Politische Athleten bei Olympia: Fragen des Erlaubten

Das IOC gibt politischen Protesten mehr Raum, delegiert aber die Verantwortung an die Sportverbände. Das sorgt für Unsicherheit unter den Sportlern.

Gwen Berry bei einer Sporveranstaltung.

Will sich die Faust nicht verbieten lassen: Gwen Berry Foto: Morgan Treacy/imago

TOKIO taz | Der Anfang ist bereits vor der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Tokio gemacht. Politischer Protest in der Miniversion ist olympisch geworden. Vorm Anpfiff des Auftaktspiels des Frauenfußballturniers am Mittwoch gingen die Spielerinnen von Großbritannien und Chile sowie das Schiedsrichterinnengespann im Stadion von Sapporo in die Knie, um ein Zeichen gegen Rassismus zu setzen. Straffrei möglich ist dies erst Anfang diesen Monats durch die Aufweichung der Regel 50.2 der Olympischen Charta durch das IOC geworden. Denn bislang sah das Regelwerk „keine Art von Demonstration oder politischer, religiöser oder rassistischer Propaganda in den olympischen Stätten“ vor.

Bei den Sommerspielen in Tokio gilt dieses Gebot zwar nach wie vor während der Wettkämpfe, Siegerehrungen, Eröffnungs- und Schlussfeier, aber kurz vor und nach Anpfiff der Wettbewerbe hat das IOC nun ein kleines Zeitfenster für politische Bekenntnisse geschaffen. Im Rahmen der olympischen Werte, wie es beim IOC heißt, dürften die Ath­le­t:in­nen sowieso ihre Meinungen vor den Medien kundtun.

Das neue Zeitfenster genutzt haben am Mittwoch in Tokio auch die zwei knienden Fußballteams aus Schweden und den USA. Die US-Fußballerinnen, die mit der 0:3-Niederlage einen überraschend miesen Start hinlegten, sind, lange bevor das Knien gegen Rassismus bei der Männerfußball-EM vor wenigen Wochen zum mehrheitsfähigen Protestzeichen wurde, bekannt für ihre Haltung. Früh folgten sie dem Beispiel des US-Footballers Colin Kaepernick, der nach seinem Kniefall 2016 zur Ikone des Athletenprotests wurde.

Unterdessen sind derlei Zeichen fast schon Usus geworden im Fußball. Die US-Kapitänin Megan Rapinoe hatte schon Anfang des Jahres dem IOC signalisiert, dass sie sich in Tokio nicht zum Schweigen verdonnern lassen werde. Entscheidend fürs kurzfristige Umschwenken des IOC dürfte die Macht der Fifa gewesen sein, die das Olympiafußballturnier ausrichtet und sich die Proteste der Aktiven auf die eigenen Fahnen schreibt. ­Gianni Infantino hat seine Unterstützung zugesagt.

Fauler Formelkompromiss

Das IOC hat sich für die Sommerspiele aber auf einen konfliktträchtigen Formelkompromiss eingelassen. Grundsätzlich sind Proteste zwar in der beschriebenen Form möglich, entscheidend bei der Auslegung sind aber die Regeln der jeweiligen Sportverbände. So hat der Präsident des Schwimm-Weltverbands, Husain Al-Musallam, vor wenigen Wochen erklärt, dass während der olympischen Wettbewerbe freie Meinungsäußerung möglich sei, aber keine politischen Symbolakte vorm Start. Es entsteht ein Zweiklassenrechtssystem, das zu Reibungen innerhalb der Sportverbände zwischen Funk­tio­nä­r:in­nen und Sport­le­r:in­nen führen dürfte, wodurch wiederum das IOC unter Druck kommen könnte.

Die Kapitänin der deutschen Hockeynationalmannschaft hat gerade in einem Interview mit der FAZ die unsichere Rechtslage bemängelt. Sie wüsste nicht, welche Sanktionen ihr blühen würden, wenn sie ihre Regenbogenkapitänsbinde wie bei der WM auch in Tokio tragen würde. Sie wisse nicht, wer über sie richten würde, das IOC, der Deutsche Olympische Sportbund oder der Hockey-Weltverband? Ihre Fragen konnte ihr niemand beantworten. Sie fühle sich alleingelassen. Nun teilte der DOSB mit, dass sie mit Regenbogenbinde spielen darf.

Die Vorsitzende der IOC-Athletenkommission, Kirsty Coventry, hatte im Frühjahr noch gesagt: „Wir fordern die Kommission für Rechtsangelegenheiten auf, eine angemessene Spannbreite unterschiedlicher Sanktionen vorzulegen, damit jeder weiß, was er bei einem Spielbesuch tun kann und was nicht.“ Mit der aufgeweichten IOC-Regel Anfang Juli ist stattdessen mehr Ungerechtigkeit unter den Athleten und vor allem mehr Unklarheit im Verantwortungsbereich geschaffen worden. Vielleicht ist das ganz bewusst so geschehen. Denn alle müssen im Zweifelsfall mit dem Schlimmsten rechnen.

Zu rechnen ist bei diesen Spielen auch damit, dass einige Athletinnen sich gar nicht um die Frage des Erlaubten kümmern werden. Die US-Hammerwerferin Gwen Berry, die auch in Tokio an den Start gehen wird, streckte bei den panamerikanischen Spielen in Lima 2019 bei der Siegerehrung und dem Abspielen der Nationalhymne die Faust in die Höhe, so wie es einst in dem berühmt gewordenen Moment bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko die Sprinter Tommie Smith und John Carlos taten. Anders als ihre beiden Landsmänner damals wurde Berry nicht suspendiert, sondern mit einer Bewährungsstrafe belegt.

Die 32-Jährige, die sich immer wieder lautstark gegen Rassismus und Polizeigewalt engagiert, hat sich vorbehalten, Ähnliches auch in Tokio zu machen. Sie werde ihr Gefühl in dem Augenblick entscheiden lassen.

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