahrungen nicht wieder eingeholt zu werden. „Manchmal denke ich: Das kann doch nicht mein Leben gewesen sein.“