Athletensprecherin Miller über Olympia: „Wir brauchen rote Linien“

Mareike Miller, Vorstandsmitglied vom Verein Athleten Deutschland, erklärt, was Sportler an den Spielen in China besorgt und was getan werden muss.

Deutsche Athleten steigen mit ihren Koffern aus dem Bus

Mit Vorfreude und mulmigem Gefühl: Mitglieder des deutschen Teams bei Ankunft im olympischen Dorf Foto: Anthony Wallace/ap

taz: Frau Miller, die große Mehrzahl der Ath­le­ten freut sich auf die Olympischen Spiele in Peking. Das hat Thomas Weikert, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), behauptet. Nehmen Sie das auch so wahr?

Mareike Miller: Ich habe schon den Eindruck, dass sich die Athleten aus sportlicher Perspektive auf die Olympischen und auch Paralympischen Spiele, auf die sie so lange hingearbeitet haben, sehr freuen. Aber natürlich reisen viele mit einem mulmigen Gefühl dorthin, weil die ganzen Umstände Sorgen bereiten.

Sie sind im Präsidium von Athleten Deutschland e. V. Wie groß war der Beratungsbedarf zuletzt?

Ich bin nicht mit dem Tagesgeschäft betraut, aber in den letzten zwei Jahren sind allein schon durch die Pandemie die Anfragen stark angestiegen. 2021 haben sich über 115 Athleten an uns gewendet.

Um welche Themen geht es?

Das kann man nicht pauschalisieren. In Hinblick auf die Spiele in Peking sind wir seit Sommer immer wieder in Austausch mit Athleten. Themen waren hier Corona, Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Datensicherheit und die Boykott­diskussion.

Mareike Miller 31, ist Rollstuhlbasketballerin. Größter Erfolg: olympische Goldmedaille 2012 in London. Miller ist Aktivensprecherin des Deutschen Behindertensportverbandes und im Präsidium der Spitzensportlervertretung Athleten Deutschland e. V.

Inwiefern war der sportliche Boykott ein Thema?

Ein sportlicher Boykott wurde zwar zu keinem Zeitpunkt gefordert, die Athleten wurden von vielen aber gefragt, ob sie ihn für sinnvoll halten. In den Gesprächen, die wir mit den Sportlern zu allen Themen rund um Peking geführt haben, ging es auch um einen Austausch von Informationen. Es sind teilweise Athleten in dieser Situation, die noch Schüler sind oder am Anfang des Studiums. Man kann nicht erwarten, dass sich alle mit internationaler Politik auskennen.

Der DOSB hat einen Leitfaden zu China für die Ath­le­ten erstellt, damit sich diese dort „gut vorbereitet fühlen“. Grundsätzlich, heißt es, stünde freier Meinungsäußerung nichts im Wege im Rahmen der olympischen Regeln. Zugleich wird aber vor einer „negativen Reaktion des chinesischen Regimes“ gewarnt, sollte man sich kritisch äußern. Ist das nicht eine Farce?

Das ist ein Riesenproblem. Nach der Drohung eines chinesischen Mitglieds des Organisationskomitees hätte das IOC sich ganz klar von dieser Aussage distanzieren müssen. Es ist Aufgabe des IOC, dass diese Veranstaltung auch im Rahmen der eigenen selbst festgelegten Werte stattfindet. Das passiert gerade nicht. Das IOC verhält sich passiv.

Der DOSB hat gesagt, man würde sich schützend vor seine Ath­le­ten stellen, sollte es wegen kritischer Meinungsäußerungen zu Schwierigkeiten in China kommen. Das klingt angesichts der eigenen Bedrohungsanalyse hilflos.

Das ist natürlich ein positives Signal des Verbandes, sich auf diese Weise zu den Rechten der Sportlerinnen und Sportler zu bekennen und entsprechend Unterstützung zuzusagen. Ich frage mich an der Stelle aber auch, wie das funktionieren soll.

Kann man sich im Zweifelsfall auf das IOC verlassen?

Das kann man vorab schlecht absehen. Das IOC hat in der Vergangenheit wenig dafür getan, dass man ihm vertraut. Auch jetzt fehlt jegliche Transparenz bei wichtigen Fragen. Und ich glaube nicht, dass das IOC Festnahmen verhindern kann.

Theoretisch hätte das IOC eine große Macht. Die Spiele könnten gestoppt werden.

Das IOC hat in der Vergangenheit wirtschaftliche und politische Erwägungen über seine menschenrechtliche Sorgfaltspflicht gestellt. Ich glaube daher nicht, dass das IOC seine Macht für einen einzelnen Sportler einsetzen würde. Besonders, wenn man sieht, wie sich das IOC im Fall der chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai positioniert hat. Bis heute ist ungeklärt, ob sie frei von Zwang und Druck handelte und ob alles für ihren Schutz getan wird. Es geht dann auch bei den Spielen um TV-Rechte und die Sorge vor finanziellen Einbußen. Für die Veranstalter und Organisatoren bestehen da auch wirtschaftliche Zwänge.

Ohne die Ath­le­ten könnten die Olympischen Spiele nicht stattfinden, und dennoch haben sie nahezu keine Macht und Rechte. Was muss sich ändern?

Das Vergabeverfahren der Spiele müsste transparenter gemacht werden. Die Kriterien und finalen Entscheidungen müssten mit den Athleten verhandelt werden, damit man die Diskussion nicht erst im Anschluss führt. Wir Athleten wollen alle nicht, dass unser Sport Schaden anrichtet. Hier muss es eine Debatte zu roten Linien geben. Sie ist schwierig zu führen, wenn wie derzeit alle internationalen Sportler in solch komplexen Verfahren ohne konkreten Austausch nur von einzelnen Personen in Gremien des IOC hinter verschlossenen Türen vertreten werden.

Es braucht eine bessere internationale Interessenvertretung der Athleten?

Wie wichtig das ist, sieht man gerade in Deutschland. Seitdem wir unabhängig organisiert sind, sind wir ganz anders in der Lage, zu vielem Stellung zu beziehen und die Athleten besser zu vertreten. Wobei es ein Grundproblem gibt: Es ist noch keine Option, Athletenvertretungen international besser zu vernetzen, weil es sie in vielen Ländern gar nicht gibt.

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